Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 26 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Das Jüdische Echo Nr. 26 Auch die orthodoxen Synagogen wandten sich gegen die Anschauung des Komitees, daß das Judentum keine nationale Gemeinschaft sei. Mindestens ebenso wichtig ist es, daß fast die gesamte Tagespresse, darunter die „Times“ selbst, den Standpunkt des Komitees bekämpft und für ein politisch gesichertes jüdisches Gemeinwesen in Palästina eintritt Eine Reihe von hervorragenden Mitgliedern des Board of Deputies und eine Anzahl von Gesellschaften, die ihm bisher beigeschlossen waren, erklärten ihren Austritt. Es scheint nunmehr, daß der Vorstand des Board of Deputies veranlaßt wurde, zu demissionieren. Damit wären die antinationalen Elemente des Boards besiegt und diese Körperschaft, die seit Jahren als die offizielle Vertretung des Judentums galt, wäre durch den Willen der Mehrheit genötigt worden, seine bisher assimilatorische Haltung aufzugeben und einen zionistischen Standpunkt einzunehmen. Von den Äufgaben der Jaden im Weltkrieg. Von Dr. Sigbert Feuchtwanger, München. Die Prätension, auserwählt zu sein unter den Völkern und Träger einer besondern Menschheitsaufgabe (Mission, Sendung), ist nichts spezifisch Jüdisches. Wie schon im Altertum die Griechen und Römer, so nehmen heute nicht nur die Deutschen, sondern auch die Engländer, Franzosen, Russen, neuerdings sogar die Nordamerikaner u. a. das Recht, die Pflicht und den Ruhm in Anspruch, daß an „ihrem Wesen die Welt genesen“ werde. Was aber bei diesen Völkern die selbstbewußte Äußerung stärksten völkischen Lebensgefühls ist, ist beim jüdischen Volk — wenigstens in der Jetztzeit — ein Sympton fortgeschrittener nationaler Schwächung. Die modernen jüdischen Missionsideologen deuten das Golusschicksal der Staat- und Landlosigkeit, der Zerstreuung unter den Völkern, der nationalen Erniedrigung aus einem Fluch in einen Segen um; was noch den Vorfahren überwiegend eine göttliche Strafe war, wird nun endgültig zum eigentlichen Zwecke des jüdischen Daseins in der Welt erklärt. Diese modernen jüdischen Missionsideen sind erwachsen aus den soziologischen Verhältnissen der Westjuden: Die Westjuden sind in der Mehrzahl so sehr an ihre Wirtsvölker assimiliert, daß sie sich kaum mehr als Fremde unter ihnen fühlen und die eigene nationale oder gar staatliche Regeneration in Wahrheit gar nicht mehr ersehnen. Selbst bei den religiösen Westjuden ist die im Gebet geäußerte Sehnsucht nach Wiederherstellung der staatlichen Selbständigkeit zumeist nicht der Ausdruck eines wirklich gefühlten Bedürfnisses, sondern Zeremonie (wie etwa das Erflehen des Taus im „Talk-Gebet am Passahfest, des Regens im „Geschem“- Gebet am Schlußfest.) Der ruhelos schweifende Ahasver ist seßhafter Europäer und Bürger geworden und braucht nun eine Legitimation für sein immer noch formell jüdisches, aber der materiellen jüdischen Inhalte entbehrendes Dasein. Mindestens die geistig Höherstehenden empfinden die so gestaltete westjüdische Existenz, die psychophysiologisch in dem unbegreiflich zähen Lebenswillen begründet ist, der nun einmal den Juden eignet (auch den allerassimiliertesten, die sich zur Taufe nicht entschließen können), als unlogisch und inkonsequent und suchen sie geschichtsphilosophisch zu rechtfertigen durch die verschiedenen Konstruktionen einer „Sendung der Juden“. Diese westjüdischen Philosophen und Politiker treiben Apologetik vor sich selbst, zugleich aber auch nach außen, indem sie die Juden zu Missionären an der Menschheit erklären. So sind jene als absolut und allgemein gültig auftretenden Missions-Ideen durchaus zeitlich bedingt und nur für einen engen Umkreis jüdischer Menschen subjektiv gültig. Vollends fragwürdig ist ihre objektive sachlich-historische Geltung, gemessen an den Tatsachen. Diejenigen, die für das heutige Westjudentum das Wort führen — Gelehrte, Rabbiner, Schriftsteller, jüdische Zeitungen — erblicken das Wesen des Judentums in seiner religiösen Sendung. Die Zerstreuung der Juden unter den Völkern ist das Mittel der Propagierung der jüdischen Ethik und des jüdischen Monotheismus. Der Gegensatz dieser Missionsprätension zu dem Bewußtseins-Inhalt der großen Masse der noch wirklich jüdisch-religiös empfindenden (östlichen) Juden, sowie zu der religösen Indifferenz der großen Mehrzahl der Westjuden, ferner zu dem geringen Maß von Empfänglichkeit der Nichtjuden für eine derartige religiöse Erziehung ist fast grotesk zu nennen. Mehr im Einklänge mit der Realität steht die Idee von der Sendung der Juden als Weltbürger, als Mittler, als Friedensstifter unter den Völkern. Die unleugbare reale Tatsache der Internationalität der Judenheit wird geschichtsphilosophisch ausgelegt als der eigentliche Daseinszweck des jüdischen Volkes; das jüdische Volk wird auf diesen Zweck festgelegt als auf einer Verpflichtung. Die schärfste Ausprägung hat dieser Missionsidee neuerdings Eduard B e r n s t eii n in verschiedenen Aufsätzen, nun auch in einer Broschüre „Von den Aufgaben d, e r Juden im Weltkrieg e“1) gegeben. Nach seiner Überzeugung fällt den Juden, wenn ihnen überhaupt noch eine besondere Aufgabe in der Kulturwelt zugesprochen werden kann, auf Grund ihrer Stellung unter den Völkern die besondere Aufgabe zu, sich als vermittelndes Glied der Völker zu betätigen; denn die jüdische Gottesidee und Ethik ist keine Besonderheit mehr. „Auf Grund der G e s c h i c h te ihres Volkes sind die Juden die geborenen Pazifisten. Ihre Geschichte weist ihnen die Aufgabe zu. das zu pflegen, was die Völker verbindet, und dem entgegenzuwirken, was sie trennt und Haß zwischen ihnen sät...“ Bernstein nennt als Beispiel. Heinrich Heine, der mehr als irgend ein Deutscher oder Franzose vor ihm, dafür gearbeitet hat, das gegenseitige Verständnis zwischen Frankreich und Deutschland zu fördern. Er hätte auch hinweisen können auf die ausgleichende und vermittelnde Wirksamkeit der österreichisch-ungarischen Juden unter den vielsprachigen und gegensätzlichen Nationalitäten der Monarchie, ein Beispiel, das Naumann in seinem Mitteleuropa besonders hervorhebt. Erlaubt ist hier auch ein Hinweis auf die vermittelnde Wirkung, die die deutsch-türkische Orientpolitik von den Juden erwartet u. a. m. Bei aller Anerkennung des realen Untergrundes dieser Sendungskonstruktion: sie ist doch — Konstruktion. Die Tatsachen sind richtig: der Jude wirkt vermittelnd innerstaatlich und zwischenstaatlich, aber daraus folgt weder ethisch eine Verpflichtung der Juden vermittelnd und ausgleichend zu wirken, noch kann in poli- 0 Berlin, Erich Reiß, 1917.