Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 36 (8.9.1916)
- Date
- 1916-09-08
- Page
- Seite 329 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 329 Feuilleton Der Messiasglaube. Die den Beginn des Weltkrieges in Palästina erlebt haben, wissen davon zu erzählen, wie sich in jenen ersten Tagen des Grauens vor ihren Augen plötzlich die Seele des jüdischen Volkes auftat und — gleich dem Gestein, das jäh seine Goldader offenbart — ihre tiefste Sehnsucht den Blicken preisgab. Mir selbst wurde die Offenbarung in Jerusalem zuteil, an einem jener ersten Septembertage, da die Sorge noch drückender als die Glut des Schirokko über unserem Lande lag. Das unfaßbare europäische Ereignis, dessen Widerhall zu uns drang, hatte uns Geist und Gemüt verwirrt. Vergeblich suchten wir aus dem Trümmerhaufen unserer Gefühle, darunter frommer Glaube, alte Weisheit, kluge Einsicht verschüttet lagen, Scherben unseres Vertrauens auf die Ewigkeit und die Menschlichkeit hervorzuziehen. In den namenlosen Schmerz über den Zusammenbruch alter Ideale mischte sich für jeden einzelnen die Qual der Ungewißheit über sein äußeres Schicksal. Arbeitslos gewordene Juden irrten von Ort zu Ort, Läden, Fabriken, Institute schlossen ihre Pforten. In den deutschen Dörfern blieben die von den Männern verlassenen Felder brach liegen. In den Klöstern und Stiften sassen Mönche und Nonnen und harrten in dumpfer Ergebenheit ihres Schicksals. In den Moscheen lagen die Moslim auf den Knieen und flehten, Allah möge das über die Welt verhängte Strafgericht von den Gläubigen abwenden. Selbst die Kinder standen verstört vor geschlossenen Schulhäusern. Hinter den Hügeln der Stadt mit ihren Kuppeln und Türmen regten sich die Gespenster des Hungers, der Seuche, des Verfalls. — An einem dieser Septembertage führte mich mein Weg an die Klagemauer. Verschwunden waren hier die eng gescharten Gruppen der Beter, die sonst unter tausend Tränen ihre Gebete gemurmelt und das zerhöhlte Gestein mit Küssen bedeckt hatten. Verschwunden war die Zunft der von Krankheiten Zerfressenen, mit Lumpen bedeckten Händler und Bettler, die sonst den Fremden umringt hatte. Die jetzt noch vor der Klagemauer standen, waren ein paar Greise und Weiber, deren Lippen Gebete flüsterten, während ihr Geist bei ihren hungernden Familienangehörigen, bei ihren Söhnen und Enkeln sein mochten, die in der Armee irgend eiines Landes dem Feinde entgegengingen. Nie hatte ich an dieser Stelle den Aufschrei bitterster Not so ergreifend gehört, wie er mir jetzt aus dem immerfort inbrünstig wiederholten: „Majim! Majim!“ entgegendrang. In den schattenreichen Winkeln der Klagemauer hockte trübselig das Gespenst des Hungers und Durstes. Mutlos, zerschlagen wandte ich mich um, die enge Gasse, die den Zugang zur Klagemauer bildet, wieder hinaufzuschreiten. Da aber stockte mein Fuß: denn vor mir stand ein alter jemenitischer Jude von hoher Gestalt, der die Arme zum Himmel erhoben hatte und wie ein Verzückter an der Mauer emporstarrte. Die lächelnden Augen, die Züge, die ganze Gestalt^ des Mannes waren von einer unnennbaren Seligkeit wie durchleuchtet. Ich stand und staunte und hörte, wie sich aus der Tiefe des Lebens ein wundersamer Ton emporrang, aber noch wußte ich ihn nicht zu deuten, bis an selbem Tage die Worte an mein Ohr drangen: „Am glücklichsten sind die jemenitischen Juden. Sie sitzen in ihren Betstuben und warten: Große Not ist über die Welt hereingebrochen; das Geld verschwand aus dem Lande; die Feinde vernichten sich; alle Verheißungen sind erfüllt: der Messias kommt!“ Der Messias kommt! Aus der Tiefe klang es plötzlich hervor, schwoll an und wurde zu einem gewaltigen Brausen: die uralte Quelle war erwacht, die Goldader im Herzen meines Volkes, die lange begraben gewesene, sie hatte das umhüllende Gestein gesprengt und leuchtete und erklang wie eine Harfensaite: der Messias kommt! In den Herzen dieser Unschuldigsten, dieser kindlichsten des Volkes, die in keinem anderen Buche zu lesen verstehen als in dem Buche der Natur, die den heiligen Glauben uralter Geschlechter treu bewahrt haben, in ihnen war inmitten der grauesten Tage der helle Frühling erwacht, in ihnen sang und klang das Lied der Befreiung, das Lied der Erfüllung: der Messias kommt! Während allenthalben Menschen unter dem Drucke der Sehnsucht dahinkrochen und dem schlürfenden Schritt der Sorge entgegenhorchten, war es diesen schlichtesten der Juden vergönnt, über den Zusammenprall der Völker und Ideen, über das Getöse zerschellender Wahrheiten hinweg die dröhnende Stimme des Herrn zu vernehmen: „Seid bereit! der Messias kommt!“ Die diese Offenbarung uralter Sehnsucht schauen durften, standen ehrfürchtig vor der Seele des Volkes, das seit Jahrtausenden vom trübsten Alltag mit seiner niedrigen Geschäftigkeit umstrickt ist, und doch seit Jahrtausenden in ständiger Bereitschaft für den Augenblick lebt, da plötzlich seine schmutzigen Gassen zu Feststraßen, da die Lumpen seiner Kleider zu Prunkgewändern werden und seine vom Staube des Alltags befleckten Seelen sich in Tempel wandeln, würdig die Gottheit zu empfangen. H. H. C. Gemeindenu. Vereins-Echo Personalien. Das Eiserne Kreuz I. Klasse wurde dem kgl. bayer. Pionierhauptmann der Res. kgl. Bauamtmann Siegfried Kurzmann in Rosenheim verliehen. Er ist der Sohn des Gemeindevorstandes von Bayreuth, Luitpold Kurzmann. Ferner erhielt das Eiserne Kreuz I. Klasse der kgl. Leutnant der Res. Referendar R. Cohn, Sohn des Syndikus Artur Cohn in Berlin. Das bayerische König Ludwig-Kreuz wurde verliehen: dem prakt...Arzt Dr. Otto Beer in München, den prakt. Ärzten Dr. Max Cohn und Dr. Fr. Falk in München, dem prakt. Arzt Dr. Felix Frei in Nürnberg, prakt. Arzt Dr. Otto G ö t z in München, den Ärzten Dr. Philipp K r ämer .und Dr. Albert Wein stock in Nürnberg, prakt. Arzt Dr. Bertold Weiß in München, Direktorsgattin Emma Bär mann in Bad Dürkheim, Kaufmatmswitwe Anna Beer und Oberlandesgcrichtsratsgattin Betti Bernheim e r in Nürnberg, Justizratsgattin Eva Fränkl in Kaiserslautern, Frl. Paula Frank in Bad Kissingen, Kaufmannsgattin Rosa Fechheimer, Frl. Adele Frankenau und Witwe Karoline Franken bacher, alle in Nürnberg, Rentiersgattin Hermine F r ä n k e 1 und Frl. Lulu F r ä n - k e 1 in München, Kaufmannsgattin Ella G e r s t in Bamberg, Witwe Elisabeth Hessel berger in München, Kaufmannsgattin Paula Isaak in