Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 28 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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222 Das Jüdische Echo Nr. 28 daß wir Juden, wenn wir uns nur recht erkennen, zu allen Zeiten aus dem gewaltigen Reservoir unseres metaphysischen Bewußtseins das Reinste und Vorzüglichste unseres Wesens schöpfen. Was den Juden stets zum Juden stempelt, ist sein absoluter Glaube an das besondere Schicksal seines Volkes und damit auch der unbeugsame Wille, dem Dasein seines Volkes d i e Vollendung zu erringen, die ihm sein Gott von alters her zuschwor. Das ist das jüdische Grunderlebnis, und ihm hat sich Israel seine Geschichte dienstbar gemacht. Alle Entwicklungen und Hemmungen sind diesem Urerleben eingeordnet. Bevor das Volk nach der ägyptischen Knechtschaft ins Land der Väter kam, als es dort seinen göttlich-triumphalen Einzug hielt, solange es im Lande, da Milch und Honig floß, glücklich lebte, als es in das Elend der babylonischen Gefangenschaft geriet, als es später wieder den Tempel und die Stadt seines Gottes aufrichtete, als es von neuem Land und Heiligtum verlor und in die Länder der „Verbannung" zog: stets war sein herrschender Gedanke, daß es seinem Gotte diene, und sein Schicksal nicht die Fügung eines blöden Zufalls, sondern der Vertiefung fordernde Wille seines erhöhenden und erniedrigenden Gottes sei. Selbst die letzte und erschütterndste Katastrophe der zweiten Zerstörung konnte trotz zweitausendjähriger Verbannungsfolge dieses Weltbild der jüdischen Seele nicht trüben. Was kann dieser metaphysischen Konzeption des Juden der Untergang seines Gemeinwesens bedeuten? Doch nur eine Vorbereitung und Läuterung für ein neues vollkommeneres auf demselben Boden. Was kann die zweitausendjährige Zerstreuung in alle Weltteile dem jüdischen Grundbewußtsein, daß alles Leiden den Sinn Gottes trägt, anderes bedeuten, als die Methode der göttlichen Genialität, durch Dezentralisation die Sehnsucht nach Sammlung und Einheit unendlich zu machen? Unter diesem mythischen Erleben schrumpfen Jahrhunderte trübseliger Knechtung zu unbedeutenden Erbärmlichkeiten zusammen und verdichtet sich eine glückliche Stunde zur Offenbarung des höchsten, ewigen Sinnes. Ein Mythus aber, der in uns mit fast unverminderter Kraft ewig fortwirkt, ein Weltbild, in welchem Zerstörungen und Aufbauungen von weltgeschichtlicher Bedeutung sich nur wie sinnvolle Gleder eines großen egozentrischen Werdens spiegeln, eine so tief gefühlte Vorläufigkeit alles Seins, wie vermöchten sie ein Volk zu einem objektivierenden Kunstwerk zu inspirieren? Die 9. Abe, die in unserer Geschichte so tief einschneidende Wirkungen hatten, waren nicht Schlüsse verschiedener Weltschauspiele, sondern die Motive für Akt- und Szenenwechsel, für Schauplatzverschiebungen des einen und einzigen Dramas, dessen Ende noch nicht erfüllt ist. Die Entrücktheit unserer Daseinsauffassung hat es uns versagt, die 9. Abe unserer Geschichte gleich anderen Völkern zu großen künstlerischen Volksschöpfungen zu verarbeiten. Das Vorhandene sind lyrische Einstellungen der Volksseele in den großen Zusammenhang eines ewigen Werdens, selbstzerknirrschte Ergüsse eines aufgeregten Gewissens, unendlicher Schmerz der reuigen Erkenntnis und die verzehrende Sehnsucht nach der verheißenen Erneuerung. Das ist die Grundstimmung der Klagen, die am 9. Ab unsere Gotteshäuser erfüllen. Der Jude hat die Trauer um sein zerstörtes Heiligtum noch nicht abgelegt. Diese Trauer hat ihn für homerische Kunsttaten unfruchtbar gemacht. Aber die gleiche Trauer bewahrte ihn vor dem Wahnsinn des Chaos. Und noch mehr: sie beschützte in ihm die Kraft jenes Erneuerungsstrebens, das den Torso zum Drama vollendet und so die Vollendung selbst ist. „Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes"*) Besprochen von Moses Brand in Bamberg. Der in der deutsch-jüdischen Publizistik rühmlichst bekannte Binjamin Segel wendet sich mit seinem Buche in erster Linie an die Juden der neutralen Länder, im besonderen an diejenigen Amerikas, aber es bietet auch für uns des Wissenswerten und des Interessanten genug, um ihm eine weite Verbreitung zu wünschen. Der Verfasser behandelt eingehend und mit großer Sachkenntnis das Problem des Weltkrieges in den verschiedenen Phasen seiner Vorgeschichte, seines Verlaufes und der Wirkungen, die durch denselben, je nach dem Ausgange, hervorgerufen werden müssen. Ein großer Teil seiner Ausführungen aber bezieht sich auf den Komplex von Problemen, die sich aus der Betrachtung des Weltkrieges in dessen Verhältnis zum Schicksal des Judentums, wohlverstanden des Gesamtjudentums ergeben. Der Verfasser sucht darzulegen, welche Gefahren dem Gesamtjudentume bei einem Sieg des Vierverbands drohen. Die Judenheit Mitteleuropas nicht nur würde dann unter die Zarenherrschaft kommen und die unglücklichen 5—6 Millionen Juden, die in Rußland einem raffiniert ausgebauten und gehandhabten System von grausamsten Verfolgungen ohnmächtig ausgesetzt sind, um noch weitere 3 Millionen vermehren, sondern es würde dann notwendigerweise die Vorherrschaft des russischen Prinzips in Europa, errungen mit der Zustimmung und durch die Mitwirkung der beiden europäischen Kulturnationen, die bislang als der Hort der Freiheit und Gleichheit aller Bürger galten, unmöglich ohne Wirkung bleiben auf das Schicksal der Judenheit in der ganzen Welt, auch diejenige Amerikas nicht ausgeschlossen. *) Von Binjamin Segel. Verlag von Georg Stilke, Berlin NW 7. 1915. 8°. 144 S. M. 1.50.