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Das jüdische Echo · 1916-08-18 · 33 (18.8.1916) · p. Seite 303

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
33 (18.8.1916)
Date
1916-08-18
Page
Seite 303 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 33 Das Jüdische Echo 303 kammer hineingeschienen. Es war ihr so bang so schwer ums Herz, sie hatte vor etwas Angst! Den Mann aufwecken wollte sie nicht. Endlich entschloß sie sich: sie sprang aus dem Bett, lief ins Gärtchen und wälzte einen zweiten Stein herbei . . . Und das hatte sie beruhigt! „Zwei Steine,“ sagt sie lächelnd dem Mann, „wirken sicherer!“ Und was soll der Mann dazu sagen? Welcher Mann kann einer Erau böse werden, wenn sie ihn so kindlich süß anlächelt, ihm ihre schmale Hand um den Nacken legt und ihre weiße Stirne zum Kusse anbietet? . . Er kiißt ihr also die weiße Stirne, sucht in ihren blauen Augen Antwort auf die Frage, warum sie nachts so unruhig schläft, und schweigt! Die junge Frau betrachtet den Kuß auf die Stirne als einen Lohn für ihre Frömmigkeit und Güte. Und so oft sie wieder auf die Stirne geküßt werden will, schleppt sie einen neuen Stein herbei . . Und kiißt sie der Mann nicht, so treten ihr Tränen in die Augen. Das junge Paar bekam Kinder: einen Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen wunderte sich gar nicht über die Steine, fragte nach nichts, sondern machte es ihrer Mutter nach. Die Mutter schleppte große Steine, das Töchterchen kleine Steinchen herbei. Und je größer das Töchterchen wurde, je größer und schwerer wurden auch die Steine, die sie herbeischleppte. Doch der Junge ist anders geartet. Er fragt: „Was bedeuten die Steine?“ „Diese Steine,“ antwortet die Mutter, ganz stolz, daß sie so viel weiß, „diese Steine bringen Glück!“ „Wieso?“ wundert sich der kleine Sohn. „Was heißt, sie bringen Glück? Hat man denn je mehr, als man durch seine Arbeit gewinnt?“ Die Mutter versteht diese Frage nicht und sagt: „Geh, frag den Vater.“ „Wirst älter werden,“ sagt ihm der Vater, „so wiist du es auch verstehen.“ Und als der Junge erwachsen war, erzählte ihm der Vater das Geheimnis des Diamanten. Und so ging es durch viele Geschlechter. Der Vater weihte seinen ältesten Sohn in das Geheimnis des Diamanten ein. In diesem Geschlecht gab es nur einen einzigen Menschen, der um das Geheimnis wußte, während die übrigen einfach glaubten, daß die schweren Steine Glück brächten: je mehr je besser. Und jedes Geschlecht schleppte neue Steine herbei. Die Nachbarn schauten verwundert zu. Manche von ihnen lachten. Andere wiederum hatten Ehrfurcht vor alten Gebräuchen, die sie, als sie auf die Welt kamen, schon als Gebräuche vorfanden. Nicht wenige meinten, daß die Sitte noch von jenen Zeiten herrührte, als Engel auf einer Leiter vom Himmel herabstiegen und die Menschen sie sehen konnten. Viele der Nachbarn wollten der Sippe ihre Freundschaft und Liebe zeigen, und sie lasen Steine auf den Straßen auf und warfen sie in den Gemüsegarten. In der Sippe selbst ist das Steinewerfen schon längst eine heilige Sitte geworden, eine Art Gottesdienst. Die jungen Leute kämpfen dagegen, und die Alten drohen den Jungen mit ihren knöchernen Fäusten. Die Jungen halten Reden gegen das Steinewerfen, und die Alten sagen: „Wie unsere Väter es damit gehalten haben, so werden wir es auch halten . . .“ „Unsere Väter waren klüger als wir und haben doch Steine geschleppt, also muß es so sein . . .“ „Nicht wir haben diese Welt erschaffen und es ist nicht unsere Sache, sie zu verbessern oder umzubauen. Ein gutes Pferd tritt ins ausgefahrene Gleis und zerbricht sich nicht die Beine auf neuen Wegen!“ Und sie sagten noch viel von den klugen Sprüchen, auf denen die Welt steht; wohlgcmerkt: unsere Menschen weit! Und so oft jemand von den Jungen etwas gegen die Sitte tun wollte, drohten die Alten, das Ei zu zerschlagen, welches klüger sein will als die Henne. Jahr für Jahr verlassen viele junge Leute mit Tränen in den Augen das alte Haus, trennen sich von der alten Sippe und ziehen in die Fremde, Arbeit zu suchen, Brot von fremden Backöfen zu essen und unter fremden Dächern zu schlafen. Sie wollen fortziehen, sie müssen fortziehen, weil cs zu Hause nicht mehr auszuhalten ist: Die Steine bilden schon einen großen Berg. Schwere Steine, die von oben herabrollen, bleiben unten liegen, und der Haufen breitet sich aus und rückt immer näher ans Haus heran. Mit der Zeit versperren die heiligen Steine Türen und Fenster des Hauses. „Das macht nichts!“ sagen die Leute. Sie stellen eine Leiter auf und kriechen ins Haus durch den Schornstein. Es fehlt im Hause an Luft. — Auch das macht nichts! Wenn man wenig ißt und kurz lebt, braucht man wenig Luft! Und man hat doch so wie so nicht, wovon zu leben. Wo soll man pflügen, wo soll man säen? Überall nichts als Steine! „Laßt uns wenigstens,“ betteln die» Jungen, „die Steine zusammenscharren. Soll der Berg in den Himmel hineinwachsen, nur daß er weniger Raum auf der Erde einnimmt! Damit wir Platz haben zum Pflügen und Säen!“ „Gottlose!“ schreien die Alten. „Nur über unsere Leichen hinweg könnt ihr euch dem Berge nähern!“ Reb Schoime wird für eine Zeit nachdenklich und nimmt eine Prise. Wir Jungen, die wir ihm atemlos zugehört hatten, holen jetzt tief Atem, und einer von uns frägt: „Warum schweigt der, der das Geheimnis des Diamanten kennt und warum stiftet er nicht Frieden zwischen den Alten und den Jungen?“ „Das ist eben das Unglück,“ sagt Reb Schleime, „daß mit der Zeit niemand mehr vom Diamanten wußte. Ob jemand so plötzlich gestorben war, daß er nicht Zeit hatte, das Geheimnis vor dem Tode seinem Sohne anzuvertrauen, oder ob jemand seinem eigenen Vater nicht glaubte und seine Kinder nicht betrügen wollte . . . Das weiß ich nicht. Jedenfalls weiß kein Mensch mehr um den Diamanten, und alt und jung schlagen sich noch immer wegen der Steine herum!“ Reb Scldoime war zu Ende. Und wir suchten zu erraten, was mit dem Diamanten gemeint ist: „Die Buchstaben des göttlichen Namens?“ „Das erste Gebot?“ „Das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?“ Reb Schloime gibt aber keine Antwort. Ein heimliches Lächeln gleitet über seine Züge. „Jungens!“ ruft er plötzlich aus: „Nun geht nach Hause: es graut ja schon der Tag!“

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