Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1917-06-01 · 22 (1.6.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
4 (1917)
Issue
22 (1.6.1917)
Date
1917-06-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9102967-9138103--01486-9074310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj, M. 2.—, üanzj. M.4.—,Einzelnummer 10 Pf. —Verlag des „Jüdischen Echo“: München, Herzog Maxstr 4 - Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mw/immm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 40 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 22 München / 4. Jahrgang 1. Juni 1917 Jüdische Kadettenanstalten. In einem seiner Vorträge über die Juden und das Wirtschaftsleben sagte Werner Sombart, man werde den Juden die volle Gleichberechtigung geben müssen, sie aber würden genügend Takt haben, keinen Gebrauch davon zu machen. Eine Ansicht, der jeder Einsichtige durchaus seine Zustimmung verweigern wird. Daß man in Deutschland endlich den Juden dieselbe Gleichberechtigung einräumen sollte, die sie in anderen europäischen Staaten längst genießen, ist zwar selbstverständlich, nur ist nicht recht einzusehen, was deren Gebrauch mit dem „Takt“ der Juden zu tun hat. Glaubte Sombart damals (vielleicht hat er inzwischen gleich vielen andren seiner früheren Anschauungen auch diese Ansicht gewechselt), der Jude müsse sich mit dem Gefühl seiner Minderwertigkeit gegenüber dem christlichen Deutschen so erfüllen, daß er sich an Stellen, an die sozial Auserwählte gehören, selbst als störendes Element empfindet? Nur so kann jene Äußerung verstanden werden, die selbstverständlich von jedem seines Wertes bewußten Juden empört zurückgewiesen werden muß. Wer kraft seines Talentes, seiner Bildung und Neigung sich zu irgendeinem Beruf oder Amt hingezogen fühlt, den sollte man nicht nur durch Gesetz und Übereinkommen, sondern auch durch die ihm beigebrachte Überzeugung, daß seine jüdische Nase hier oder dort Anstoß erregen könnte, vom Streben nach jenem Posten zurückhalten? Zum Trotz aller papiernen Gleichberechtigung ihm immer weiter das Gefühl, ein Staatsbürger zweiter Klasse zu sein, einimpfen? Wahrlich eine raffinierte Großmut! So falsch der Sombartsche Satz in seiner bisherigen Fassung ist, so richtig hätte er mit einer kleinen Abänderung sein können. Richtig nämlich wäre er in der folgenden Fassung gewesen: „Man wird den Juden die volle Gleichberechtigung geben müssen, aber nach der ganzen Art ihrer Veranlagung, ihres Empfindens und Denkens werden sie auf vielen Gebieten gar keinen Gebrauch davon machen wollen“. Weil es nämlich immer Berufe, Ämter und gesellschaftliche Aufgaben geben wird, zu denen die Juden weder Talent noch Neigung haben werden. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man die kürzlich im Reichstag erörterte Frage der Zulassung jüdischer Knaben zu den Kadettenanstalten betrachten. Nachdem die Heeresverwaltung nicht umhin konnte, den Juden, die sich im Felde ausgezeichnet haben, während des Krieges Offizierschargen zu verleihen, wollten sehr erklärlicher Weise gewisseKre!is.e dieSicherheit haiben, daß dies njcht'nur eine vorübergehende und notgedrungene Maßnahme gewesen sei, sondern endlich den Beginn der prinzipiellen Gleichstellung der Juden im Heere bedeute. Diese Kreise, zu denen keineswegs nur Juden gehören, wollten wissen, ob auch weiterhin die Zugehörigkeit zum Judentum ein Hinderungsgrund sein soll für die Zulassung zu dem in Preußen nun einmal bevorzugten Stande des Berufsoffiziers und zu einer Anstalt, die für diesen vorbereitet. Der Kriegsminister hat offen seine Meinung über die Zulassung der Juden zu den Kadettenanstalten ausgesprochen, indem er sich zu dem Standpunkt seines Vorgängers erklärte. Dem Abgeordneten Mumm von der Deutschen Fraktion erschien sogar die ganze Frage so komisch, daß er glaubte, sie nur scherzhaft behandeln zu können, indem er, da der christliche Charakter der Kadettenanstalten gewahrt bleiben müsse, die Errichtung besonderer jüdischer Kadettenanstalten empfahl. (Einschaltung: Warum ist die Wahrung des „christlichen Charakters“ nur für die Kadettenanstalten notwendig, warum nicht gleich für das gesamte deutsche Heer, das nach Herrn Mumms Anschauung sicherlich noch höhere Leistungen als die während des Krieges erzielten aufweisen würde, wenn es judenrein gehalten würde? und warum diesen Grundsatz nicht auch auf die Gymnasien ausdehnen, aus denen die geistigen Führer der deutschen Nation hervorgehen sollen? Nachdem die Prozentnorm in Rußland soeben abgeschafft worden ist, könnte man ihr ja in Deutschland eine Stätte gewähren.) Von unserem Standpunkt als jüdische Bürger Deutschlands müssen wir den Standpunkt des Kriegsministers tief bedauern, denn wir bleiben nach wie vor der Überzeugung, daß die Ausschließung jüdischer Knaben von einem staatlichen Institut, das mit der christlichen Religion gar nichts zu tun hat, gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung der Juden in Deutschland verstößt. Aber, wohlverstanden, für uns ist dies lediglich eine prinzipielle Frage, denn hier gerade sehen wir einen jener Fälle, wo Juden, zwar nicht aus Takt, wohl aber aus ihrer ganzen Veranlagung heraus gern auf ihr Recht verzichten würden. Sind doch die Kadettenanstalten in ihrem ganzen Zuschnitt keineswegs so, daß jüdische Eltern ihre Söhne ihnen aufdrängen würden. Die in ihnen geübte Unterdrückung der, Individualität durch ein Leben im Dienste der Uniform, die Ausschaltung des musischen Elementes, die bei fast allen Juden herrschende Überzeugung, daß zu einer höheren Lebensstellung nicht nur eine kriegerische, son-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.