Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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448 Das Jüdische Echo Nr. 41 ßebenhet öes ßUfswerhes J für Paläjtina! # Sobald! in Palästina die ersten Winter- # # regen niedergehen, wird die Not der Ob- 0 0 dachlosen ins Unermeßliche wachsen. Zu £ £ Hunger und Seuchen gesellt sich dann £ noch die Not der Nässe und Kälte! 5 Helft! 0 Spenden aus Bayern sind zu richten an £ 0 das Bankhaus J. L. Feuchtwanger,^ a München, Postscheckkonto 552. auf eine Autorität hin genügt nicht. Nicht mehr: Pantheistischer Überschwang, der überall Gott zu finden glaubt, und sein negativer Gegenpol, Hebbels „Pantragismus“, der sich lauter gleichberechtigten und einander widerstreitenden letzten Dämonen gegenübersieht, ohne die Möglichkeit, in dieses Wirrsal einen Sinn zu bringen, — auch diese reichen nicht zu, wiewohl sie verehrungswürdige Vorstufen des Religiösen sein mögen. Dagegen Religion im reinsten und einfachsten Sinne ist es, wenn einige Akademiker in Rußland den Plan fassen (und mehr als das: ausführen), ohne irgendwelche agronomische Vorkenntnisse, nur im Vertrauen darauf, daß dies der einzige vor Gott gerechtfertigte Weg sei, ohne bestimmten Plan, ohne Kenntnis von Land und Leuten nach Palästina zu gehen und dort von ihrer Hände Arbeit zu leben. Eine offene Grube ohne Dach wird ihre Zuflucht sein, Regen wird sie nässen, Malaria ihre Körper schlagen, der streifende Araber ihre junge Anpflanzung verwüsten, deren Erde sie „buchstäblich mit den Nägeln aufgegraben haben“, — und dennoch wird ihre Tat geschehen. Ich spreche nicht von einer Phantasie. Sondern dies ist tatsächlich die Urzelle der ersten modernen jüdischen Kolonie in Palästina, des heute sehr lebensfähigen Örtchens Rischon - le - Zion, im Jahre 1882 von ein paar Studenten, den sogenannten „Bilu“, gegründet. Man muß immer wieder auf den elementar-religiösen Urquell der einzigartigen Kolonisation Palästinas hinweisen, wenn man würdigen oder überhaupt nur begreifen will, daß hier ein Volk, nirgends in der Welt als Volk anerkannt, befähigt ist, dasselbe zu leisten, was sonst Völker nur in ihrer allerhöchsten ausgebildetsten Organisationsform als Staaten zustande gebracht und öfter noch nicht zustande gebracht haben. — Man bedenke: alle Funktionen, die sonst der kolonisierende Staat beistelilt (zum Beispiel Anlage unproduktiver gemeinnütziger Einrichtungen, Schulen, landwirtschaftliche Erziehung, Arbeiterfürsorge, Heimstätten, hygienische Institute, ja sogar die Sorge für die öffentliche Sicherheit) müssen aus privaten Mitteln bestritten werden. Keine Regierung hilft und man muß Gott danken, wenn keine stört. Und diese Privatmittel fließen nicht aus einem einheitlichen, einheitlich geleiteten Volkskörpör, sondern aus dem in sich uneinigen, zersprengten, materialistisch entnervten Judenvolk, aus diesem Volk, dessen paradoxe Lage durch nichts in der Welt besser charakterisiert ist als durch die Tatsache, daß es bestrebt ist, in seiner eigenen „Heimat“ „Kolonien“ zu gründen. Ich möchte den denkenden Menschen sehen, der diese Schwierigkeiten richtig überblickte und an der Fiktion festhielte, sie könnten ohne die Entfesselung einer wahren religiösen Urkraft überwunden werden. Genügte nicht Moral, Volksmoral, Staatsmoral? — Hier kann es nur eine Antwort geben, wiewohl gerade dieses Gebiet durch einige jüngste Terminologien mit Erfolg vernebelt worden ist. Man hat nämlich Moral und Religion in Gegensatz gestellt. Dies ist natürlich nur so gelungen, daß man das Niveau der Moral herunterschraubte, daß man (Ricarda Huch: Luthers Glaube) unter „Guthandeln“ ein Handeln verstand, welches „das Wohl des Nächsten“ bezweckt. Mit derartiger Benthamscher Nützlichkeitsmoral hat freilich Religion nichts zu schaffen, mit ihr wird man auch niemanden nach1 Palästina locken, selbst dann nicht, wenn man dem Worte „Wohl“ die allerspirtualste Bedeutung gibt. — Sinn der Religion (zumindest der jüdischen) ist es niemals, dem Menschen wohlzutun, sondern ihn in das richtige Leiden einzustellen, in die erschütternde Einsicht seiner Endlichkeit und Unzulänglichkeit gegenüber dem Absoluten, ihn zu1 diesem Zwecke freilich auch zahllosen unrichtigen, weil unwesentlichen, behebbaren Leiden zu entreißen, da diese Leiden (Plackereien des Alltags), Krieg, soziale Ungerechtigkeit, Ansnützung. Mangel an freier Zeit und Lebenskraft) ihn nur beirren und von dem einzig liebenswerten, edlen, wahrhaft menschenwürdigen Leid, von Reue und am Unendlichen entzündeter Begeisterung ablenken. Schalom Asch hat in einer schönen Novelle („Ein Talent für Palästina“) erzählt, wie ein jüdischer Kleinbürger aus seinem wolhynischen Kramladen in das Land der Väter ausgewandert und dort über alle Betrübnisse hinweg (und den Scheltworten seiner Frau zum Trotz) den Sinn seines Daseins hinter dem Pflug findet. Nicht darauf, daß es dem Mann jetzt besser geht als in seinem russischen „Städtel“, beruft sich der Dichter, sondern daß er und seine Familie richtiger, wesenhafter, erkenntnisreicher (im metaphysischen Sinne) leiden. Diesen klaren religiösen Tatbestand halte man sich vor Augen und beurteile dann die beklagenswerte Unwissenheit oder den bösen Willen eines Autors (Clemens Ritter in der von Franz Blei herausgegebenen Vierteljahrsschrift „Summa“, — Hellerauer Verlag), der die junge jüdische Palästinabewegung mit den Worten abfertigt: „Sind ihre Führer nicht die stolzen Söhne von Abraham, Jakob, Moses und David? Ach, es ist nur der große Schriftsteller David, von dem sie reden; und an ihren Propheten loben sie nur die großen Worte, die prächtigen Bilder, und wenn es hoch kommt, die Ideen“. — Es gilt also gar nicht, daß die von religiöser Glut auf eine wahrhaft unfaßbare Art ergriffenen Herzen das, was Moses gebot und was David lobpries, in Wirklichkeit tun, erfüllen, leiden und ihr zeitliches Leben daran wagen? Dem Literaten Ritter bleibt das: Literatur, Lob des „Schriftstellers David“. Ach, der Arme hat nie die gegenwärtige und alle Vernunftgründe überschwemmende Inbrunst gehört, mit der etwa galizische Juden, fromme und unfromme, den „König David“ als ihren Retter anrufen, nie die natürliche Selbstverständlichkeit, mit der sie die Erfüllung aller ihrer Wünsche zur Messiaszeit in die Worte fassen: Moses unser Lehrer, wird uns lehren, David, unser, König, wird uns singen. — Ritter kennt die abgrundtiefen Sehnsuchtskräfte nicht, die sich in der Palästinakolonisation ent-