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Das jüdische Echo · 1916-07-28 · 30 (28.7.1916) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
3 (1916)
Issue
30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Das Jüdische Echo Bayerische Blätter für die jüdischen Angelegenheiten Erscheinungszeit: Jeden Freitag. Bezug: Durch die Postanstalten oder den Verlag — Bezugspreis: Viertelj. M. 1.—, Halbj. M. 2.—, Ganzj. M. 4.—, Einzelnummer 10 Pf. —Ver 1 ag des „Jüdischen Echo“ : München, Herzog Maxstr 4 — Redaktion: Helene Hanna Cohn, München, mw/mmm Anzeigen: Die viergespaltene Nonpareille - Zeile oder deren Raum 25 Pf. — Bei Wiederholungen Rabatt.— Dieselbe für kleine Änzeigen 15 Pf. — Anzeigenannahme: Verlag des „Jüdischen Echo“, München, Herzog Maxstraße 4. Fernsprecher: 53099. Postscheckkonto: München 3987. Nummer 30 München / 3. Jahrgang 28. Juli 1916 Moralischer Dienstzwang der Juden in England. Die Tageszeitungen haben bereits berichtet, daß die englische Regierung, nachdem sie den diensttauglichen, aus Rußlarid, eingew*a,nderten Juden mit einer zwangsweisen Verschickung nach ihrem Herkunftslande gedroht hatte, vorläufig von der Ausführung dieser Drohung. Abstand genommen hat. Statt dessen hat sie ihnen „erlaubt“, in das englische Heer einzutreten. Und nun erlebt man, was die selbstverständliche Folge dieser Maßregel ist: die russischen Juden machen von der „Erlaubnis“ nicht den ausgiebigen Gebrauch, den man christlicher- und englisch-jiidischerseits von ihnen verlangt. Infolgedessen erheben sich drüben triumphierende Stimmen: „Haben wir es nicht immer gesagt, daß der Jude ein minderwertiger Staatsbürger ist? Hat nicht das alte Geschichtchen von der jüdischen Feigheit eine glänzende Bestätigung erfahren?“ Natürlich fehlt es auch im jüdischen Lager nicht an heiliger Entrüstung: „Welche Pflichtvergessenheit! Unter dem Benehmen dieser russisch-englischen Juden werden schließlich noch wir englisch-englischen Juden zu leiden haben!“ Und im Grunde ist doch diese mangelnde Sehnsucht der aus Rußland eingewanderten Juden, sich der Entente zur Verfügung zu stellen, so selbstverständlich! Es gibt Tausende in Whitechapel und in den Einwanderervierteln von Liverpool und Glasgow, die nicht für die Entente kämpfen wollen, weil sie damit auch für Ruß Land (kämpfen würden, dessen Sieg ihnen als ein Unglück erscheinen müßte! Es gibt Tausende, die sich vor der ständigen Übertretung der rituellen Gesetze, die der Heeresdienst mit sich bringt, scheuen! Es gibt schließlich Tausende, denen der Gedanke, freiwillig zur Mordwaffe zu greifen, als eine Unmöglichkeit erscheint! Man versucht christlicher- und jüdischerseits, den eingewanderten Juden einzureden, aus Dan kbarkeit müßten sie begeisterter in den Kampf für Englands Größe eilen, als Englands eigene Söhne es getan haben. Kann man es den russischen Juden Englands übel nehmen, wenn sie-den Begriff einer so gewaltigen Dankesschuld gegen ein Land, das ihnen Aufenthalt gewährte und dem sie dafür ihre Intelligenz und Tüchtigkeit mitbrachten, nicht anerkennen wollen? Viele der in England lebenden Juden haben sich noch nicht naturalisieren lassen, weil sie ihren dortigen Aufenthalt nur als eine Übergangsstufe zu ihrer Auswanderung nach Amerika betrachten. Sie alle haben kein Wahlrecht, also auch keine Bürgerpflichten. Glaubt man denn, daß irgendwo auf der Welt eine andersnationale, erst kürzlich eingewanderte Schicht des Volkes in hellen Scharen sich zum Dienste in der Armee des Landes drängen würde, wenn man den Eintritt in diese Armee ihrem eignen Ermessen überließe? Es gibt zahllose Juden im Londoner Westend, die noch niemals Whitechapel und Hammersmith vor Augen gesehen, die keine Ahnung davon haben, daß die dort lebenden Juden vielfach weder in ihrem Hause englisch sprechen, noch eine englische Zeitung lesen, noch sich in irgendeiner Weise dem Vollblut-Engländer innerlich verwandt fühlen können. Würden diese Westend-Juden jemals den Weg nach dem Ostend antreten, so würden sie leichter verstehen, wieso ihren eignen Söhnen bei dem freiwilligen Entschluß, in das englische Heer einzutreten, nicht die furchtbaren inneren Hemmungen entgegenstehen, wie denen in Whitechapel. In den jüdischen Kreisen des Londoner Ostends ist die Erregung ungeheuer. Man macht den englischen Juden die bittersten Vorwürfe, weil sie von den russischen den Kampf für die Entente verlangen, während in Rußland jüdisches Blut nicht nur vor, sondern auch hinter der Front fließt. Von antisemitischen Kreisen wird die Angelegenheit weidlich ausgebeutet, und zwar schilt man nicht auf England, das in seiner bekannten Unaufrichtigkeit statt des gesetzlichen Dienstzwanges den moralischen Dienstzwang für alle seine Bewohner einführen will, sondern — auf die Juden im allgemeinen. Die Zustände in Rußland. Der „Tagesanzeiger“ in Zürich entnimmt einem ihm zur Verfügung gestellten Privatbriefe aus Chicago vom 2. Juni 1916 folgende Stellen: „Lieber Vetter! Heute nur wenige Worte, um Dir auf sicherem Wege eine Nachricht mitzuteilen, die sicher Deine und weiter jüdischer Kreise ungeteilte Sympathie finden wird. Das Schicksal unserer Glaubensgenossen in Rußland, namentlich derjenigen, die sich der großen Schar der Flüchtlinge aus Polen mehr oder weniger zwangsweise zugesellt haben, ' spottet geradezu jeder Beschreibung. Recht- und besitzlos, hilflos der Willkür untergeordneter Polizeiorgane preisgegeben, von Orten, wo sie zeitweise sich niedergelassen, nach kurzer Zeit verjagt, sterben sie zu Tausenden; Kinder unter vier Jahren gibt es

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