Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Das Jüdische Echo Nr. 1 eine ziemlich starke Opposition gegen die zu gering erachtete Aktivität der Organisation in der Hilfsarbeit für die notleidenden und für ihr nationales Recht kämpfenden Juden Galiziens und Polens geltend machte. Wir wollen nicht verhehlen, daß einzelne der Delegierten — und darunter besonders wertvolle Kräfte — enttäuscht fortgingen, weil es ihnen nicht gelang, die Parteileitung davon zu überzeugen, daß gerade jetzt der richtige Augenblick zum praktischen Handeln gekommen sei. Wir brauchen aber keine Sekunde daran zu zweifeln, daß auch diese teilweise Enttäuschten mit einer Erkenntnis von der Berliner Tagung gingen, die ihren Glauben an den Sieg des Zionismus noch gestärkt hat: der Erkenntnis nämlich, daß, trotzdem die Gegenwart wieder einmal gelehrt hat, daß keine einzige Macht der Welt — lau.ch nicht der Zionismus — imstande ist, die furchtbare materielle Judennot mit einem Schlage zu beseitigen, doch die nationaljüdische Idee sich ausgebreitet hat und in Kreise einzudringen beginnt, die sich ihr früher trotzig verschlossen. Auch die, denen das Tempo der zionistischen Arbeit zu langsam ist, mußten einsehen, daß der Zionismus, wenn nicht der Erlöser der Judenheit, so doch schon heute der Jungborn des Judentums ist. Es hatte zweifellos seine Berechtigung, wenn viele von der Parteileitung verlangten, sie müsse ihre Kräfte aufs äußerste anspannen, um die Grundlagen einer ungestörten Arbeit in Palästina zu schaffen, wenn man forderte, daß eine Organisation, die im Namen des jüdischen Volkes handelt, sich der leidenden Teile dieses Volkes mit ganzer Kraft annimmt. Aber selbst wenn die Erfüllung ihrer Hoffnungen auf Besserung der materiellen Lage nicht so nahe ist wie viele für möglich halten, ist der Zionismus — das hat der Berliner Delegiertentag bewiesen — der einzig e Weg zur Neubelebung des Judentums. Denn in seinem Namen erfolgt die innere Einkehr und Umkehr der Juden, in seinem Namen entstehen jene Bestrebungen zur Wiedererweckung der hebräischen Sprache und Literatur, der jüdischen Geschichte und des jüdischen Sittengesetzes, die wir heute allenthalben sehen, in seinem Namen erfolgt der Zusammenschluß der deutschen Juden zu gemeinsamer Arbeit an der Erhaltung jüdischer Art und jüdischen Geistes, in seinem Namen geschieht endlich die innere Verbindung und gegenseitige geistige Befruchtung der Judenmassen im Osten und derer im Westen. Vielleicht hat die Berliner Tagung manche Erwartungen hinsichtlich des Zeitpunktes, an dem die letzten Ziele des Zionismus sich erfüllen werden, ein wenig herabgestimmt. Aber daß sie sich erfüllen werden, daß ein Riesenmaß von eisernem Willen zu ihrer Erlangung lebendig ist, das hat sie alle, auch die Zweifelnden im eigenen Lager und außerhalb desselben gelehrt. H. H. C. Cognac Macholl München den besten französischen Marken ebenbürtig — überall erhältlich. Eigene Verkaufsstelle: Karlsplatz 25 (Hotel lönigshof) Bericht des Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Herrn Dr. Hantke Geehrter Delegiertentag! In schwerer Zeit und unter außerordentlichen Umständen treten wir heute zusammen. Die Mehrheit unserer aktiven Gesinnungsgenossen ist außerstande, sich dem Zionismus zu widmen, und so hatten wir alle zunächst die Empfindung, daß unsere Tagungen auf die Zeit nach dem Kriege verschoben werden müßten. Das jüdische Leben hat sich aber allmählich von der Betäubung der ersten Kriegsmonate erholt und trotz aller äußeren Hemmnisse seinen Entwicklungsgang fortgesetzt. Neue Jahrgänge sind in unsere Organisation hineingewachsen, Männer und Frauen, deren jüdisches Bewußtsein geweckt worden ist, haben sich uns angeschlossen. Alle jüdischen Dinge sind in neue Beleuchtung gerückt. Die Existenz des jüdischen Volkes in Osteuropa als einer nationaleinheitlichen Gruppe ist in das Bewußtsein der europäischen Öffentlichkeit übergegangen. Palästina als Ziel jüdischer Kolonisation, als Heimat einer neuen hebräischen Kultur ist zu einem Gegenstand der realen Politik geworden. So hat unsere Propaganda in der nichtjüdischen Welt die tatsächlichen Unterlagen gefunden, von denen aus sie einen Einfluß auf das Empfinden der maßgebenden Schichten der Umwelt ausüben kann, und so haben sich uns auch in der Erziehung des jüdischen Volkes selbst zum Bewußtsein seiner nationalen Eigenart und seiner geistigen Verbindung mit Palästina neue Möglichkeiten eröffnet, die wie wir hoffen dürfen, der Ausbreitung des Zionismus freie Bahn schaffen werden. Denn inneres Erleben und äußere Ereignisse wirken zusammen, um in Tausenden von Juden das Bewußtsein ihrer Eigenart zu stärken. Und aus solchen Erfahrungen muß immer wieder echter jüdischer Nationalismus erwachsen. Auch uns Zionisten waren die Vorgänge um uns eine ernste Lehre. Klar und deutlich ist die zentrale Stellung, welche die zukünftige jüdische Siedlung in Palästina im Auibau des neuen Judentums einnimmt, in unser Bewußtsein getreten. Hat die Liebe zu Palästina, wie sie in uns auf Grund der historischen Vergangenheit und unserer Zukunftshoffnungen lebendig ist, sich als festverankert in unseren Herzen erwiesen, so sind wir uns auch der zionistischen Bedeutung des Problems der jüdischen Diaspora von Monat zu Monat stärker bewußt geworden. Wir dürfen uns eingestehen, daß wir erst allmählich die Bedeutung dieser Frage für den Zionismus erkennen. Diese Entwicklung hat einige Jahre vor dem Krieg begonnen. Unsere Aufmerksamkeit wurde aber zunächst auf die Zukunft der Diaspora in Deutschland selbst gelenkt. Die Erziehungsfrage für unsere eigene Jugend, die Möglichkeit einer teilweisen Hebräisierung des deutschen Zionismus waren es, die schon den Leipziger Delegiertentag beherrschten. Diese Fragen werden auch diesmal unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Wir dürfen aber die Gegenwartsarbeit nicht losgelöst von den Bedürfnissen der jüdischen Gesamtheit — einzig und allein gesehen vom Standpunkt des deutschen Judentums — betrachten, wie ja eine wahrhaft zionistische Betrachtung stets von der Judenheit als einem einheitlichen Körper ausgehen muß. Und so er-