Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 24 (16.6.1916)
- Date
- 1916-06-16
- Page
- Seite 227 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Das Jüdische Echo 227 sei besser Schweinefleisch zu essen als zum Ra b b i nach K o z k zu pilgern . . . Bald nach der Hochzeit begann die Hölle. Sender starb beinahe Hungers. Das Beten und Lernen begann um 8 Uhr früh und zum Essen kam man um zwei Uhr nachts. Da schnarchte Sender schon längst in einem Winkel ... Er begann Essen zu stehlen, die Milch mit Strohhalmen aufzuschliirfen und stahl beim Schwiegervater Geld, um sich dafür Essen zu kaufen. Der Schwiegervater bedachte ihn dafür mit Ohrfeigen, die Schwiegermutter mit Besenhieben. Da faßte er sich eines Tages ein Herz — und entlief. Doch man faßte ihn. „Gemeiner Kerl!“ — schreit der Schwiegervater — „Die Frau ist in der Hoffnung und der Lump macht sich aus dem Staube!“ Für Sender war das neu und unglaublich. Drei Tage nach diesem •Vorfall starb die Frau im Kindbette. Sender schmerzte es tief. Doch ehe er noch Zeit hatte, seinen Schmerz zu verweinen, riß ihm der saubere Schwiegervater Mütze, Uhr und Pelz vom Leibe und warf ihn zur Tür hinaus. Wie Sender damals nach Hause kam, ist ihm noch heute ein Rätsel. Er weiß nur, daß Beizer Chassidim ihm halfen. Damals war Sender vierzehn Jahre alt. Bis zum sechszehnten saß er dann zu Hause. Der Vater — ein Getreidemakler — ließ während der ganzen Zeit seine Geschäfte im Stich und prozessierte mit dem Schwiegervater. Für den Unterhalt sorgte die Mutter, die in Taglohn ging. Der Vater aber war darauf aus, „dem Kozker Schwein alle Haare auszureißen“ (damit war der ewige Prozeß mit dem Schwiegervater gemeint). Er borgte stets Geld für Reisen zu dem oder jenem Rabbi, kam immer in hellem Zorn heim und es regnete Prügel auf den armen Sender: „Nur so ein Waschlappen wie du läßt sich hinauswerfen!“ — Wenn die Mutter sich der Sache annahm, dann stand es noch ärger: denn da regnete es Teller. Sender dankte seinem Schöpfer, als er zum zweiten Male unter dem Trauhimmel stand. Ehe die Braut kam, betete er inbrünstig zu Gott, die Ehe möge diesmal gesegnet sein. Der neue Schwiegervater war ein „Beizer“, und Sender wußte, es würde wohl nicht nötig sein, aus Näpfen und Töpfen zu stehlen! „Doch du lieber Gott, sie möge mir nicht im Wochenbett sterben! Lieber mag sie unfruchtbar sein!“ Denn ihm war es klar: Wäre die erste Frau nicht gestorben, so hätte er es schlecht und recht noch zwei Jahre beim Schwiegervater ausgehalten. Dann wäre das Paar ohnedies bei seinem Vater verköstigt worden . . . Und er hätte nicht halbnackt heimkehren müssen im ärgsten Winterfrost . . . Als Sender sich dieses Vorfalls erinnerte, da wurde es ihm vor dem Traualtar weh ums Herz. Er sah und hörte und spürte kaum, wie man ihn mit Schnee bewarf und mit Nadeln stach, wie die Musikanten spielten, wie man um ihn und die Braut den Reigen führte2) .... In seinem Herzen 2) Jüdische Hochzeitsbräuche, schrie es laut: „Guter Gott! — Lieber eine Kinderlose!