Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 18 (5.5.1916)
- Date
- 1916-05-05
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Das Jüdische Echo Nr. 18 daraus ich gekommen bin, war nicht die Heimat meiner Seele, die Länder, in denen meine Ahnen lebten, waren nicht ihr Wnrzelboden. Jeder ärmste Bauernknecht, jede elendeste Magd im Zwischendeck ist reicher als ich — sie kommen aus einem Heimatlande, sie bringen mit sich die Sprache, die Lieder, die Seele und Erinnerungen ihrer Heimat, und wenn sie müde sind des Wanderns, wenn das neue Land ihnen kein neues Glück bieten kann, so werden sie zurückkehren in dieses Heimatland. Für mich aber — wenn dieses Lichtgestade da drüben mich mit leeren Händen und hungernder Seele stehen läßt, für mich gibt es keine Heimat, die mich dankbar und liebevoll wieder aufnimmt. Für mich gibt es ein Deutschland, in dem ich geboren bin, und ich liebe das Land meiner Kindheit, aber in tiefster Seele bin ich ihm fremd, mein Stamm ist nicht auf deutschem Boden gewachsen, hat nicht teilgehabt am Aufbau deutscher Geschichte und Art und darf es auch heute noch nicht von ganzem Herzen und mit ganzer Kraft. Kann es auch heute noch nicht. Denn mein Stamm ist dem Stamm meines Herkunftslandes nicht bluts-, nicht geistes-, nicht seelenverwandt und müßte seine eigene Seele aufgeben, um aufzugehen in des fremden Landes Seele. Wer bin ich, der die tausend Lichter da drüben winken, was bringe ich dem neuen Lande, dem neuen Volke mit, das mich willkommen heißen, mir gern die Tore zum Allerheiligsten seines Volkstums öffnen soll? Einen müden entkräfteten Leib, der in Jahrhunderte langen Entbehrun-, gen und Verfolgungen seine Jugendstärke verlor und der im Lande der Freiheit gesunden möchte, einen Geist, der scharf und wachsam (zu scharf und zu wachsam) wurde, um tausend drohenden Gefahren zu entgehen, eine Seele, in der das Leid einer endlosen Ahnenkette nachschwingt, in der mancher Blütentraum ,im Keime erstickt, mancher Liebesfunken beim Aufblitzen verlöscht wurde, eine Seele, an deren Flügeln die Not, die Verfolgung, die Kleinheit der Mitwelt wie schwerer Lehm haftet und sie im Aufstieg zu den Höhen des Ideals hemmt. Eine Vertriebene bin ich, eine Heimatlose, arm gleich jenen Allerärmsten im Kaftan oder Scheitel unten im Schiffsraum, die meines Stammes sind, die elend, zertreten, verwundet und haßerfüllt auszogen, in eine neue Welt, die sie nicht kennen, nicht lieben, auszogen, um eine Heimat zu suchen. Und wenn sie uns versagt bleibt, die Heimat? Wenn das neue Land uns wiederum ausstößt, uns unseren heiligsten Besitz: uns selbst, unsere jüdische Seele rauben will — was dann? wo winkt uns dann ein Friedenshafen? Ich blicke auf zu den kalt funkelnden Sternen, blicke hinüber zu den glitzernden Lichtern und warte auf eine Antwort. Aber die Sterne bleiben stumm, und stumm bleiben die Lichter — ihr Werk ist es allein, die Nacht zum Tage zu machen, damit jede Sekunde benützt, jede Kraft verwendet werden kann zu fieberhafter, rastloser Arbeit für die Forderungen des Augenblicks. Und die Fragen an meinen Gott und an das ewige Schicksal verhallen in der Nacht. — Fröstelnd schleiche ich zurück in meine Kabine. Chana. Al Herzog Wilhelmstr. 29, neben IWJ Volkstheater. Regina Weis», langjährige Stütze im Hause J oc h s berger. Referenzen: Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Werner und Sr. Ehrw. Rabb. Dr. Ehrentreu. Gemeinden* u. Vereins-Echo (Unsere Leser sind zur Einsendung von Mitteilungen aus Gemeinden und Vereinen und von Personalnaohrichten, die in diesen Spalten gerne Aufnahme finden, höflichst eingeladen.) Personalien. Der kgl. bayer. Eisenbahnrangiermeister Phil. Metzger in Ludwigshafen wurde in den Ruhestand versetzt. Der kgl. bayer. Militärverdienstorden 4. Klasse mit der Krone und mit Schwertern wurde dem kgl. Major der Landwehr David Thormann verliehen. Der kgl. bayer. Militärverdienstorden 4. Klasse mit Schwertern wurde verliehen dem kgl. Rittmeister des Landwehrtrains Walter Sobernheim, ferner den kgl. bayer. Oberleutnants der Reserve Paul May im 17. Inf.-Regt. und Heinrich Schiller, dann den kgl. Leutnants der Reserve Walter Straus der 3. Trainabt., Franz Röder, Moritz Spitzer, Leopold H u r t z i g von der Infanterie, Julius Lever (Nürnberg), Siegfried Schwab, Otto Bauer von den Telegraphentruppen und Adolf Aufhäuser vom Train. Ferner dem kgl. Stabsarzt der Landwehr Dr. Paul Rosenthal (Hof), den kgl. Oberärzten der Reserve Dr. Karl Wimpfheimer (München) und Dr. Albert Struck und den kgl. Assistenzärzten der Reserve Dr. Hermann Meyer (München), Dr. Fritz Hopf (München) und Dr. Adolf Dessauer (Nürnberg). Dem Vizewachtmeister Curt S c h ü 1 e i n, Sohn des Kommerzienrates Schülein - München wurde das Eiserne Kreuz 2. Kl. und das Verdienstkreuz 2. Kl. mit Schwertern verliehen. Der Unteroffizier Berthold Feuchtwange r, Sohn des erst neulich verstorbenen Fabrikanten Sigmund Feuchtwanger, Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Kl., hat nun auch das Militärverdienstkreuz III. Kl. mit Krone und Schwertern erhalten. In unserer vorigen Nummer berichteten wir von dem Austritt eines hiesigen Kaufmanns namens Levi aus der jüdischen Gemeinde. In BeanG wortung verschiedener Anfragen teilen wir mit, daß es sich um Herrn Bruno Levi handelt. München. Am Montag, den 1. Mai, hat sich das Mitglied unsres Redaktionsausschusses, Herr J ac o b Reich, der im österreichischen Heere dient und einige Tage auf Urlaub hier weilte, mit Fräulein Henny Feuchtwanger vermählt.. Die Redaktion dieses Blattes spricht dem jungen Paare ihre besten Glückwünsche aus. München. Herr Josef Schachnow, der Kassierer der Zionistischen Ortsgruppe München beklagt den Verlust seines Vaters, des Herrn Wilhelm Schachnow, der am Donnerstag, den 27. April im 65. Lebensjahre gestorben ist. Herr Josef Schachnow konnte den ihm vor seinem Ausrücken ins Feld 'bewilligten kürzten Heim-I Urlaub statt seines Besuches bei seinem Vater nur noch dazu verwenden, ihm das letzte Geleit zu geben. Die Redaktion dieses Blattes spricht ihm ihr aufrichtiges Beileid aus. Der Jüdische National-Fonds München erhielt: Auf den Namen Myriam bas Michol von Herrn M. Sieradzky, ein Ölbaum Mk. 6.—. Für das Palästina-Hilfswerk von Helene Hanna Cohn anl. des Todes von Dr. Moscowitz Mk. 3.—.