Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 45 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 426 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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426 Das Jüdische Echo Nr. 45 rung: ärztlich untersucht; vielen wird die Erlaubnis, sich einzuschiffen, verweigert, da sie an ”Irachoma leiden. Die Fälle sind sehr häufig, und nun müssen sich die Glieder derselben Familie trennen; die in Neapel Zunickbleibenden sind meistens ohne Mittel. Es spielen sich täglich herzzerreißende Szenen ab. Eine Chewra Kadischa vor dem Kriegsgerichte. Aus Petrikau wird gemeldet: Eine Verhandlung vor dem hiesigen Kriegsgericht, die mit der Bestrafung eines Rabbiners und angesehener frommer Juden endigte, brachte doch andererseits ein herrliches Zeugnis für die unglaubliche Selbstaufopferung in den jüdischen Kreisen Polens. Im Städtchen Silewe war eine Epidemie ausgebrochen, die die behördliche Verordnung als nötig erscheinen ließ, die Toten sofort ohne die rituellen Waschungen begraben zu lassen. Das traf die gesetzestreuen Kreise sehr schwer, und Nacht für Nacht soll nun der Ortsrabbiner mit Hilfe einiger Frommen aus der Gemeinde unter größter Lebensgefahr die Toten wieder ausgegraben haben, um sie nach der vollzogenen Tahra wieder nach jüdischem Ritus zu bestatten. Selbst der Vertreter der Anklage gab zu, daß man die edle fromme Absicht der in sanitärer Beziehung ganz unerfahrenen Leute nicht ohne Rührung anerkennen muß. Indes soll nach der Aussage der Sachverständigen dieser Vorgang zur weiteren Verbreitung der Krankheit beigetragen haben. Das Kriegsgericht erkannte für den Rabbiner auf ein Jahr, für zwei Vorstandsmitglieder auf je sechs Monate, für die weiteren Beteiligten zu vier bis drei Monaten Gefängnis. In Berücksichtigung der idealen Motive der Tat ließ aber das Gericht eine Ablösung der Gefängnisstrafe durch Geldstrafen zu, die zwischen 1000 und 50 Rubel schwanken. Das Geld wurde von der armen kleinen Gemeinde sofort aufgebracht, so daß alle Verurteilten auf freien Fuß gesetzt wurden. literarisches Echo Äus der Tiefe.*) Lag nicht bis vor wenigen Jahren über der Welt der Ostjuden ein undurchdringlicher Schleier? War nicht die Vorstellung, die wir im Westen uns von jenen machten, die einer zähen, breiten Masse? eines Menschenteigs, der vom Schicksal gewälzt und geknetet wurde, aber immer im Dunkel, immer in der Tiefe verblieb und inmitten des Zusammenwirkens der Völker sein unergründliches, düsteres Eigenleben führte? Was wußten wir vom Wesen des einzelnen Ostjuden? von seinem Streben, seinem Hoffen, den gewaltigen Erhebungen seiner Seele? Nichts wußten wir von denen im Osten, und gedachten wir ihrer (immer als einer Masse), so geschah es mit einem billigen, auf dem Gefühl unserer Überlegenheit beruhenden Mitleid. Bis plötzlich einige kamen, welche die Schleier über dem Leben der Ostjuden zerrissen, die uns selbst die Binde von den Augen zogen und uns in ihren erhobenen Händen ein Etwas hinhielten: ein zuckendes, schlagendes, tanzendes, im Schmerz sich krampfendes Menschenherz — das Herz der Ostjuden. Emporgerissen aus dem Dunkel der Ghettogassen, der Jeschi- *) J- L. Perez, Jüdische Geschichten. Aus dem Jüdischen übertragen von Alerander Eliasberg. Insel-Verlag, Leipzig. botli, der Bethäuser an das Licht des Tages. Und wie das Herz vor unseren Blicken zuckte, da sahen wir, daß es mit tausend Fäden gleichzeitig an den Alltag, die Unendlichkeit und an die gesamte Menschheit geknüpft sei. Starker Hände bedurfte es, um aus der Seele der Ostjuden das Tiefste emporzugraben und uns aufzuzeigen, der Hände wirklicher Künstler. Da war einer, der zeigte uns das Menschenherz von allen Seiten, ließ uns bis auf seinen tiefsten Grund hinabschauen und verstand es, uns bei seinem Tanzen, Zittern und Sichemporschwingen beben zu lassen in Furcht und Mitleid: Perez. Aber lange Zeit blieb Perez nur ein Dichter von Juden für Juden, und die nichtjüdische Welt ahnte noch nichts von der neuen Quelle, die da sprudelte und sich der Menschheit offenbaren wollte. Nun ist Perez’ Stimme bis zu den anderen gedrungen: Alexander Eliasberg, der schon manchen Dichter auf die Tribüne der Weltliteratur geführt hat, ist sein Interpret geworden. In der Sammlung der Insel-Bücherei hat er eine Auswahl Perez’scher Erzählungen erscheinen lassen. Es sind die schönsten dabei: „Berl der Schneider“, der sich naiv-trotzig mit seinem Herrgott „vergleicht“, der „kranke Knabe“, bei dem sich die erste Erkenntnis der Schönheit eines Weibes mit dem Bewußtsein einer milden Tat zu einer gewaltigen Erschütterung verbindet; „Bonze Schweig“, vor dessen unfaßbarer Armut die Engel verschämt die Augen niederschlagen; „die Kabbalisten“, die im Augenblick, da der Leib dem tiefsten Elend erliegt, die gnadenvollste Vereinigung mit Gott erleben; die Geschichte vom Nemirower Rebbe, der in erhabener Schlichtheit sein Gebet durch gute Werke heiligt; und manche andere Erzählung, in der sich der Mensch plastisch aus seiner Umgebung, die Sehnsucht, der sittliche Wülle aus dem Menschenleben emporringt. Aus tiefster Tiefe. Alexander Eliasberg hat die in stilvollendetes Deutsch übertragenen Werke des jüdischen Dichters aus der Enge des jüdischen Kreises in die freiere Luft der Weltliteratur getragen — die Welt wird es ihm danken. H. H. C. Hof- Bürsten Fabrikant Schäfflerstr. 5 Nordendstr. 17 Fernruf: Nr. S7281 I I p°~- München T,%*r Israel. TöcUterpensmt Frau Apotheker Rothsehltil Ww. I I