Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 46 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 437 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46 Das Jfidlsche Echo 437 Gleichstellung der Juden mit den übrigen Bevölkerung und die Freizügigkeit eingeführt worden war. 1867 waren über 2000 Juden in München, 1880 schon mehr als doppelt so viel und jetzt gibt es weit über 10 000 jüdische Einwohner hier in München. Die Juden in München sind heute in allen Berufsarten tätig und gehören vielfach zu den angesehensten Vertretern ihrer Berufszweige. Seit den 80er Jahren sind nach München viele ausländische Juden eingewandert aus dem Osten her, besonders aus Österreichisch- und Russisch- Polen, aus Ländern, wo es ihnen schlecht ging, wo sie sich gar nicht mehr ernähren konnten oder wo sie gar Verfolgungen ausgesetzt waren. Es sind heute gegen 30 000 osteuropäische Juden in München ansässig. Und die Münchener Juden haben allen Grund diesen Ausländern die Hand zu reichen und ihnen zu helfen, daß sie ehrlich und rechtschaffen sich hier ihr Brot verdienen können. Der steinerne Jude am neuen Rathaus muß sie daran gemahnen, daß einstens vor mehreren hundert Jahren die Juden von München ebenso elend und arm von ihrer Heimat vertrieben wurden, und daß vielleicht heute unter den Einwanderern aus dem fernen Osten sich manche befinden, deren Voreltern um jene Zeit aus München, Augsburg oder Nürnberg fortziehen mußten, und in Polen eine Zufluchtstätte fanden. So sehen wir uns durch eine Betrachtung der Münchener Judengeschichte auf die allgemeinen Schicksale der Judenheit hingewiesen. Die Juden sind, seit sie aus ihrem alten jüdischen Lande fortgezogen, ein Wandervolk geblieben, nicht aus eigenem Willen, aber durch Not und Gewalt dazu gezwungen. Auch heute ist diese Wanderung noch nicht beendet. In den letzten 30 Jahren haben gegen zwei Millionen Juden Osteuropas den Wanderstab ergriffen. Ein kleiner Teil hat im westlichen Europa Aufnahme gefunden, weitaus der größte Teil ist übers Meer gezogen, um in der neuen Welt ein neues Leben sich zu gründen. Doch schon machen sich auch dort drüben Strömungen geltend, die dem armen jüdischen Einwanderer den Zutritt erschweren wollen. — Wann endlich der Jude seinen Wanderstab für immer weglegen wird, wir können es nicht wissen. — Aber wir können auf das Ziel hinarbeiten, und wir haben die Pflicht dazu. In Erinnerung an die Geschichte der eigenen Stadt muß der Münchener Jude erkennen, daß gleiches Schicksal, gleiches Leid die Juden früherer Tage hier getroffen, wie es heute anderwärts unseren Stammesgenossen begegnet. Und er wird dem fremden Juden, der an seine Türe pocht, mit offenem Herz und offener Hand begegnen. est. Welt-Echo Symptome. Der Reichstagsabgeordnete Dr. P r e n d e 1 (Regensburg) hat am 7. November auf Veranlassung des Landtagsabgeordneten Dr. Schlittenbauer eine Reihe von Anfragen an den Reichskanzler gestellt. Unter diesen Anfragen befand sich auch die folgende: Aus welchem Grunde hat die Reichs-Futtermittelstelle und die Bezugsvereinigung der Münchener Hefenverwertungsgesellschaft m. b. H. gemäß der Verordnung vom 28. Juni 1915 (24. März 1916) den gesamten Anfall an Naßhefe den Münchener Brauereien zugewiesen? Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß diese Gesellschaft aus fünf Münchener Israeliten besteht, dem Großkaufmann Emil Zeckendorf, dem Großhändler Jakob Buchfath, dem Rechtsanwalt Dr. Jul. Schülein, dem Kaufmann Dr. Fritz Schülein, der Unionsbrauerei & Co. Geschäfsführer Joseph Schülein? Mit welchem Rechte werden diese Herren gegenüber einer so leistungsfähigen und renommierten Brauerei, wie es die Löwenbrauerei München ist, bevorzugt? Die Angelegenheit kommt dieser Tage im Reichstag zur Sprache, und wir werden dann darauf zurückkommen. Vorläufig sei darauf hingewiesen, daß es Herrn Dr. Schlittenbauer in seinem Ärger darüber, daß die Reichs-Futtermittelstelle eine von Juden geleitete Gesellschaft berücksichtigt, nicht darauf ankommt, auch den christlichen Herrn Buckfath unter die Juden zu rechnen. Verblödung und Verhetzung. Dem Leserstamm des „Bayerischen Vaterlandes“ etwas Beliebiges einzureden, scheint nicht schwer zu halten. Man stellt einfach Behauptungen auf, auch wenn man nicht den Schatten eines Beweises für deren Wahrheit hat. Was tut’s —■ der Leserstamm kann es offenbar nicht nachprüfen. Man sagt zum Beispiel (in Nr. 257): Der Londoner Rothschild ist einer der Hauptbeteiligten an der englischen Einkreisungspolitik und dem Ausbruch der entsetzlichen Völkerschlächterei, bei der die Christen sich einander abmurksen im Interesse von — ja von wem gleich? Warum sollte man auch nicht so neckische Fragen stellen, wenn die Zensur sie durchgehen läßt? Auf Wahrheit kommt es ja nicht jedem an, und die beabsichtigte Wirkung wird erzielt: Das Publikum wird verblödet und verhetzt! Mischehen. Man schreibt der „Frankf. Ztg.“: Der aufmerksame Beobachter erkannte seit langem in Deutschland eine Zunahme der Mischehen bei allen Konfessionen; so war in den letzten 13 Friedensjahren bei den Protestanten das Verhältnis der Mischehen zu den ungemischten Ehen von 14,65:100 auf 17,48:100 gestiegen, bei den Katholiken sogar von 27,18 auf 32,52. Ganz besonders interessant war die Entwicklung bei den Juden; noch vor wenigen Jahrzehnten war eine jüdische Mischehe äußerst selten, bis dann auf einmal das Gegenteil eintrat. Von 1091 bis 1913 stieg der Prozenzentsatz frappierend rasch von 16,97 auf 30,98. Man konnte gespannt sein, wie im Kriege die Entwicklung weiter gehen würde. Die Antwort gibt folgende Berechnung. Danach entfielen auf je 100 ungemischte Ehen an Mischehen bei Evangelischen Katholiken Juden 1901 . 15 27 17 1913 . 17 33 31 1914 . 10 26 53 Während bei der übrigen Bevölkerung im Jahre der Kriegstrauungen die Zwischenheiraten scharf zurückgingen und sie sind bei den Juden auf nicht weniger als 53 vom Hundert hinaufgeschnellt. Mit anderen Worten: auf zwei ungemischte Ehen kommt eine Mischehe. Es wird von Interesse sein, zu beobachten, ob dieser Prozeß anhält und — wie manche Statistiker seit Jahren prophezeien — etwa einen Auflösungsprozeß einleitet. Für diese Annahme würden allerdings eine Reihe von Umständen sprechen, so zunächst einmal die Beobachtung, daß erfahrungsgemäß der größte Teil der Kinder aus derartigen Ehen im christlichen Glauben erzogen wird, ferner der Umstand, daß an