“ . . . Er hatte es in böser Stunde erbeten . . . „Sie war“ — erzählt er — „wirklich ein braves, gutes Weibchen! Was sie mir von den Augen ablesen konnte, das tat sie. Und lustig war sie! Bald gab’s einen Klapps, bald einen Kniff. Sie sang und lachte immer. Ich hatte meine Freude dran. Es war dopplt so hell in der Stube, wenn sie darin war. Ein gutes Weib ist stets fröhlich. Doch — sie war wirklich kinderlos. Ich hätte mich nicht von ihr scheiden lassen. So geht es nun einmal. An was man sich bindet, davon kann man sich schwer losreißen. Und ich war an sie gebunden, — das heißt, nicht an sie; denn.Weib ist Weib! — doch an ihren Frohsinn und das Lächeln, das mir so wohl tat . . . Aber meine Mutter, die hat mir einen Jammerbrief nach dem andern geschrieben: sie will Enkel haben! Zu allem Unglück war ich das einzige Kind; meine Mutter hatte darum sonst keine Hoffnung auf Enkel und gerade das war der Wunsch ihres Lebens! Jeder Brief war feucht von Tränen. Der Vater schrieb vor Zorn und Ärger überhaupt nichts mehr und eines Tags wurde ich auf sein Betreiben vor den Rabbi zitiert . . . Übrigens hat auch sie etwas Schuld an dem, was kam: In der letzten Zeit war sie ganz anders geworden. Sie verlor all’ ihre frohe Laune, hatte stets rotgeweinte Augen und so oft sie mich ansah, seufzte sie . . . Sie fürchtete den Scheidebrief ... Wir wohnten beim Schwiegervater. Die Mitgift war noch angelegt, der Schwiegervater fürchtete sich, sie herauszugeben; ich nehme es ihm auch gar nicht übel; Ohne Kinder ist kein-Eheband fest! . . , Wir lebten von den Zinsen. Die ganze Verwandtschaft war stets im Zimmer. Ein Wort unter vier Augen sprechen war nicht möglich. Sie sah mich nur. an und Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie war nur noch die Hälfte dessen, was sie früher gewesen, und diese Hälfte war — daß Gott erbarm’! — gelb, vergrämt und verschrumpft. Es schnitt mir schier das Herz entzwei; sie dauerte mich so sehr!“ Tränen füllen Senders Augen bei diesen Worten. „Doch da war nichts zu ändern! Der Rabbi befahl es! Der Schwiegervater war einverstanden (blieb ihm doch die ganze Mitgift!), der Vater kam an . . . Die Scheidung wurde durchgeführt. Ich war damals so an die dreißig, etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt, und mußte zum Vater zurück! . . .“ (Fortsetzung folgt.) Gemeinden-u. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnaohrichten, die in diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höfliohst eingeladen.) Personalien. Zum kgl. bayer. Major der Landwehrinfanterie; wurde der Hauptmann Max Lehmann befördert.’ Zum kgl. Hauptmann der Landwehr wurde der Oberleutnant Josef Hayman n und zum kgl. bayer. Rittmeister' der Reserve der Oberleutnant Bertold Cohn heim im 7. Chevaux:-Regt. befördert. ■ Zu kgl. Oberleutnanten der Reserve wurden be-a fördert die Leutnants Hermann Dahlem, Julian Wolf, Hermann Bauer im 10. Inf--Regt. und Karl K i t z i n g e r im 21. Inf,-Regt. Zu kgl. bayer. Leutnants der Reserve wurden ernannt die Vizefeldwebel Otto ‘ H e r r m a n n im 17. Inf.-Regt., Otto Rosenberg u. Fritz Kahn im 2. Inf.-Regt., Max Weinberg er im 7. Inf.- Reg., Sigmund Bayer im lh Inf.-Regt., Kurt G u gg e n h e i m e r im 24. Inf.-Regt., Ernst Bec lila öf er im 7. Inf.-Regt., Heinrich S c h i 11 e r im 8. Res.-Inf.-Regt., Fritz F a 1 k e n s t e i n im 15. Res.-Inf.-Regt., Otto Hirsch im 5. Landw.-Inf.- Regt., Fritz Strauß im 7. Landw.-Inf.-Regt., Wilhelm Neumeyer im 8. Feldart.-Regt., Alfr. Kahn im 20. Feldart.-Regt., Paul Rosenbuseh