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Das jüdische Echo · 1916-11-24 · 47 (24.11.1916) · p. Seite 449

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
47 (24.11.1916)
Date
1916-11-24
Page
Seite 449 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 449 Das Jüdisctie Echo Kreise junger Mitjuden von verständnisvollen Gefährten und guten Kameraden oder Kameradinnen umgeben zu sein. An den Heimabenden aber sitzt die junge Schar der Wanderer und Führer bei einander und erzählt sich von den Erlebnissen der unternommenen Fahrten — den äußeren und inneren — und bemüht sich einzudringen in die Seele, die Geschichte und die Lehre unseres Volkes. Freilich hat mancher der jugendlich begeisterten Führer ins Feld hinausziehen müssen, aber es haben sich doch immer wieder neue Kräfte gefunden, die Lücken zu füllen. Bisher hat es an einem Buche gefehlt, das einerseits die Erfahrungen der Blau-Weißen widerspiegelt, andrerseits den Führern und den Kindern Erzählungen aus der jüdischen Vergangenheit bietet, an denen sie sich gemeinsam erfreuen, die sie zur Grundlage ihrer ernsteren Betrachungen machen können. Nun soll ein solches Buch erscheinen. Der Verlag R. Löwit in Wien kündigt für Ende November ein „Tagebuch für jüdisch e W a n d e r e r“ an, dessen Herausgeber Jos, Markus ist. Das Buch verspricht nach den Proben, die uns bisher daraus vorliegen, von hoher Bedeutung für die jüdische Wanderbewegung zu werden, und wir möchten heute schon alle Freunde des „Blau-Weiß“ darauf hinweisen. Wir bringen in unserem heutigen Feuilleton ein Kapitel aus dem neuen „Tagebuch“, betitelt „Pessach“. In ähnlicher Weise wie das Pessachfest werden alle jüdischen Feste in dem Werk behandelt sein. Kunst-Echo Lesser Urys Lebenswerk. Aus Berlin wird gemeldet, daß die im Salon Cassirer veranstaltete Ausstellung Lesser Urys eine große Sensation dar stellte. Es ist kein Wunder, da sich dieser Maier an keine der bestehenden Richtungen anschließt, sondern wie ein eratischer Block in der Kunst der Gegenwart dasteht. Man kann keinen Zufall darin erblicken, daß vor etwa fünfzehn Jahren die mit so nachhaltigen Wirkungen auftretende kulturelle Gruppe, mit der vorzugsweise die Namen Martin Bubers und Berthold F e i w e 1 s verknüpft sind, das Jungjudentum auf Lesser Ury verwies. Denn dieser geniale Eigenbrödler verkörpert in sich, was uns allen abhanden gekommen schien: ein (bei ihm bis zum Eigensinn gediehenes) eifersüchtiges Bestreben, Individualität und Charakter zu wahren. Wir wollen heute nicht auf die singulären künstlerischen Qualitäten Lesser Urys, die auf dem Gebiet einer erstaunlichen Farbentechnik beruhen, wie auf die störenden Mängel seiner Form, die eine Folge der Autodidaktik sind, eingehen, sondern nur darauf hinweisen, daß dieser Meister um seiner selbst willen einen Dornenweg sondergleichen auch im Leben zu gehen hatte. In einem der ersten Jahrgänge von „Ost und West* spricht der Vereinsamte mit Bitterkeit in einem Aphorismus über die als Prostitution anzusehende Vorliebe jüdischer Mäzene für christliche Motive, während jüdische Künstler, die es zur Darstellung altbiblischer Stoffe treibt, jeder Förderung entbehren müßten. Und wie viele großartige Schöpfungen, die einem zu schaffenden jüdischen Nationalmuseum verloren gegangen sind oder verloren zu gehen drohen, wie etwa der (in der Reproduktion gar nicht zu erfassende) gigantische Jeremias, hat Lesser Ury hervorgebracht. Wären dem Mann nur nicht durch Unverstand des kauffähigen, unmündigen und urteilslosen Publikums, durch Mißgunst der Kollegenschaft, die nur aufkommen läßt, was zur Clique schwört, frühzeitig die Flügel beschnitten worden, dann allerdings hätte er sich in Arbeit und Wiesen wohl harmonischer entwickeln können. So ist es zu erklären, daß der P. W.-Berichterstatter der „Frankfurter Zeitung“ seinem Blatte schreiben kann: „Von den Wänden, die dem Aussteller so oft nichts als eine Marktgelegenheit waren, spricht eine Künstlertragödie, die nichts weiter vorbringt als das Werk eines künstlerisch Schaffenden, an dem man in Berlin und durch Berlin in ganz Deutschland fast ein Menschenalter achtlos vorübergegangen ist...“ Man mißbraucht oft das Wort von der jüdischen Kunst, gegen das Gottlob in letzter Zeit von mancher Seite (insbesondere beschäftigt sich der Roman von Max Brod mit diesem Problem in Dichtung und bildenden Künsten) energischer Einspruch erhoben wird. Aber wenn es einer verdient, als jüdischer Künstler angesprochen zu werden, dann ist es gewiß Lesser Ury, der niemals als Wegsucher von seiner eigenen Bahn abgewichen ist. N. W. Feuilleton Pessach.*) II. Buch Moses, Kap. 12 u. 13; III. Buch Moses, Kap. 23, V. 5—14; V. Buch Moses, Kap. 16, V. 1—9. Vom 15.—22. Nissan feiern wir Pessach; Pessath, das Freiheitsfest! Der Druck des Pharao in Ägypten war unseren Ahnen unerträglich geworden; Sklaven mußten sie werden an Leib und Seele; das empörte Moses, den besten unter ihnen, und in der Einsamkeit, in die er geflüchtet war, und in der sich Gott ihm offenbart hatte, empfand er: den Gott der Stärke und Kraft, des Wfahren und Guten kann nur ein freies Volk erkennen; nutzlos wärs, ihn der geknechteten Menge kund zu tun! In ihm reifte der Entschluß zur Tat: die Freiheit für. sein Volk zu erzwingen. Doch zu so hohen Zielen war der Weg nicht leicht. Pharaos Herz blieb verstockt; aber endlich mußte er Israel freigeben. Als er gezwungen die Einwilligung ausgesprochen hatte, gab es kein Zögern mehr. Am Morgen des nächsten Tages begann der Auszug; als Vorbereitung auf die Freiheit wurde die Nacht mit feierlichem Opfermahle verbracht, zum Auszug gerüstet: „die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand.“ Keine Zeit war mehr, den Brotteig zu säuern, ungesäuertes Brot wurde als Wegzehrung mitgenommen. Das Sklavenvolk war die Freiheit noch nicht gewohnt; so sollte es werden wie einst die Urväter Abraham, Isak und Jakob, stark im Kampf und groß, weil auf den Ewigen bauend. Stärke und Größe gab die Weite der Wüste. Freiheitssehnsucht sollte für immer die Grundlage seines Wesens sein. „Dieser Monat soll euch der erste sein“, heißt es, mit der Befreiung aus der Knechtschaft sollte das Jahr beginnen. „Ich bin der Ewige, euer Gott, der euch aus dem Sklavenhause Ägypten befreit hat“, lautet das erste Gebot am Sinai; nichts wird hier verlangt, nichts verboten, aber die Tatsache der Befreiung ist die ewige Mahnung, die an alles Große und Gute erinnert; nur *) Aus dem „Tagebuch für jüdische Wanderer“, heraugegeben von Jos. Markus bei Löwit-Wien.

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