Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 41 (12.10.1917)
- Date
- 1917-10-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. IBezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Yiertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganz). M. 4.—,Einzelnummer 10 Pf. — Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Her« zogMaxstr4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mmmmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PL — Bei Wiederholungen Rabatt— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog MaxstraQe 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 41 München / 4. Jahrgang 12. Oktober 1917 Intellektueller Äntisemitismus. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß der moderne Antisemitismus nicht so sehr in den breiten Volksschichten, als vielmehr in den gebildeten Kreisen wurzelt. Nach den Pogromen von 1905, von denen die ganze Welt in Schrecken versetzt wurde, sandte der Rektor der St. Petersburger Universität ein Rundschreiben an seine Studenten, worin er sie nach ihrer Meinung über Juden, jüdische Rechte usw. befragte. Obgleich die akademische Jugend Rußlands zu jener Zeit revolutionär und radikal bis auf die Knochen war und sich zu den Grundsätzen der französischen Revolution bekannte, sprach sich die Mehrzahl der Studenten, darunter sogar die anarchistisch gesinnten und eine große Anzahl von Sozialdemokraten, nicht nur mit Abneigung, sondern geradezu mit Haß gegen die Juden aus. Sehr viele gaben offen zu, daß sie gegen die Gewährung der Gleichberechtigung an die russischen Juden seien. Zehn Jahre zuvor hatte der Antisemitismus in Deutschland und Österreich einen Höhepunkt erreicht, und die ganze intellektuelle Jugend beider Länder war von einer antisemitischen Woge ergriffen worden. Eine ähnliche Erscheinung zeigte sich in Frankreich Während des Dr)eyfus-Prozesses. Während die hervorragendsten Führer der Dreyfus-freundlichen Partei ältere Leute mit ausgereiftem Charakter waren, stammten die Führer der Dreyfus-feindlichen Gruppe aus den Kreisen der akademischen Jugend an der Sorbonne und dem Polytechnikum. Die meisten Demonstrationen gegen Dreyfus in den Hauptstraßen von Paris waren von den Studenten der wissenschaftlichen Akademien in Szene gesetzt, und die Unterstützung, die sie von der Pariser akademischen Jugend empfingen, machte die Führer des Feldzuges gegen Dreyfus so vertrauensvoll und kühn. Man kann ohne Übertreibung sagen, daß der Antisemitismus erst dann in einem Lande Fuß faßt, wenn die intellektuelle Jugend von dem Übel ergriffen wird. Das antisemitischste Land auf Gottes Erdboden, nämlich Rumänien, hat den zweifelhaften Ruhm, daß von hundert seiner Studenten neunundneunzig erbitterte Antisemiten sind. Der Versuch, den einige englische Politiker vor fünf oder sechs Jahren unternahmen, eine antisemitische Bewegung in England zu schaffen, mißlang — trotz anscheinender Erfolge — nur weil die akademische Jugend Englands, in den liberalen Anschauungen von Oxford und! Cambridge erzogen worden war. Es ist noch nicht lange her und es ist eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte, daß der Antisemitismus gerade in der intellektuellen Jugend so vieler europäischer Länder Anhängerschaft und Unterstützung gefunden hat. In früheren Zeiten war der Antisemitismus das zweifelhafte Vorrecht der unwissenden Menge, älterer Politiker oder eines satten Bürgertums. Die Triebkräfte waren zu jener Zeit wirtschaftlicher oder religiöser Natur. Heute dagegen entspringt der Antisemitismus aus wissenschaftlichen und nationalistischen Theorien. In der nationalistischen Bewegung eines jeden Landes spielt die akademische Jugend eine bedeutsame Rolle: das allein schon erklärt, wieso gebildete junge Leute, deren einzige Aufgabe die Pflege ihres Geistes und die Erwerbung von Wissen ist, sich in so großer Zahl in den Reihen der gewerbsmäßigen Judenfeinde finden. Noch mehr jedoch als der Nationalismus hat die moderne Kultur, die Geschichtsphilosophie, Philologie, Rassenforschung usw. dazu getan, eine große Schar junger Intellektueller der antisemitischen Bewegung zuzuführen. Die moderne Wissenschaft ist stärker als diejenige der Vergangenheit von kulturellen Gesichtspunkten beeinflußt. Einem modernen Geschichtsprofessor genügt es nicht, seinen Hörern ein Bild der Vergangenheit zu geben und sie die Weltgeschichte unter diesem oder jenem Gesichtspunkt betrachten zu lehren; er hält es heute auch für seine heilige Pflicht, entweder sein eigenes Volk auf Kosten der anderen Völker herauszustreichen oder andere Völker herabzusetzen, oder seine Studenten glauben zu machen, daß nur ihr eigenes Volk das auserwählte Volk sei. Die Zeiten eines Macaulay, Schlosser oder Guizot sind vorbei. Ihnen sind Männer gefolgt wie Greene in England, Treitschke und Onken in Deutschland, Sorel und Bruntiere in Frankreich — lauter Männer, die ihren Schülern nicht nur nationalistische Ideale, Sondern auch dien Haß gegen andere Nationen eingefiößt haben. Der Nationalismus ist berechtigt und natürlich, aber die Sorte von Nationalismus, die von modernen Historikern gepredigt und gelehrt wird, ist schon nicht mehr Nationalismus sondern Chauvinismus und als solcher untrennbar vom Haß gegen andere Völker. Am Ende des neunzehnten und am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ist der alte Nationalismus wieder auferstanden, der den Fremden nicht nur als einen Feind, sondern auch al9 ein tieferstehendes Wesen „Barbaros“ betrachtet. Dieser Nationalismus, der selbst barbarisch ist, da er idealer Ziele und Motive ermangelt, hat sich den Geistern der intellektuellen Jugend eingeprägt und sie derartig vergiftet, daß sie überhaupt nicht mehr human denken können. Es versteht sich von selbst, daß der Jude, der immer politisch und oft wirtschaftlich am schwächsten