Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 43 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- Seite 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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470 Das Jüdisch« Echo Nr. 43 Blick von der Erzader zum leuchtenden Himmel... Läßt der Fünfte die Gemsen sein und steigt höher hinauf... Der Gipfel des Berges zieht sie an... Jede Siedlung hat ihren unruhigen Geist, und manche Siedlungen haben ihrer mehrere. Und sie steigen... Sie steigen . Je höher sie steigen, umso schmäler wird der Rücken des Berges. Und so muß es kommen, daß die Steigenden sich begegnen... Traurig klingt hier das Märchen.». traurig und schaurig... Traurige Geschichten erzählt es von blutigen Kämpfen... * * * Und das Märchen spinnt immer weiter: Hat jede Siedlung ihren unruhigen Geist, und manche Siedlungen haben ihrer mehrere... Nach dem Gipfel des Berges sehnen sie sich... Nach den starken Wiinden, nach den großen Adlern... Nach dem offenen freien Himmel. Nach dem reichen hellen Licht. Nach dem schönsten Sonnenaufgang... Es zieht sie zum Gipfel des Berges... Einzeln ziehen sie, über die Grenzen der Felder gehen sie. Aus den Weingärten kommen sie . . . Aus den Bergwerken steigen sie ... Über Stein und Fels. Und sie überholen die Gemsen. Die sehnsüchtigen Augen gen Himmel gerichtet, steigen sie; mit gierigen Ohren fangen sie jedes Geräusch der Höhe auf. Und manchmal begegnen sie sich ... Sie begegnen sich und erschrecken. Mißtrauisch, verwundert blickt der eine den andern an und bleibt stehen. Von verschiedenen Orten sind sie gekommen, verschiedene Wege sind sie gegangen, ein jeder ist anders gekleidet, jeder trägt sein Haar anders und hat eine andere Mütze auf... Sie begrüßen sich und stammeln: „Guten Morgen!“ Ein jeder sagt es aber in seiner Sprache, in seiner einzigen Sprache ... Und der Gruß klingt dem andern unverständlich, unmenschlich und hart in die Ohren... Und jeder glaubt, daß ihm der andere droht. „Er beleidigt mich! Er flucht mir!“ Und der eine fragt den andern: „Bist du ein Mensch? Glaubst du; an..?“ Und er nennt den Namen Gottes, des einzigen Gottes... Und der Name Gottes wird in zwei verschiedenen Sprachen genannt, und ein jeder denkt: „Er spricht nicht wie ein Mensch und glaubt auch nicht an Gott...“ Und sie rüsten sich zum Kampf... Ein jeder ruft vor dem Kampfe seinen Gott an. Ein jeder spricht: „Er spottet meiner und lästert meinen Gott!“ Oder: „Er dient einem andern Gott, einem falschen Gott, einem schlechten Gott!“ Und der Haß flammt noch wilder auf, und sie beginnen zu kämpfen. Um Leben und Tod geht der Streit... Der eine siegt schließlich und mit ihm sein einziger Gott... Und der Besiegte verflucht oder segnet seinen Gott und stürzt... Und der Körper des Besiegten rollt den Berg von Abhang zu Abhang hinab ... Und er läßt eine blutige Spur am Rücken des Berges zurück, am Rücken des hohen, mächtigen Berges... Der Sieger aber dankt seinem Gott in seiner Sprache und steigt immer höher und höher... Und die Zahl der unruhigen Geister in jeder Siedlung, und die Zahl derer, die sich am Rücken des Berges begegnen und bekämpfen, wächst von Tag zu Tag... Es wächst auch die Sehnsucht, die sie hinauftreibt ... Es wächst der Zorn gegen den Wilden, den man auf seinem Wege trifft; gegen das wilde Tier, das an keinen Gott glaubt. Das einen schlechten und falschen Gott hat und in einer unmenschlichen Sprache stammelt.. Und der Mensch steigt mit seinem Zorn immer höher hinauf. Und mit dem Menschen steigen auch Streit und Krieg in immer höhere Regionen.. Und die Schlacht tobt immer höher und nähert sich dem Gipfel des Berges... Und die toten Körper der Besiegten rollen immer öfter hinab, aus größerer Höhe, von Abhang zu Abhang... Im Rollen werden sie von den spitzen Steinen zerrissen, und Blutströme rieseln von Abhang zu Abhang hinab. Und das Blut strömt und überflutet den Rücken des Berges und färbt ihn rot... Das Blut der besiegten Gotteslästerer macht die Äcker am Fuße des Berges fruchtbar. Immer voller und schwerer werden die Ähren von Weizen und Korn; voller und glühender die Trauben, und süßer ihr Saft... Und die Weiden werden immer fetter und üppiger, und das Vieh gibt immer mehr Milch... Und die Sieger danken Gott und steigen von Sehnsucht getrieben immer höher hinauf. . * * * Und weiter erzählt das Märchen: Die Siedlungen am Fuße des Berges vermehren sich und werden immer fruchtbarer. Und auch Am 19. Oktober verschied nach längerer schwerer Krankheit Herr Justizrat und Rechtsanwalt A. OFNER, I. Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München. Unsere Gemeinde beklagt den Verlust ihres durch die trefflichsten Eigenschaften des Geistes und des Herzens ausgezeichneten Führers. In unermüdlicher, opferfreudiger und uneigennütziger Hingabe hat er sich der Entwicklung unserer Gemeinde gewidmet. Seine hohen Verdienste und sein segensreiches vorbildliches Wirken werden fortleben. Ein ehrendes dankbares Gedenken ist für alle Zeiten dem edlen Verblichenen gesichert. München, den 21. Oktober 1917. Die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde München. MICHAEL NUSSBAUM, II. Vorstand.