Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 390 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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390 Das Jüdische Echo Nr. 36 hat, konnte auch in Bayern nicht anders verfahren werden. Zur Zeit des Krieges geschieht ai'les einheitlich. Selbstverständlich war die Stimmung der bayerischen Juden ebenso erregt wie hier, ja vielleicht noch mehr erregt, weil die bayerischen Juden mit Recht sich stets auf das Wohlwollen ihrer höchsten Behörden verlassen können und in der Tat bei diesen immer Schutz finden, selbst wenn es im Volke manchmal trübe ausschaut. Von diesem Bewußtsein erfüllt, haben wir beschlossen, vor unserem damaligen Kriegsminister das zum Ausdruck zu bringen, was wir auf dem Herzen haben. Mein verehrter Kollege aus Nürnberg und ich sind mit angesehenen Vertretern der Vorstandschaft der bayerischen jüdischen Gemeinden München und Nürnberg bei dem Kriegsminister in einer Audienz in der Angelegenheit der Zählung vorstellig geworden. Auf das Wort, das bei Kriegsbeginn von dem Centralverein an die deutschen Juden gerichtet worden ist, daß sie mehr als ihre Pflicht erfüllen sollen, wiesen wir hin. Wir wiesen den Kriegsminister ferner darauf hin, daß das Wort sich glänzend bewährt hat. und daß er vor wenigen Monaten im Landtag, als von judenfeindlicher Seite die Gleichwertung der jüdischen Soldaten angetastet worden war, gesagt hatte, er kenne weder katholische, noch evangelische, noch jüdische Soldaten, er kenne nur Soldaten, die ihre Pflicht erfüllen. (Bravo!) Wir sprachen, wie es uns ums Herz war. Der Kriegsminister, eine vornehme, gerechte Persönlichkeit, kam uns mit Wohlwollen entgegen und sagte: Ich stehe nach wie vor auf dem schon früher kundgegebenen Standpunkt, ich kenne weder katholische, noch evangelische, noch jüdische Soldaten, ich kenne nur Soldaten, die ihre Pflicht erfüllen. (Bravo!) Was die Zählung betrifft, so hat er uns manches darüber gesagt, was uns schmerzlich bewegt hat. Wir werden -rdas waren ungefähr seine Worte, — von Denunziationen überschüttet, die, wenn auch nicht täglich, so doch die Woche mehrmals sich wiederholen und die Anklage erheben, daß die Juden sich der Drückebergerei hingeben, nicht vollwertige Soldaten sind. Er hat uns bestätigt, was heute der Herr Referent gesagt hat: die Absicht des Erlasses ging dahin, der höchsten Behörde eine Waffe in die Hand zu geben, um solchen Verleumdungen gegen die jüdischen Soldaten entgegenzutreten. — Gewiß ist diese Tatsache wahr; ob man aber Denunziationen gegen andere Klassen der Bürgerschaft in derselben Weise nachgegeben hätte, das möchte ich stark bezweifeln (sehr richtig!), und darüber herrscht auch bei uns ein tiefer Schmerz, daß man diesen gehässigen ZIGARREN-IMPORT BERNHARD OSTERMAI ER &0 MÜNCHEN PROMENADEN« anonymen und vielleicht auch nicht anonymen Denunziationen solche Bedeutung beigelegt hat. Hätte man dasselbe getan, wen es sich nicht um Juden handelte? Der Kriegsminister sagte uns. er werde nicht dulden, daß aus der seiner Absicht nach zur Verteidigung der Juden erlassenen Verfügung irgend etwas hergeleitet werde, was die Ehre des jüdischen Soldaten verletzen könnte; er gab die Zustimmung, daß diese seine Erklärung veröffentlicht würde. (Lebhaftes Bravo!) Der Vertreter des Herrn Kriegsministers veranlaßte uns, die vom Herrn Kriegsminister abgegebene Erklärung ihm schriftlich einzureichen; diese wurde dann offiziell in den Zeitungen verbreitet. Mit der Antwort, die der Herr Kriegsminister uns in freundlicher, liebenswürdiger Weise hat zuteil werden lassen, konnten wir natürlich ganz befriedigt sein. Wir können sicher erwarten, daß das, was uns zugesagt worden, auch gehalten wird. Aber, meine Verehrten, bei alledem haben wir in den letzten Wochen gehört, daß mit der Zählung trotz dieser Erklärung der höchsten Stelle von unteren Organen zuweilen Mißbrauch getrieben wird. Der Kriegsminister erklärte uns, ebenso wie auch Geheimrat Cassel vom preußischen Kriegsministerium zugesagt worden ist, wir sollten alle Maßnahmen, die irgendwie mit der Tendenz des Erlasses im Widerspruch stehen und die jüdischen Soldaten schädigen oder verletzen, mitteilen, dann werde sofort Remedür eintreten. Mehr kann man unter obwaltenden Verhältnissen, nachdem die Zählung angeordnet, von der höchsten Stelle nicht verlangen. Allerdings wird dadurch nicht der Schmerz darüber beseitigt, daß überhaupt die Zählung angeordnet wurde. Der Kriegsminister, der uns empfangen, waltet nicht mehr seines Amtes; sein Nachfolger wird sicherlich derselben Gesinnung in der Frage sein, die uns beschäftigt. Meine verehrten Damen und Herren! Ich möchte mit demselben Worte schließen, mit dem Geheimrat Cassel geschlossen hat: der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat mit Verständnis, mit Energie und zugleich mit der nötigen Berücksichtigung aller Verhältnisse unsere Sache vertreten, sodaß wir zu ihm in unserer schweren Zeit auch weiterhin volles Vertrauen haben können. Im Talmud — lassen Sie mich aus der Weisheit schöpfen, die mir hoch und heilig ist — ist eine weise Lehre enthalten, die, in das moderne Bewußtsein übertragen, folgendes sagen will: Wie man sich zur rechten Zeit ein Verdienst erwirbt durch Tun, so manchmal ein noch größeres Verdienst durch Nichttun. Oft liegt im Versagen mehr Weisheit als im Erfüllen. Meine Verehrten. diese Lebensweisheit ist bei unserer Frage auch befolgt worden. Wenn man an all das denkt, was zuerst in der berechtigten Erregung geplant worden ist, und all diese in tiefer Erregung gefaßten Pläne ausgeführt hätte, — das wäre vielleicht ein größeres Unglück gewesen als die Zählung selbst. (Sehr richtig!) Wenn man weiß, was einzelne in ihrem berechtigten Zorn gewollt und 'was der Centralverein verhütet hat, zu einer Zeit, wo es sich um Sein und Nichtsein des Vaterlandes •handelt, dann müssen wir dem Centralverein nicht bloß für das danken, was er getan, sondern auch für das, was er nicht getan hat, für das. wovor er gewiarnt hat. (Lebhafter Beifall.) Es ist ja natürlich, daß in unserer erregten Zeit das tief verletzte jüdische Gemüt aufwallte; aber seien wir zufrieden, daß die Liebe zu unserem Vater lande uns vor übereilten Schritten zurückgehalten hat. Daher danken wir dem Centralverein gerade für das, was ihm von mancher Seite zum Vorw'urf gemacht