Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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446 Das Jüdische Echo Nr. 41 ist, das erste Opfer dieses barbarischen Nationalismus wird. Das erklärt auch, wieso gerade die akademische Jugend den Antisemitismus vertritt. Ein weiterer Faktor ist die moderne Rassentheorie, der eine übertriebene Wichtigkeit beigemessen wird und deren Behauptungen selten wissenschaftlich bewiesen werden können, die aber schnell popularisiert oder besser vulgarisiert wird und die ganze intellektuelle Jugend eines Volkes ergreift. Wenn heutzutage der erste beste Student die Judenfrage erörtert, bringt er hintereinander fünfundzwanzig Rassentheorien an, um zu beweisen, wie inferior die jüdische Rasse sei. Selbstverständlich hat er keine dieser Theorien selbst untersucht und wahrscheinlich nicht einmal ein ernsthaftes rassenwissenschaftliches Werk gelesen; aber da diese Theorien nun einmal im Schwange und Mode sind, werden sie den Studenten entweder von den Professoren oder von äLteren Kommilitonen schnell beigebracht. Die Folge ist, daß junge Leute, die ohne jegliches Vorurteil gegen die Juden in die Universität eintreten, bald für den Antisemitismus gewonnen werden. Bei ihrem offiziellen Eintritt in Kreise, in denen der Antisemitismus zu Hause ist, müssen sie sich nolens volens zu der Politik der antisemitischen Führer bekennen und in deren Fußtapfen treten. Natürlich lehrt man die akademische Jugend, die Juden im Namen der nationalen Ideale, der nationalen Überlegenheit, des nationalen Genies zu hassen. Die Jünglinge sind zu unreif um einzusehen, daß diese Art von nationalem Idealismus und von Rassentheorie nichts anders ist als der ganz gewöhnliche Naturalismus. Er stellt die Psychologie der Rassen auf die gleiche Stufe mit der Psychologie der Tiere. Weder die Psychologie des einzelnen Menschen noch die Psychologie der einzelnen Nation kann lediglich vom Standpunkt einer Betrachtung des Blutes, der Haut und des Knochenbaues allein bestimmt werden. Psychologie auf rein physiologischer Grundlage kann man vielleicht bei Hunden und Pferden, aber niemals bei menschlichen Wesen und bestimmt nicht bei ganzen Völkern treiben, da deren Psychologie noch auf ganz andere als die rein materialistischen Grundlagen zurückzuführen ist. Nächst der modernen Geschichts- und Rassenwissenschaft ist es die Philologie und besonders die nationale Philologie, die zur Schaffung einer antisemitischen Atmosphäre in der intellektuellen Jugend beigetragen hat. Aus den Legenden und Dichtungen ihres Volkes schmieden die Philologen Waffen gegen andere Nationen und besonders gegen die Juden. Als ein Beispiel für viele sei Adolf Bartels genannt. In neuerer Zeit haben sich auch Volkswirtschaftler zu den Historikern, Rassentheoretikern und Philologen gesellt und greifen gleichfalls die Juden und das Judentum an. Dies gilt besonders von polnischen und rumänischen Nationalökonomen. Der Anteil der intellektuellen Jugend fast aller europäischen Länder an der antisemitischen Bewegung ist demnach kein Wunder. Der Antisemitismus gilt heutzutage in vielen Kreisen geradezu als ein Beweis von Kultur; viele die sich selbst als Vertreter der Kultur ansehen, sind gleichzeitig antisemitische Wortführer. Ob dieser Zustand von Dauer oder eine vorübergehende Zeiterscheinung ist, wird die Zukunft lehren. Vorläufig rühmen sich die Judenfeinde, daß die intellektuelle Jugend zu ihren Anhängern gehört. Die jttdische Kolonisation in Palästina.*) Von Max B r o d. Die besondere Schwierigkeit, ja Unzulänglichkeit der Judenfrage liegt darin, daß sie keine soziale, wirtschaftliche, kulturelle, politische oder nationale Frage ist, sondern alles dieses zugleich und überdies noch eine allerhöchste Ausweitung aller dieser Fragen: eine religiöse Angelegenheit. Im ersten Aufflammen der großen Entdeckung Theodor Herzls „Wir sind ein Volk, e i n Volk“, — einer Entdeckung, die nur den jüdischen Westen revolutionierte, weil der Osten das zu Entdeckende nie vergessen hatte —, im ersten Rausche weltlich-nationaler Freude mochte man allerdings zur beliebten Indifferenz-Maxime der Sozialdemokratie greifen, daß Religion Privatsache sei, und damit die jüdische Sache, die ein Religiosum ist und bleiben muß, zu einem bloßen Politikum degradieren. Aber Wort blieb Wort und jenseits aller Prinzipien setzte sich die einfache Lebenstatsache durch, daß auch bei Betonung nationaler Wesenhaftigkeit der neuen jüdischen Bewegung das Besondere und Wesenhafte dieser einen Nation für alle Zeiten eben darin beschlossen liegt, Gott zu suchen mit aller aufbauenden Kraft und zugleich mit aller Kraft zerstörendster Skepsis sich selbst zu verwerfen und zu verhöhnen, solange der Weg zu Gott nicht beschritten wird. — Mögen wir uns hundertmal als Nation erklären: wir sind nur eine Karikatur unser selbst (und das sind wir ja tatsächlich in unserem heutigen Zustand), falls wir nicht unser vorzüglichstes Nationalgut in der religiösen Seele erblicken. Wer das leugnet, scheidet aus dem Kern des Judentums. Die Sadduzäer taten es zur Zeit des letzten Tempels, wollten uns als ein Volk unter Völkern, mit Streitwagen, hoher Diplomatie, Imperialismus usw. Und die sadduzäische Idee ist ja durchaus nicht ausgestorben. Neulich hat sie der extrem-hebraistische Theoretiker Klatzkin, indem er uns nur eine Sprache, aber keinen besonderen „Geist des Judentums“ zuerkannte, wieder aufgefrischt. — Indessen kann die jüdische Kolonisation in Palästina von keinem andern Stand als vom allerhöchsten, religiösen aus richtig gesehen werden! Von diesem Standpunkt ist allerdings zwar nicht dem Wortlaut, aber dem Sinne nach unendlich weit entfernt, wer den jüdischen Kolonisten und Arbeitern (namentlich den zuletzt eingewanderten) die gelegentliche Nichteinhaltung der Sabbathruhe verübelt oder gar die Neuu. Weiterbildung religiöser Feste vorschreibt. — Nicht nähejr kommt ihm aber auch sein Gegenbild, der Aufklärer, dem es nicht in den Kram paßt, daß die Landwirte einiger Kolonien das Erlaß- und Jubeljahr der Bibel wiedereinführen, und der in „Reliquienverehrung“ solcher Art ein Hemmnis für die Produktivität des Bodens erblickt. — Es zeigt sich, daß der geradlinig Orthodoxe wie der hintergrundslose Zivilisations-Narr kein Verständnis für jenes blühende und in seinen steten Veränderungen immer neu überraschende Leben haben, das allein Sympton und Bürgschaft einer in der Tiefe wirkenden religiösen Erschütterung bedeutet. Religion ist unmittelbares Erleben des einzigen Gottes, nicht mehr und nicht weniger. N ic h t weniger. Will sagen: Bloßes Glauben an Gott _ (Fortsetzung Seite 448.) 4) Der Zeitschrift: „Die neue Rundschau“ entnommen.