Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 40 (5.10.1917)
- Date
- 1917-10-05
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Das Jüdische Echo Nr. 40 die Leidenschaft im Herzen der Zionisten, die so voll von ihrer Idee sind, daß sie davon reden müssen? Und ist nicht das Stummsein auf der andren Seite aus dem Mangel eines ebenso tiefen inneren Erlebnisses zn erklären? Diese Erwägung aber muß zu der weiteren Erkenntnis führen, daß das Ideal des Nationaljudentums die Herzen und Geister der Juden stärker befruchtet als das — wie soll ich es nennen? — deutsch-jüdische Ideal. Aber gibt es denn etwas derartiges? Es müßte wohl eine Synthese von Deutschtum und Judentum sein, und ich habe mich bemüht, aus den Reden, die auf der Zentralvereinssitzung gehalten wurden, deren Wesen zu erkennen. Das ist mir nicht gelungen. Ich traf wohl auf Sätze wie die folgenden: „Die Grundsätze des Zentralvereins sind dasjenige, was man von jedem deutschen Juden verlangen kann“ oder „Der Zentralverein muß dafür sorgen, daß dem Mehr an Judenhaß begegnet wird durch ein Mehr an Organisation, an Arbeit, an Zukunftsglauben“, aber eine Definition des deutsch-jüdischen Ideals fand ich nirgends. Vielleicht ergibt sich aus diesem Mangel die folgende überraschende Erscheinung: wie Blumenfeld schon in seinem Aufsatz ausführte, regt sich heute auch in den Reihen der Deutschen jüdischen Stammes eine tiefe Sehnsucht nach Anfüllung ihres Lebens mit stärkerem jüdischen Inhalt, die sich in regerer Arbeit an der Jugenderziehung, der sozialen Hilfe, der Fürsorge für Juden anderer Länder äußert. Und nun zeigt es sich, daß diese Organisationen und Arbeiten, die in einen ausgesprochenen Gegensatz zu den zionistischen gestellt werden, Schlagworte gebrauchen und mit Begriffen operieren, die sie von — den Zionisten gelernt haben, also ganz offenbar — zionistisch infiziert sind. Die Zionisten denken nicht daran, dies zu bedauern, denn ihr Streben ist ja nicht, eine starke Partei zu bilden, sondern das Judentum zu fördern. Alles was zur Stärkung des Judentums geschieht, kann ihnen nur erwünscht sein, umsomehr, als die Not des Judentums zu so riesenhafter Höhe angewachsen ist, daß sie alle jüdischen Kräfte zu ihrer Linderung aufruft. In Anbetracht dieser dringenden Judennot aber, in Anbetracht der auf beiden Seiten bestehenden Sehnsucht nach mehr Judentum und der dennoch bestehenden Schwierigkeit, die nationale Anschauung des zionistischen Poles mit der des deutsch-nationalen Gegenpoles zu vereinen, sollte man wohl diesen Weg wählen: getrennt mar- ZIGARREN-IMPORT BERNHARD OSTERMAI ER MÜNCHEN PROMENADEPU2 ip schieren und vereint schlagen! „Introite!“ ruft ■ Geheimrat Fuchs im Namen des Zentralvereins j den Zionisten zu. Lassen wir das „introite!“ bei- 4 Seite, aber lassen wir die beiden Lager sich'verbünden zu gemeinsamer Arbeit für das Judentum; in Deutschland und jenseits seiner Grenzen.; Für die fortwährende Abgrenzung logischer Begriffe ist die Zeit nicht geeignet. Ausschlaggebend i ist heute der Wille zum Fortbestand ’ des Judentums, und ein Aufsatz wie der von Geheimrat Fuchs lehrt, daß dieser auch bei Persönlichkeiten. im nicht-nationalen jüdischen Lager lebendig ist. Also: „Nam et hic Dii sunt!“; Die Vorkonferenz für den jüdischen Kongreß in Rußland. Am 18./31. August versammelten sich in Petersburg die Vertreter aller politischen und gesellschaftlichen jüdischen Organisationen der Residenzstädte, sowie einer Anzahl bedeutender Provinzstädte zu einer Beratung über das Programm des einzuberufenden Kongresses aller Juden Rußlands. Die Konferenz dauerte vier Tage An den lands. Die Konferenz dauerte vier Tage. An den Beratungen nahmen 60 Delegierte teil. Die Begrüßung erfolgte durch den Vorsitzenden des Organisationskomitees Herrn M. Kreinin. '; Es entspann sich eine Debatte über die Frage, :f ob die Konferenz das Programm des zukünftigen |l Kongresses jetzt schon festsetzen soll. Die Vertreter der „Poale Zion“ und des „Bundes“ verlangten, daß das Programm offen gelassen werde. Die Konferenz beschloß jedoch mit einer überwiegenden Mehrheit, das Programm jetzt schon auszuarbeiten und festzusetzen, worauf „Poale Zion“ und „Bund“ erklärten, in diesem Falle das Programm nicht als für sie bindend anerkennen zu können. Der Vorsitzende. Herr Kreinin, schlug darauf folgendes Programm vor: 1. Die Ausarbeitung der Grundsätze und des Rahmens der nationalen Selbstverwaltung der Juden in Rußland. 2. Die Festsetzung der Formen der Garantien für die Rechte der jüdischen nationalen Minderheit. 3. Die Festsetzung der Übergangsformen der Gemeinde-Organisation der russischen Judenheit. 4. Die Frage der. Gleichberechtigung der Juden in anderen Ländern (Polen, Palästina, Rumänien usw.). Der Vertreter des „Bundes“, Herr Rafes, der erst vor kurzem in den nationalen Ausschuß (Rada) der Ukraina gewählt wurde, protestierte scharf gegen den Punkt 4, der Palästina einschließt; seine Partei wünsche, daß die Palästina-Frage nicht auf die Tagesordnung des Kongresses komme. Er sei auch gegen weitgehende nationale Forderungen für die Juden in Rußland. Der „Bund“ sei gegen eine breite jüdische Selbstverwaltung, in deren Kompetenz z. B. auch! die Frage der ökonomischen Hilfe oder die Fürsorge für die hygienische Reform der jüdischen Massen hineingehören sollte. In der Schaffung von Volksorganen auf derartig breiter Basis erblicke der „Bund“ den Versuch einer nationalistischen Politik. Die jüdische Autonomie dürfe nicht den Rahmen kultureller Interessen überschreiten. Das russische Judentum habe jetzt nur die Aufgabe, die Eroberung (Fortsetzung auf Seite 436.)