Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 50 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 486 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Das Jüdische Echo Nr. 50 Feuilleton Lebensmittelwucher und Bibel. Eine der markantesten Bibelstellen gegen den Lebensmittelwucher finden wir in Arnos Kap. 8, Vers 4 bis 10. Hier heißt es: „4., Hört ihr, die ihr den Dürftigen zu verschlingen und die Bedrängten des Landes zu vernichten trachtet. 5., Sprechend: wann ist der Monat zu Ende, daß wir Getreide verkaufen können; wann der Ruhetag, daß wir Getreide feilbieten können, das Maß verkleinernd, den Preis erhöhend und zu betrügen durch falsches Gewicht. 6., Zu erwerben um geringes Geld die Heruntergekommenen und den Dürftigen um ein Paar Schuhe; und selbst die Abfälle des Getreides zu verkaufen. 7., Da schwor Gott bei der Hoheit Jakobs: niemals vergesse ich ihre Taten. 8., Sollte etwa darüber nicht die Erde erbeben, alle ihre Bewohner verkümmern? Sollte sie nicht von einem Strom, ähnlich dem Ägyptens, ganz überschwemmt und fortgespült werden? 9., So sei es, am selbigen Tage, spricht der Herr, lasse ich untergehen die Sonne am Mittag und ich verfinstere die Erde am lichten Tag. 10., Und ich verwandle eure Feste in Trauer und alle eure Gesänge in Klagelieder, und ich bringe auf alle Lenden den Sack und auf jedes Haupt die Glatze; und versetze sie in Trauer wie um einen Einzigen und ihr Ende soll ein bitterer Tag sein.“ Nach übereinstimmender Ansicht aller maßgebenden Kommentatoren alter und neuer Zeit, namentlich des Talmud und des Midrasch, handelt es sich hier um eine gebührende Strafpredigt gegen Preistreiberei und Lebensmittelwucher. Die Ausdrücke in Vers 5 „wann ist der Monat zu Ende .... und der Sabbath“ sollen die Grundstimmung der Wucherer, von denen selbst die kurzen Unterbrechungen, an welchen sie ihren Handel nicht fortsetzen konnten, lästig befunden wurden, zum Ausdruck bringen. In Vers 6 bezeichnet der Prophet als die Folgen des unheilbringenden Treibens: Versklavung und Verelendung des Volkes. J. F. Der Verwundete. Von Leonid Andrej ew. Vor meinen Augen steht oft ein Bild voll Trauer und Qual. Es war in Petersburg im Treppenhaus eines riesengroßen neuen Hauses, wo in einer der Etagenwohnungen ein Privatlazarett eingerichtet war. Als ich ins Parterrezimmer trat, um einen Bekannten zu begrüßen, fand ich es überfüllt mit eben angekommenen Verwundeten, die von den Neugierigen, die sich an die Türspiegelscheibe drängten, beobachtet wurden. Das Haus war neu und reich ausgestattet, und der Fahrstuhl, der die Verwundeten ins Lazarett hinaufbrachte, war vorsorglich mit Segeltuch überzogen; sonst könnte doch der Sammet beschmutzt oder in die Ritzen. Ungeziefer verschleppt werden. Die mit dem Fahrstuhl nach oben beförderten Verwundeten wurden wohlwollend von einem Geistlichen und noch einem anderen, mit weißem Kittel angetanen Mann empfangen. Die Verwundeten küßten die Hand des Geistlichen und traten dann, befangen durch den Anblick des allzugrellen Lichts und Luxus, »schweigsam durch die offene Tür des Lazaretts9ein. Schwerverwundete, die noch der Tragbahre bedurft hätten, waren nicht dabei; alle Verwundete konnten noch allein und frei gehen; er war ein schwerer Anblick. In einer der letzten Gruppen, die mit dem Fahrstuhl hinaufgekommen waren, befand sich ein verwundeter Soldat, der irgendwie gleich allen auffiel. Es war ein junger, schmächtiger Jude, iaus der unteren Volksschicht, mittelgroß, entsetzlich blaß. Alle Verwundeten waren bleich, aber die Blässe dieses Juden war von der Art, wie sie nur bei blutarmen, erschöpften oder hoffnungslos kranken Menschen zu finden ist. Er ging allein, langsam, unsicher sich vorwärts schiebend, und beugte sich auch nieder, um die Hand des Geistlichen zu küssen. Aber kaum ahnte er wohl selbst, was er tat, und dieser Kuß war weder gut noch schlecht. Offenbar war er an der Hand verwundet, denn er hielt sie ein wenig gespreizt: ein Teil der Finger war umwickelt, die anderen, unverletzten, mit einer Kruste von Blut und Schmutz bedeckt. Aber auf seinem Mantel, auf dem Rücken, war ein großer brauner Blutfleck, sehr groß, etwa die Hälfte des Rückens lang, und mitten im weichen Mantelstoff hob er sich hart, wie gestärkt, hervor. Und in diesem grausigen Fleck war die ganze schlichte Geschichte des Gefechts und der Wunde beschlossen. Aber nicht der Blutfleck war das Auffallende an dem Soldaten — den hatten ja auch die anderen —, sondern seine Blässe, sein schmächtiger, kraftloser Körperbau und vor allem der Ausdruck ganz besonderer Ängstlichkeit und Unsicherheit: ob er denn auch wirklich recht tue, und ob er sich in dem Orte nicht geirrt habe? Dieser Ausdruck fehlte bei den anderen Verwundeten, den Nichtjuden; sie waren befangen, aber nicht zaghaft, und gingen durch die Tür geradewegs und selbstverständlich. Dann kamen mir die Worte eines Sanitäters in den Sinn, der einen Sanitätszug begleitete; der erzählte mir nämlich, daß die verwundeten Juden sich bemühten, nicht zu seufzen und zu stöhnen. Das ist schwer zu glauben, und zuerst hatte ich es auch nicht geglaubt; wie ist es denn möglich, daß ein Verwundeter, den man eben hinausgetragen und der mit den anderen Verwundeten zusammenliegt, nicht stöhnt,' wenn es alle anderen doch tun? Aber der Sanitäter bekräftigte seine Behauptung und fügte hinzu: „Sie fürchten die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.“ Der Judensoldat trat hinter den anderen ins Lazarett ein, und die Tür schloß sich wieder; aber sein Bild voll Trauer und Qual stand noch immer vor meinen Augen. Natürlich, auch er bemühte sich, die Aufmerksamkeit von sich abzuwenden; darin lag das Rätsel seiner Zaghaftigkeit. Und wenn er verbunden und gebettet ist, wird er auch sein Möglichstes tun, das Seufzen zu unterdrücken. Denn woher sollte er das Recht nehmen, laut zu stöhnen? Vielleicht hat er gar kein Recht, in Petersburg zu wohnen, und darf nur vorläufig als Besitzer einer Wunde hier bleiben: das ist kein sicheres Recht. Und was für die anderen ein Heim ist, erscheint für ihn gleichsam als eine Ehrenhaft. Zunächst wird man ihn für eine Weile dabehalten, dann wird man ihm eines Tages die