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Das jüdische Echo · 1917-09-28 · 39 (28.9.1917) · p. Seite 426

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
Seite 426 (sequence 2)
Language
German
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426 Das jüdische Echo Nr. 39 Seit Monaten gärt es auch unter den Juden Österreichs. Da man erwarten kann, daß Österreichs Nationalitätenprobleme beim Kriegsende irgendwie gelöst werden müssen, wurde auch die alte Frage der jüdischen Nationalität mit ihren eigenen kulturellen und administrativen Rechten akut. Heute liegen bereits eine Menge von Stimmen bekannter und einflußreicher österreichischer Juden vor, die sämtlich einen Kongreß der österreichischen Juden fordern, auf dem diese eine Organisation erhalten und als eine geschlossene nationale Macht vom Staate volle Gleichberechtigung fordern sollen. Daß aber ein solcher Kongreß nicht stattfinden wird, ohne daß die österreichische Judenheit neben ihren besonderen Wünschen auch Forderungen für das gesamte jüdische Volk äußern wird, darf als ziemlich sicher gelten. Ebenso sicher dürfte es sein, daß diese Forderungen sich mit denen der amerikanischen Juden decken werden. Ähnliches hat sich in Rußland vollzogen. Nachdem die alte Regierung abgesetzt und die Gleichberechtigung der Nationalitäten erklärt worden war, zeigte es sich, daß die Mehrzahl, des Volkes nicht, wie es seinerzeit bei der Emanzipation in Westeuropa geschehen, ihre jüdische Nationalität aufzugeben trachtete, sondern sofort daran ging, durch die Forderung der nationalen Autonomie sich äußerlich gegen die anderen Nationalitäten im Reiche abzugrenzen. Bei der einsetzenden Bewegung für einen Kongreß, auf dem diese Forderungen formuliert werden sollen, ging es zwar auch hier nicht ohne Meinungskämpfe ab; aber die jüdisch-sozialistischen Arbeiterkreise, die anfangs besonders lebhaft gegen die Erörterung gesamtjüdischer Fragen protestierten, mußten sich auch hier davon überzeugen lassen, daß auf einem Kongreß von Juden irgendeines Staates nicht nur deren Interessen in ihrem eigenen Wohnlande besprochen werden dürfen. So wird also auch der russisch-jüdische Kongreß die Forderung nach Gleichberechtigung für die Juden aller Länder und die Forderung eines jüdischen Palästina aufstellen. Eine ähnliche Bewegung bereitet sich in Holland vor, aber auch in E n g 1 a n d, 11 al i e n, Saloniki und in überseeischen Ländern hat der Funke des jüdischen Kongreßgedankens gezündet. Schreitet die Bewegung in ihrem bisherigen Tempo fort, so wird sie zweifellos allmählich alle Länder ergreifen, in denen Juden wohnen und zu einem bedeutend größeren Ereignis als dem anfänglich geplanten hindrängen: zu einem Weltkongreß des jüdischen Volkes mit Vertretern der Judenschaften aller Länder. Es fragt sich nun, ob die deutsche Judenheit imstande ist einzusehen, daß es sich hier um ein unaufhaltsames Ereignis handelt, das auch von denen, die es für unwünschenswert halten, nicht mehr übersehen werden kann. Es fragt sich, ob die deutsche Judenheit genügend Einsicht besitzt, um aus dieser Erkenntnis die einzig mögliche Konsequenz zü ziehen: sich nämlich beizeiten nach dem Beispiel der Juden anderer Länder zu organisieren, um in dem künftigen Chor der für die Rechte des jüdischen Volkes Plädierenden seine Stimme gleichfalls erheben zu können. Denn daß das deutsche Judentum seine führende Rolle in der modern-jüdischen Geschichte für alle Zeiten verwirkt haben würde, wenn es sich von diesem Konzert der Judenschaft aller Länder ausschlösse. ist selbstverständlich. Auch in Deutschland wird der Weg zu einem jüdischen Kongreß durch gewisse Parteikämpfe hindurchführen. Aber weshalb sollte man fürchten, daß gerade die deutschen Juden zu einer Einigung, die in anderen Ländern möglich war, nicht die genügende Selbstüberwindung und Klugheit besitzen werden? — Eine Irreführung. Die „Frankfurter Zeitung“ bringt in ihrer Ausgabe vom 17. ds. Mts. eine Nachricht folgenden Inhalts: „Die Regierung und der Zionismus. Die englische Presse meldet, daß sich der englische Kriegsminister erneut geweigert hat, dem Judenregiment eine besondere Bezeichnung zu geben, ihm ein jüdisches Regimentsabzeichen zu verleihen und diese Truppen jüdischer Soldaten ausschließlich in Palästina zu verwenden. Was letzteren Punkt anbetrifft, so erklärte der Kriegsminister seinem jüdischen Interviewer, daß die Absicht bestehe, die Truppen an der ägyptischen Front zu verwenden, daß sich die Regierung in dieser Hinsicht für die Zukunft jedoch in keiner Weise binden kann. Die Haltung der englischen Regierung in dieser an sich nebensächlichen, aber in ihren Folgen bedeutungsvollen Frage zeigt, daß sie sich scheut, den aktivistischen, sozusagen militärischen Zionismus in bindender Form auf ihr Kriegsprogramm zu setzen, obgleich sie gegenwärtig gern bereit ist, aus der irregeleiteten, gegen die Türken gerichteten zionistischen Bewegung, wie sie jetzt in England, Amerika und Rußland ajiftritt, nach Möglichkeit Kapital zu schlagen. Die „Times“, der sicherlich das Judentum höchst gleichgültig wäre, wenn sie nicht die höhere Bedeutung der Frage erkennen würde, ist mit dem Bescheid, den der Kriegsminister seinem Interviewer gegeben hat, nicht zufrieden und fordert die Regierung auf, von halben Maßnahmen zu ganzen Maßnahmen zu schreiten. Ob es die Zionisten nicht nachdenklich stimmen wird, daß gerade die „Times“ jetzt als Vorkämpferin des Judentums auftritt?“ Diese Notiz ist eine — wahrscheinlich unbeabsichtigte — Irreführung, denn sie erweckt den Anschein, als ob der Antrag zur Bildung eines jüdischen Regimentes, das an der palästinensischen Front verwandt werden soll, eine zionistische Angelegenheit sei. In Wahrheit ist die Anregung ursprünglich von englisch-assimilantischen Kreisen ausgegangen, die um jeden Preis die in England lebenden russischen Juden im Heere unterbringen wollten und die hofften, daß der speziell jüdische Charakter des Regiments einen Köder für die Eingewanderten bilden würde. Der Irrtum, daß die Bildung dieses Regiments einem Wunsche der zionistischen Organisation entspreche, ist wohl aus der bedauerlichen Tatsache entsprungen, daß einige einzelne Zionisten ohne jegliche Unterstützung der Parteileitung für den Gedanken Propaganda gemacht haben. Daß englische Zionisten das jüdische Regiment keineswegs herbeiwünschen, sondern sich im Gegenteil scharf gegen seine Schaffung aussprechen, beweist ein Beschluß, der am 19. August bei einer Sitzung der „Zion“-Gesellschaft in East London gefaßt wurde. Er lautet: a) „Die Versammlung mißbilligt den Gedanken einer jüdischen Legion und protestiert gegen ihre Bildung. (Fortsetzung auf Seite 428.)

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