Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Bayerische Blätter für die jüdischen Ängelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—,Einzelnummer 10 PI. — Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4. — Redaktion: Helene | Hanna Cohn, München,* llpaLÄill mmmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 PI. — Bei Wiederholungen Rabatt.— - •* ■ ’ T Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 29 München / 4. Jahrgang 20. Juli 1917 Eines englischen Parlamentariers Ansichten. Ein Vertreter des „Jewish Chronicle“ hatte kürzlich eine Unterredung: mit dem Kommandeur und Mitglied des Parlaments Josiali Wedgewood über jüdische Fragen, besonders über die Palästinafrage. Bei dieser Gelegenheit trat der englische Parlamentarier mit großer Wärme für den Gedanken eines jüdischen Palästina ein und legte eingehend dar, aus welchen Gründen ein jüdisches Gemeinwesen ihm äußerst erwünscht erschiene und inwiefern es dazu geeignet wäre, den Weltfrieden zu befestigen. Auf die Frage, in welcher Weise man denn von jüdischer Seite auf dieses Ziel hinarbeiten könnte, erwiderte Kommandeur Wedgewood: „Ich sehe nicht ein, weshalb nicht alle Juden sich zu einer Organisation zur Errichtung eines jüdischen Heimes in Palästina zusammenschließen sollten. Akkredidierte Führer werden einen Plan entwerfen, um die beteiligten Mächte zu interessieren. Falls dieser Plan nicht angenommen wird, legen sie einen neuen vor. Durch ununterbrochene Verhandlungen werden die Juden dann feststellen können, welcher Plan annehmbar und ausführbar ist. Dann sollten die Juden auch eine größere Propaganda machen. Massenversammlungen in allen Großstädten, Anfragen im Parlament und Deputationen an die Minister, Aufsätze in der Presse in viel höherem Maßstabe, Ausgabe von Broschüren und allgemeiner zionistischer Literatur, das alles sollte unternommen werden, um eine starke öffentliche Meinung für die Bewegung zu schaffen. Sehen Sie doch, was die Iren geleistet haben und noch leisten, sowohl im Inlande wie im Auslande. Aber die Iren bitten nicht die Engländer, ihnen die Home Rule zu verkündigen, d. h. die zu bekehren, die eigentlich selbst die Bekehrer sein sollten. Richtiger und logischer Weise kommen Sie zu den Engländern, um Sie von der Notwendigkeit einer Lösung der nationalen Frage zu überzeugen. Und ebenso sollten die Juden es mit ihrem nationalen Problem machen. Sie sollten sich mehr an die Christen wenden. Natürlich sollten diese Aufgabe die jüdischen Parlamentarier übernehmen. Es handelt sich doch um eine politische Frage, die niemand als die Parlamentarier erfolgreich behandeln kann. Sie haben Macht, Einfluß und eine Position und könnten die Drähte so ziehen, daß die Frage der jüdischen Nation in Palästina ins rechte Licht gestellt wird. Was wollen denn eigentlich die jüdischen Parlamentarier und Aristokraten? Daß Deutschland die jüdisch-nationale Frage löst? Prof. Delbrück und Dutzende von anderen einflußreichen Deutschen haben schon betont, daß das Deutsche Reich England in der Errichtung eines jüdischen Palästina zuvorkommen muß. Wenn ich ein Jude wäre und die jüdischen Parlamentarier wären gegen mein nationales Ideal, so würde ich sie eben absetzen und die „richtigen“ Parlamentarier an ihrer Stelle wählen. Die nächste Aufgabe der Juden sollte sein, eine jüdische Parlaments-Partei zu schaffen, ebenso wie Iren und Sozialdemokraten eine geschaffen haben. Man weiß wohl allgemein, daß Mr. Lloyd-George, Mr. Asquith und Lord Bryce dem Gedanken sympathisch gegenüberstehen; wie aber kann man erwarten, daß die Regierung etwas tut. wenn man ihr Interesse nicht andauernd wach erhält? Ihre Unterstützung wird nicht ausbleiben, wenn erst alle Einzelheiten ausgearbeitet sind, z. B. die Internationalisierung der heiligen Stätten, die künftige Verwaltungsreform, die Rechte und Privilegien der Kontrahenten, die Frage des militärischen Schutzes, diejenige der Eisenbahnen, Kanäle und Häfen, die Finanzierung von sanitären und Bewässerungsanlagen usw. Zum Schluß der Unterredung sagte Kommandeur Wedgewood; „Ich weiß nicht, ob es den Juden klar ist, daß sie in einem großen Augenblick ihrer Geschichte leben. Eine Wendung — und die Juden können wieder eine Nation werden und damit die Würde und Selbstachtung zurückgewinnen, ohne die kein Volk Großes erreichen kann. Sind sie bereit?“ Soziale Arbeit in Deutschland. Vor einiger Zeit veröffentlichte Max Brod in der „Zukunft“ einen Aufsatz über die drei Phasen des Zionismus. Die dritte Phase kennzeichnete er‘ als diejenige der regen Gegenwartsarbeit in der Diaspora, eine Arbeit auf sozialem wie auf kulturellem Gebiet. Tatsächlich hat sich die Überzeugung von der ungeheuren Notwendigkeit solcher Arbeit tief in die Herzen der bewußten jungen Juden eingegraben. Neben der Sehnsucht nach einer Gesundung des jüdischen Volkskörpers auf einem Heimatsboden brennt in ihnen der Wunsch, schon hier, schon jetzt zu wirken, jüdisch zu wirken und nicht nur den Heimatboden für das Volk, sondern auch das Volk für den Heimatboden vorzubereiten. Als eine Frucht und ein Symbol dieser Gegenwartsarbeit steht das Jüdische Volksheim