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Das jüdische Echo · 1917-08-17 · 33 (17.8.1917) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag.!Bezug: Durch die Postanstalten oder ]den Verlag — Bezugspreis:; Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. ] M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. — V erlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herjzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene! Hanna Cohn, München, i\ »zeigen: Die vicrgespaitcne f Nonpareille - Zeile oder deren Kaum ■ 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 33 München / 4. Jahrgang 17. Äugust 1917 Die Entwicklung der russischen Juden. In dem neuen, vom Zarismus befreiten Rußland hat kürzlich eine zionistische Konferenz weite Kreise der russischen Judenheit vereinigt. Auch außerhalb der Grenzen des russischen Reiches sah man dieser Tagung mit Interesse entgegen. Konnte man doch hoffen, aus ihren Ergebnissen auf die Stimmungen und Wünsche, den Grad der Selbständigkeit find di'e ^Entwicklungstendenzen zu schließen, die in der Judenheit des heutigen Rußland herrschen. Als zuerst die Fesseln der Ausnahmegesetze, unter denen die russische Judenheit bis vor wenigen Wochen geächzt hat, fielen, da erhoben sich hier und da Stimmen der Besorgnis, ob nun wohl die Emanzipation im Osten dieselben kläglichen Folgen zeitigen werde, wie die im Westen es seinerzeit getan: ob das durch äußeren Druck bisher zur Isolierung verurteilte jüdische Volk sich nunmehr leidenschaftlich an die Kultur der andren hingeben und sich ebenso assimilieren werde, wie man sich in Westeuropa nach der Emanzipation assimiliert hat. Die 7. Konferenz der russischen Zionisten scheint besser als alles andere dafür zu bürgen, daß diese Besorgnis unbegründet ist. Das Jahrhundert, das zwischen der Emanzipation in Westeuropa und der in Osteuropa liegt, hat — das lehren die Verhandlungen und Beschlüsse jener Konferenz — eine Entwicklung im Judentum gezeitigt, die sein Auf gehen in Fremdkulturen unmöglich macht. Die Resolutionen der Konferenz zerfallen in zwei Hauptgruppen, die sich urft die beiden starken Stützen ranken, die dem Judentum im letzten Jahrhundert erwachsen sind: die Sehnsucht nach dem Zentrum in Palästina und das Bewußtsein der nationalen Sonderxistenz der Judenheit. An erster Stelle unter den Beschlüssen der Zionisten stehen die auf Palästina bezüglichen, die dazu dienen sollen, dem Judentum der ganzen Welt einen Mittelpunkt, eine Konzentration seiner höchsten geistigen und moralischen Kräfte zu geben. Auf dem kommenden Kongreß der russischen Juden und auf dem ersehnten Friedenskongreß wird die Forderung eines jüdischen Palästina erhoben werden müssen. Aber nicht minder wichtig ist die zweite Gruppe der gefaßten Beschlüsse: derer nämlich, die von dem neuen Rußland die Anerkennung der Rechte aller einzelnen Nationen und der Juden als einer Nation unter den Nationen Rußlands fordert. Daß die Juden Rußlands auf der zionistischen Konferenz von der Regierung in der allgemeinen Staatspolitik die Demokratisierung der Staats- Gedenket des Hilfswerk für Palästina! Ordnung, in der nationalen Politik die Autonomie und Selbstverwaltung der nationalen Minderheiten und auf dem besonderen Gebiet der jüdischen Nationalrechte die Anerkennung der jüdischen Nationalität mit dem Rechte der Selbstverwaltung auf allen Gebieten nationalen Lebens verlangen, ist ein deutlicher Beweis dafür, daß die russischen Juden heute zu dem Bewußtsein ihrer Selbständigkeit als nationale Gruppe erwacht sind, und sich dadurch weit über die Entwicklung jener, die vor hundert Jahren befreit wurden, erhoben haben. Aber auch von dem Verantwortlichkeitsgefühl, das in den russischen Juden lebt, zeugen die gefaßten Beschlüsse. Nicht nur Rechte fordert man, sondern man strebt danach, diese Rechte in Arbeit umzusetzen. Die kulturellen Bildungsanstalten, die Fragen des religiösen Lebens, die sozial-wirtschaftliche Hilfe (Genossenschaften, professionelle Bildung usw.), die Regulierung der Binnen- und Auswanderung, die Volksgesundheit, die öffentliche Wohlfahrt und die Matrikelführung und Registrierung der jüdischen Bevölkerung — das alles soll in Zukunft von der jüdischen Nation selbst, nach jüdischen Gesichtspunkten verwaltet werden. Gewissermaßen als Beweis für die Berechtigung, so selbständige nationale Rechte und Arbeiten zu fordern, dürfen die gefaßten Beschlüsse zur Kulturfrage angesehen werden, zeugen sie doch davon, daß es sich hier um eine Gruppe mit eigner Sprache, eigner Literatur und Geschichte, eignen Erziehungsnormen handelt, auf deren Pflege auch in Zukunft der größte Wert gelegt werden soll. Gerade in diesem Besinnen auf die jüdische Volkskultur, in der Neuerweckung jüdischer Sprache und jüdischen Geistes liegt der höchste Beweis einer eigentümlichen und zum Fordern berechtigten Volksart — in ihr liegt auch ein Beweis, daß während die Emanzipation vor 100 Jahren die Juden in einer Periode zeitweiliger Stagnation des Volkslebens überraschte, inzwischen der damals versiegte Quell neu zu sprudeln begonnen hat.

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