Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- 14 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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118 Das Jüdische Echo Nr. 14 Freireligiöse, deren Väter jüdische Schulmeister an kleinen Plätzen waren. Wenn wir nun das Gros z. B. der Münchner Juden untersuchen würden, so würden wir keine ungetrübte Freude erfahren. Ich erinnere mich aus meiner eigenen Gymnasialzeit, wie bald der oder jener sich taufen ließ, ohne der allgemeinen Verachtung seiner .jüdischen Freunde zu verfallen, ohne daß der Rationalismus der Eltern von Seiten ihrer jüdischen Bekannten entsprechend charakterisiert wurde. Dem jüdischen Antisemitismus begegnet man aber auch in Kreisen, die sich zur Gemeinschaft zählen und doch eine direkte Abneigung gegen jede jüdische Betätigung bezeugen, gegen jüdische Vereine, jüdische Literatur und im großen und ganzen auch gegen die jüdische Religion. Wer es ernst mit alten Problemen meint, darf die Wahrheit nicht scheuen. Er würde aus der Tatsache, daß die Mehrzahl der großstädtischen Juden die Sabbathheiligung ablehnen, auf den Rückgang der ursprünglichen religiösen Auffassung schließen. Die oftmals angezogene Vermehrung der orthodoxen Gemeinden der Städte beruht auf dem Umstande, daß ein starker Zustrom vom Lande vorhanden ist; trotzdem ist die Entwicklung der Gemeinschaft des überlieferten Judentums nicht sehr stark. Wir müssen hier zwischen München und Nürnberg-Fürth unterscheiden. Die Fiirther Judenheit, die sogar über jüdische Mittelschulen verfügt, gewinnt aus der rein städtischen Jugend einen wertvollen Nachwuchs, während ich aus eigener Erfahrung z. B. von der München-Augsburger Jugend nicht dasselbe behaupten möchte. Und damit komme ich zu einem Kapitel, das ich aus persönlicher Anschauung kenne. Ich gebe zu, daß es vielen nicht sympathisch ist, unliebe Erscheinungen anzuerkennen, umsomehr als sie gewisse Doktrinen, an die man sich gewöhnt hat, zu erschüttern imstande sind. Ich meine damit die liberale Richtung, welche an und für sich der jüdischen Weltanschauung vielleicht angepaßt erscheint, über die Form aber, in der der sogenannte Liberalismus sich durchsetzte, ist m. E. das Urteil durch die Tatsache gefällt, daß dieser jüdische Liberalismus für die jüdische Erziehung so wenig übrig hat. Wie steht es mit der heutigen jüdischen Erziehung? Sehen wir von der häuslichen ab, so finden wir folgende jederzeit nachprüfbaren Verhältnisse. In den Volks- und Mittelschulen ist die Ausbildung direkt ungenügend. Unter den Absolventen der Gymnasien, die also 13 Jahre Zeit und Gelegenheit hatten, befindet sich ein hoher Prozentsatz, der nicht einmal korrekt hebräisch lesen kann, geschweige leichtere Texte übersetzen. Infolge der ganzen Anordnung ist für einen Teil der Schüler der jüdische Schulgang eine wahre Qual. Die Schuld trifft dabei weder die Lehrer noch die Schüler, wohl aber das System. Der lateinische Unterricht füllt den Hauptteil des Unterrichts der Gymnasialunter1klassen aus. Der jüdische Unterricht umfaßt Reitunterricbt gründlich und zweckgemäss erhalten Sie im Universitäts-Tattersall Amalienstr. 27 Trambahnlinie 2, 3, 10, 26 Prospekte auf Wunsch wöchentlich zwei Stunden; da die Ferien abgehen, außerdem christliche und jüdische Feiertage, bleiben ca. 35 X 2 Stunden, vielleicht auch ein paar mehr, übrig, did zur Hälfte der hebräischen Sprache und zur Hälfte der jüdischen Religionswissenschaft resp. Geschichte dienen müssen. Der allgemeinen Geschichte z. B. ist die vierfache Zeit gewidmet, wie der jüdischen; der christliche Schüler hat zwei Wochenstunden allein für seine Glaubenswissenschaft, während der jüdische in derselben Zeit neben der Ethik, Historie, eine schwere Sprache und deren Schrifttum erlernen soll! Jeder christliche Religionslehrer wird diesen Umständen die Eigenartigkeit nicht absprechen können, einzelnen jüdischen Großen in Israel erscheinen die insgesamt 70 jährlichen Religionsstunden noch zuviel! Die Eltern jammern über die Belastung der Kinder und sind gegen größere Hausaufgaben, damit die Kinder sonst in der Schule gut fortkommen. So entsteht das Unding, daß Schüler und Lehrer etwas vollbringen sollen, was eben unter normalen Umständen unmöglich ist. Und die Folge? Wo nicht die oft selbst im Erwerbsleben schwer angestrengten Väter oder Mütter die Zeit finden, nachzuhelfen, entsteht ein erschreckendes Halbwissen, was schlimmer als völlige Unkenntnis ist. Der jüdische Schüler versucht sich in der Materie der hebräischen Sprache, in den Tiefen der jüdischen Geisteskultur, an der Geschichte, die doppelt oder dreifach so alt wie die deutsche, infolge der Verbreitung über die ganze Erde, durch die Anteilnahme und den Zusammenhang mit den Ereignissen aller anderen Völker so ungemein kompliziert und mannigfach ist, hört etwas von den Hunderten Geistesriesen, ohne auch nur mehr als eine bloße Ahnung von deren Schaffen zu bekommen. Dieses System kann nicht in Naturen, welche oberflächlich sind und nicht einen Fond oder ein tiefes Gefühl mitbringen, Liebe und Achtung auslösen, wohl aber wird es zur Pein, zur Unerträglichkeit und letzten Endes zum Born der Mißachtung. Es. wird schwer sein, die ganze Unhaltbarkeit dieser jüdischen Erziehungstaktik zu bestreiten. Wie könnte nun die Sache gebessert werden? Durch die j ii dische Volksschule, in der ein so ausgiebiger hebräischer, Unterricht stattfindet, daß die Schüler der Mittelschulen höhere Texte in Angriff nehmen können, wozu eine Vermehrung der Stunden außerdem angezeigt ist. Der gute Fond, den dann jeder Schüler mitbringt, läßt ihn leichter einen Einblick in das Schrifttum gewinnen. Nun gibt es Gegner der jüdischen Volksschule. Wem das System eines falsch aufgefaßten Liberalismus höher steht als das Interesse an der Erhaltung und Erziehung der Jugend zu Juden (und nicht zu Unwissenden, resp. 1U-Wissenden), mit dem ist nicht zu rechten. Die Schule soll uns nicht nur Kenntnisse, sondern auch eine Erziehung vermitteln. Daß sich eine jüdische Erziehung nicht in 1U der Zeit, die z. B. der uns ziemlich fernstehenden toten lateinischen Sprache gewidmet ist, erfüllen läßt, müßte für jeden bewußten Juden klar sein. Man kann ohne Kenntnis des Lateinischen oder Französischen ein guter Jude sein, ohne Ahnung von jüdischer Ethik, von all den großen Ereignissen des jüdischen Volkes und ohne Kenntnis der heiligen Sprache ist man ein Jude wie ein Reiter ohne Pferd. Auf die Dauer ist eine Masse solcher Menschen ein Unding. Empirisch hat sich noch jedesmal bei solchen Judengemeinden, die keine geistige Fortentwicklung betrieben, eine hm