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Das jüdische Echo · 1916-09-08 · 36 (8.9.1916) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
36 (8.9.1916)
Date
1916-09-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M.4.—, Einzelnummer 10 Pf. — V erlag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Hnzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 36 München / 3. Jahrgang 8. September 1916 Realpolitik. Im national-jüdischen Blätterwalde rauscht ein Sturm. Er begann mit einem Aufsatz, den Herr Julius Berger, der Parteisekretär der Zionistischen Organisation, für den „Juden“ schrieb. Berger erzählte in diesem vorzüglich geschriebenen, temperamentvollen Aufsatze von den Verhältnissen in Polen und sprach dabei seine Überzeugung aus, daß die politische Arbeit von deutsch-jüdischer Seite zugunsten der polnischen Juden mehr Schaden als Nutzen stifte. „Beginne man mit dem Hilfswerk“. Als Äußerung irgend eines Privatmannes hätte dieser Rat vielleicht keinen besonderen Eindruck gemacht, aber Herr Berger ist, wie gesagt, Sekretär der Zionistischen Organisation, und deshalb mußte die nationaljüdische Öffentlichkeit zu seinen Worten Stellung nehmen. Das „Frankfurter Israel. Familienblatt“ faßte sie denn auch als eine Kennzeichnung des Standpunktes der Parteileitung in der polnischen Judenfrage auf und geißelte in einem „Das Verdienst der Untätigkeit“ überschriebenen Aufsatz aufs schärfste die Haltung des zionistischen Aktionskomites, das sich darauf beschränke, die Tätigkeit des „Komites für den Osten“ zu verurteilen, jedoch darauf verzichte, in dieser Angelegenheit von unvergleichlicher Wichtigkeit selbst einen Finger zu rühren. Auf diesen Aufsatz hat Herr Julius Berger mit einem Artikel im offiziellen zionistischen Parteiorgan, der „Jüdischen R u n d s c h a u“ geantwortet; dadurch ist die ganze Angelegenheit aus der Sphäre des Persönlichen und Privaten herausgehoben worden, und Herr Berger hat sie als das gekennzeichnet, was sie ist: eine Angelegenheit der zionistischen Parteipolitik. Aus diesem Aufsatz, auf den wir heute in seinen Einzelheiten nicht eingehen wollen, geht nicht hervor, was die zionistische Parteileitung bisher für die polnischen Juden getan hat, oder was sie — etwa an einem günstigeren Zeitpunkt — später für sie zu tun gedenkt; aber dafür geht etwas anderes aus ihm hervor: daß nämlich die Parteileitung von diesem Kriege nicht die Entscheidung einer T e i 1 f r a g e des Judentums erwartet, sondern „der K r i eg soll über die Juden frage entscheide n.“ — Die zionistische Parteileitung muß deshalb nach wie vor jüdische Politik ,Jm Sinne des Gesamtjudentums“ machen; dann wird sich, das sagt zwar Herr Berger nicht mit klaren Worten, aber es ist die einzige logische Folgerung, das Schicksal der Ostjuden bei der Lösung der Gesamtjudenfrage, zu der diieser Krieg führen soll, schon regeln. Wir haben keineswegs die Absicht, jetzt darauf einzugehen, ob dieser Standpunkt berechtigt ist oder nicht, ob die zionistische Leitung mit ihrer bisherigen Tatenlosigkeit gegenüber der Ostjudenfrage in Polen recht gehabt hat oder nicht, wir wollen nur diese Auffassung von der bevorstehenden Lösung der Gesamtjudenfrage herausgreifen und fragen: Was ist mit diesem Rätselwort gemeint? Wir haben zu viel Achtung vor der zionistischen Parteileitung, um zu glauben, daß sie auf einen deus ex machina wartet, der schließlich alles ordnen wird. Wir sind fest überzeugt, daß sie eine ganz klare Vorstellung davon hat, w i e und durch wen diese Ordnung erfolgen wird. Und wenn man bedenkt, daß es die zionistische Partei ist, die seit Jahren predigt, die Judenfrage könne nur durch eine Verschiebung des Zentrums der gesamten Judenheiit gelöst werden, so kommt man zu der Überzeugung: die zionistische Parteileitung fühlt sich berechtigt, die furchtbare Wunde, die den Juden im Osten der Krieg schlug, unbehandelt zu lassen, weil sie weiß, daß sie ihnen auf eine andere — mehr mit den eigentlichen Zielen des Zionismus sich berührende — Weise helfen kann. Um ganz deutlich zu sein: Wenn die zionistische Parteileitung Grund hat zu glauben, daß nach diesem Kriege die polnische Judenfrage durch und in Palästina gelöst werden kann, dann ist sie freilich berechtigt, von jeder anderen Lösung die Finger zu lassen. Es fragt sich nun, ob die zionistische Parteileitung neuerdings Berechtigung erhalten hat, an die Verwirklichung des zionistischen Palästina- Ideals in einem solchen Umfange und innerhalb eines so beschränkten Zeitraumes zu glauben, daß sie wirklich hoffen darf, den polnischen Juden statt in Polen in Palästina zu helfen. Da ist nun in erster Reihe wieder darauf hinzuweisen, daß sowohl die türkische wie — aller Voraussicht nach — diie deutsche Regierung nach Friedensschluß ein brennendes Interesse an der Erschließung der asiatischen Türkei haben werden, und daß beide Regierungen den Zuzug eines hoclibefähigten Siedlerelementes, das durchaus geeignet ist, den Verkehr und das Verständnis zwischen Abendland und Morgenland zu vermitteln, mit Freude begrüßen werden. Als zweiter Punkt, der die zionistische Parteileitung berechtigen dürfte, an eine Lösung der Gesamtfrage in und durch Palästina zu glauben, sind die Ergebnisse der neuesten Forschungen

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