Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 42 (22.10.1915)
- Date
- 1915-10-22
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 355 Der Freund entfernte sich auf ein Weilchen, tung brumr"te vor sich: Sewach — Schach - Nach einigen Minuten kam der Freund wieder und fräste: Sewach? „Schächtung'', sagte Motele und erschrak selbst darüber, als könne er selbst nicht glauben, wie gut er schon „Chumesch" verstehe Der Freund war sehr zufrieden. „Siehst du, du kannst ja, jetzt lerne noch „Schlomim — a schlomim." Motele leierte herunter: Schlomim — a schlomim, Schlomim a schlomim. Wieder entfernte sich der Freund auf kurze Zeit, dann kam er mit der Frage: „Schlomim?" „A schlomim," antworte Motele schon etwas sicherer. „Sewach?" repetierte der Freund? „A Schächtung," antwortete Motele dreist. „Jetzt merk dir: Tomim — a ganzer, ohn a mum (Fehler)." Und Motele wiederholte sich abermals, wenngleich diese Worte ihm schon schwerer fielen. „Tomim?" fragte der Freund nach kurzer Frist. „A ganzer, ohne Muhme," antwortete Motele. Der Freund schüttelte sich vor Lachen. Motele schämte sich, ohne zu wissen, weshalb der Freund so lachte. „Närrchen, Tomim heißt a ganzer ohn a mum (Fehler), nicht ohne Muhme (Tante)." „Was ist das mum," fragt Motele. „Mum? das ist die Übersetzung," antwortet der Freund; er wußte es natürlich selber nicht. „Aber merk dir, a mum, a mum, aber keine Muhme. Im Chumesch ist von mum die Rede und von keiner Muhme." „Ich habe eine Muhme, sie heißt Vögele," sagte Motele, „sie ist gestern auf Besuch gekommen." „Ich habe auch eine Muhme, jeder Knabe hat eine Muhme, aber jetzt merk dir, Tomim heißt a ganzer, ohn a mum, aber keine Muhme." Und Motele studierte: Tomim — a ganzer ohne mum, aber keine Muhme. Vor dem Nachhausegehen schärfte ihm der Freund nochmals ein, die ganze Nacht diese drei Übersetzungen zu wiederholen. „Wenn du morgen in den Cheder kommst, und kannst noch alle drei Worte, dann sag' ich allen Jungen, daß du schon groß bist, daß du schon „Chumesch" kannst, und du darfst mit uns spielen, wie ein Großer. Aber wenn du sie nicht kennen wirst, dann werde ich dir böse sein, kein Knabe wird dich leiden können, und alle werden dich nennen: Motele — Trottele." Diese Worte gingen Motele im Kopf herum. Wenn ihm jemand böse ist, das ist das ärgste. Er will, daß ihn alle leiden mögen, und darum bewegt er eifrig die Lippen und wiederholt? Sewach — a Schächtung, Schlomim — a schlomim, Tomin — a ganzer, ohn a mum, aber keine Muhme. Wie er aber in die Stube nach Hause kam, und ihm Röschen das Spielzeug zeigte, das Muhme Vögele ihr mitgebracht hat, da vergaß er, daß er die ganze Nacht wiederholen solle, und blickte voll Neugier auf die schöne blecherne Küche, die die Muhme ihr bescherte, die blechernen Topfe, kleine Pfännchen zum Fische kochen, Tellerchen und den winzigen Samowar (Teekessel). Aber noch mehr interessierte ihn Röschens neue Puppe, die ihre Blauäuglein allein öffnet ..und schließt; wenn man sie hinlegt, schließt sie die Auglein, und wenn man sie aufstellt, öffnet sie sie wieder. „Aber sprechen kann sie nicht," meint Motele. „Sie ist noch zu klein, wenn sie groß sein wird wie ich, wird sie auch reden können," belehrte ihn Röschen. „Sie kann nicht sprechen, weil sie ein Mädel ist," behauptet Motele, „ein Junge kann es, auch wenn er noch klein ist, ich zum Beispiel bin so klein, und kann schon den ganzen „Chumesch": Sewach — a Schächtung, Schlomim — a schlomim, Tomim a ganzer ohn a mum —." „Mum — bum!" unterbricht ihn Röschen. Die Muhme Vögele hat Motele auch bedacht, und kaum hatte sie ihn erblickt, überreichte sie ihm auch sein Geschenk. Ein kleines Kästchen voller Bleistifte und ein schönes Notizbüchlein, trotzdem Motele noch kein Aleph schreiben konnte. Dieses Geschenk ließ ihn bald den Cheder vergessen und den „Chumesch" und den Freund mit seinen Übersetzungen. (Schluß folgt.) Richard Wiilstätter Von der deutschen Tagespresse vielfach kommentiert, von der jüdischen Presse aus Unkenntnis nicht beachtet, vollzog sich vor wenigen Wochen eine für das Münchener Geistesleben hocherfreuliche Berufung eines berühmten jüdischen Mannes an die Universität München. Eines Mannes, den gerade jetzt die deutsche Wissenschaft mit Stolz den ihren nennt und den auch das Judentum mit freudigem Bewußtsein zu den seinen zählen kann: Dr. Richard Wiilstätter. Vom April 1916 ab amtiert Geheimrat Dr. Wiilstätter als kgl. bayerischer ordentlicher Professor der Chemie und Direktor des bayerischen Staatslaboratoriums an der kgl. Universität München. Er besteigt damit den weltberühmten chemischen Lehrstuhl, den vor ihm Exzellenz Adolf von Bayer und Justus von Liebig inne hatten. Der Lebensweg des 43jährigen Gelehrten ist ein glänzender, wenn er auch wohl mit schwerer Geistesarbeit verbunden gewesen sein wird. Geheimrat Wiilstätter ist ein Schüler A. v. Bayers und habilitierte sich als nur 24jähriger an der Universität München als Privatdozent. Nach Professor Thieles Berufung an die Straßburger Universität im Frühjahr 1902 wurde Dr. W. Vorstand des organischen Laboratoriums und außerordentlicher Universitätsprofessor. Im Herbst 1903 folgte er einem Ruf an die Technische Hochschule in Zürich und wirkte dort 7 Jahre lang als Ordinarius. Bei der Gründung der Kaiser-Wilhelmgesellschaft wurde Professor W. auf die Professur van t'Hoffs an die Berliner Universität berufen und an die Spitze eines, großen Forschungslaboratoriums im Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem gestellt. Die Arbeiten Dr. Willstätters umfassen die verschiedensten Gebiete der gesamten Chemie, Pflanzenalkaloide, z. B. Atropin und Cocain, cyclische Kohlenwasserstoffe, Chinone und Chinonimine, die Theorie der organischen Farbstoffe, nämlich die Beziehungen zwischen Konstitution und Farbe, ferner industriell wichtige Methoden der katalytischen Reduktion. Unter den aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut in den letzten zwei Jahren veröffentlichten Arbeiten sind Prof. Willstätters Untersuchungen über Chlorophyll, über den Blutfarbstoff, über Cellulose und zahlreiche Abhand-