Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- Seite 222 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Das Jüdische Echo Nr. 19 ihr Meister nannte — nicht in ihrer Mitte haben konnten. Darum begab sich Rabbi Susja von Annopol in das Gasthaus, um die beiden Brüder zu bewegen, noch eine kurze Zeit in Mizricz zu bleiben. Er hoffte, seinen Meister im Interesse der heiligen Sache zu einem andern Benehmen bewegen zu können. Rabbi Schmelke und Rabbi Pinchas erklärten ihm aufrichtig, sie hätten sich überzeugt, daß die Meinung der Rabbiner, der Magid sei in den rabbinischen Disziplinen nur wenig bewandert, auf Wahrheit beruhe, und es befremde sie, daß der Magid trotzdem einen solchen Rang errungen habe. Rabbi Susja, der wohl den beiden nicht verargen konnte, daß sie seinen Meister so gründlich mißverstanden, antwortete darauf: ^.Der Prophet Maleachi spricht: ,Denn die Lippen des Priesters sollen die Lehre bewahren, daß man aus seinem Munde das Gesetz suche; denn er ist ein Engel des Herrn der Heerscharen*. Diese Worte erklärten unsere Weisen: ,Wenn der Rabbi einem Engel gleicht, soll man die Lehre aus seinem Munde suchen.* Nun, wie ist das zu verstehen? Hat denn einer von uns Schon einen Engel gesehen, daß er den Rabbi mit einem solchen vergleichen könnte? Aber es ist sicher so gemeint: Ebenso wie du noch nie einen Engel gesehen hast, und doch, wenn er vor dir stehen sollte, ihn nicht fragen würdest und nicht versuchen, auch keinen Beweis von ihm fordern, sondern glauben und verstehen würdest, daß er ein Engel ist, so ist es auch mit dem wahren Zadik. Wollt ihr die Wahrheit aus dem Munde des Magids hören, so müßt ihr zuerst einsehen, daß ihr einen Engel vor euch habt, dann wird jedes Wort und jede Bewegung bedeutungsvoll sein .. “ 2. „Der Dreiste in die Hölle, der Verschämte in das Paradies“. Rabbi Schmelke und Rabbi Pinchas entschlossen sich nun nach einigem Zaudern in Mizricz zu bleiben. Aber je länger sie dort waren, umso mehr mißfiel ihnen das Benehmen des Magids. Sie bemerkten nämlich, daß er einen richtigen Hofstaat führte und sich allzuviel mit seiner Wirtschaft beschäftigte. Vor dem Morgengebet, das er in der Regel nicht in der überlieferten Zeit verrichtete, sah er nach seinen Pferden und Kühen, sprach mit seinen Dienern und sah ihnen zu, wenn sie die Räder der Karossen und Wagen schmierten. Auch in andern Dingen erschien ihnen sein Benehmen sonderbar. Sie sahen ihn von Zeit zu Zeit in Gesellschaft minderwärtiger, verrufener Leute auf den Gassen herumgehen. Das erregte in ihren Herzen großen Verdruß, und sie schämten sich vor einander, daß sie überhaupt nach Mizricz gekommen waren. Sie verabschiedeten sich daher nochmals und waren fest entschlossen, noch am selben Tage abzureisen. Doch kam ihnen Rabbi Susja zuvor, und trug ihnen mit einer Stimme voller Festigkeit und Treue eine neue Erklärung vor. „Die .Väter* sagten:,Der Dreiste in die Hölle, der Verschämte in das Paradies*. Der Dreiste, das ist der Zadik; der sich in Heiligkeit erdreistet, darf in die Hölle hinabsteigen, um das Niedere emporzuheben. Er kann sich auf Märkten und Gassen herumtreiben und er braucht das Böse nicht zu fürchten. Der Verschämte aber, der sich nicht erdreisten kann, der muß sich in der Höhe des Paradieses halten, muß ständig lernen und beten und sich hüten, das Böse auch nur zu berühren.“ — Rabbi Susja erzwang sich die Zusage, daß sie noch einige Tage beim Magid bleiben werden. 3. „Das Land, das ich dir zeigen werde!“ Der Magid zeigte sich nun etwas offener, „er deckte sich wie das Maß einer Faust auf. und wie das Maß zweier Fäuste zu“. Aber Rabbi Schmelke und Rabbi Pinchas fühlten sich auf einmal zum Magid hingezogen, und wenn sie in seinem Gemache waren, ihn Auge ins Auge sahen, war ihr Herz von heiliger Wonne erfüllt. Das war ihnen selbst unerklärlich, und sie konnten sich selber über diese Neigung nicht klar werden, da sie noch immer keinerlei Vorzüge beim Magid finden konnten, Es verdroß sie sehr, daß sie die Reise trotz des Abratens ihres Vaters und ihrer Freunde unternommen hatten und daß sie die Zeit unnütz verbrachten. Liebe und Verachtung wechselten in ihnen ab. Rabbi Susja hielt es wieder für notwendig, sie durch eine Erklärung zurückzuhalten. Er sprach zu ihnen: „In der heiligen Schrift wird uns erzählt: ,Und Gott sprach zu Abraham: Gehe aus \ t \ Erstklass. Wiener Damenschneider Elegante Maßanfertigung Spezialität: Sportkostüme und Mäntel Massige Preise! W. Zinkowitch Schommerstraße 1/u MAL-SCHULE F. Potocki u. L. H. Ballabene, München Unterricht im Zeichnen, Malen und Modellieren, Kopf, Kostüm, Akt und Stilleben. Abend-Akt mit und ohne Korrektur. Vorbereitung zur Akademieprüfung. Anmeldung Dienstag und Donnerstag von 10—12 Uhr. BlUtenstraBe 3/u, Gartenhaus. Bankgeschäft München, Residenzstraße 3 _ (Eingang Hofgraben) Tel. 27946 Erledigung aller ins Bankfach einschlägigen Geschäfte FREY «Co.