Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 14 (9.4.1915)
- Date
- 1915-04-09
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Das Jüdische Echo Nr. 14 zukünftigen gesetzgebenden Körperschaft Polens zum Zankapfel und Gegenstand politischer Machtverschiebungen würde, geeignet, den Juden ein Geschick zu bereiten, das bald von einer liberalisierenden, bald von einer antisemitischen Richtung bestimmt würde, was man sich in seinen Folgen unschwer ausmalen kann. In den Münchener Neuesten Nachrichten vom 3. April (Vorabendblatt) findet sich nun ein bemerkenswerter Artikel unter dem Titel: der neue „Vater der Lüge" über die russischen Pogrome. Darin wird ausschließlich die russische Regierung für den wütenden Antisemitismus in Polen namhaft gemacht und gesagt: „Daß die russische Regierung ganz allein für den tiefen Antagonismus zwischen Polen und Juden in Russisch-Polen verantwortlich ist, geht schon daraus hervor, daß man denselben in Oesterreichisch-Polen nicht kenn t." Dieser Ansicht treten die Tatsachen in entschiedenster Weise entgegen. Ueber die Stellung der galizischen Polen zu den Juden gibt es überhaupt keinen Zweifel. Die polnische Schlachta ist kein geringerer Gegner unserer östlichen Brüder als das offizielle Rußland. Man erinnere sich nur an die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Galizien. Die Polen Galiziens verfolgten bisher keine anderen Absichten, als die Juden des Landes recht- und machtlos zu halten. Galizianische Wahlmanöver sind so sprichwörtlich mit ihrer Geometrie, Bestechung und Vergewaltigung, daß kein Wort darüber zu verlieren ist. Die christlichen Konsumgenossenschaften polnischer Farbe haben kein anderes Ziel, als die jüdische Kaufmannschaft zu ruinieren. Oder ist vielleicht die Schenkerfrage, die zehntausende Juden existenzlos gemacht hat, vergessen, weil es schon einige Jahre her sind, daß diese Angelegenheit die ganze Judenheit Oesterreichs in Aufregung hielt? Diese Angaben werden wohl genügen, um darzutun, daß die Polen Oesterreichs keinerlei Freundschaft für die Juden empfinden. Erinnert man sich außerdem der Artikel G e - org Brandes, der in diesem Falle sehr schweren Herzens gegen die polnische Nation in Russisch-Polen als deren gewesener Anwalt und Prophet Stellung genommen hat, so wird man sagen müssen: Der Verbreitung von falschen Vorstellungen in der öffentlichen Meinung Deutschlands über das bisherige Verhältnis der Polen zu den Juden und unter den Juden Deutschlands über das zukünftige Schicksal der polnischen Juden muß rechtzeitig entgegengetreten werden. Hier gibt es keine Meinungsverschiedenheiten, die Wirklichkeit redet in ihrer Härte viel deutlicher, als man es wünschen möchte. N. W. Die Juden in Polen Von Dr. phil. Sonja Rab in o wi t z, München. In dieser schicksalsschweren Zeit, in der sich die Zukunft der Völker entscheidet, sind die polnischen Juden wieder in der traurigen Lage, in der sich die Juden, seitdem sie ein Leben als Volk ohne eigenes Territorium fristen, immer befinden, wenn die Völker, unter denen sie leben, miteinander In Konflikte geraten. Diese Lage kann man kurz als eine „zwischen Hammer und Amboß" charakterisieren. Verfolgt und gehetzt von der russischen Regierung, müssen sie dennoch ihre Pflicht und Schuldigkeit im russischen Heer tun; ohne je den Kampf gegen Deutschland, das den russischen und polnischen Juden von weitem als ein leuchtendes Paradies erscheint, zu wünschen, müssen die jüdischen Massen in Polen in diesem ihnen verhaßten Krieg all ihr Hab und Gut einbüßen. Die Juden in Polen bilden einen wesentlichen Bestandteil der Bevölkerung; nach der Volkszählung von 1897 gab es in Polen 1 321 100 Juden, d. s. 14,01 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Jahre 1906 zählte man 1 607 000, d. h. die Zahl der Juden vergrößerte sich sogar im Zeitraum 1897—1906, trotzdem die politische Emigration gerade in dieser Zeit am stärksten war. Aber dieser Emigration stand eine Einwanderung aus dem Innern Rußlands gegenüber. Diese Einwanderung war die Folge davon, daß die Juden aus vielen Gebieten, in welchen ihnen der Aufenthalt nur bedingt gestattet war, ausgewiesen wui den. Aber nicht nur, daß die absolute Zahl der Juden in Polen immer wächst, die Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung steigt fortwährend. Sie konzentriert sich in den industricreichsten Städten, wo sie einen immer größeren Teil der Bevölkerung ausmachte. Es wohnen die meisten Juden im Gouvernement Warschau, dann in den Gouvernements Petrekow, Lublin, Kelze. Das erklärt sich dadurch, daß diese Gouvernements 64 große Städte haben, die anderen dagegen nur 50. Der Anteil der Juden an der städtischen Bevölkerung in Polen betrug 1897 rund: Prozent der ges. städt. Bevölkerung: Warschau .... 34 Kaiisch.....38 Kelze......51 Lomscha .... 47 Lublin .....46 Petrokow .... 32 Plozk......35 Radom .....51 Suwalki.....40 Sedlitz .....54 Die Juden bilden also im ganzen Königreich Polen 38 Prozent der gesamten städtischen Bevölkerung. Auf je 100 Juden kamen 1893: Stadtbewohner........55 9 Ansiedlungsbe\vohner . . .' 30,6 Landbewohner.......\ 13^5 Wenn man in Betracht zieht, daß „Ansiedlungen sich von Städten nur in administrativer Beziehung unterscheiden, so muß man eigentlich sagen, daß 86,5 Prozent aller polnischen Juden Stadtbewohner sind. Dieses findet zum Teil seine Erklärung darin, daß ihnen seit 1889 jeder Ankauf von Grund und Boden, ja selbst das Wohnen auf dem Lande unter-