Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 5 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 39 Tränen erging, und lächelte doch durch Schleier und Tränen dem bleichen Manne zu . . . Und alles andere war dieser Pracht entsprechend: die feierlichen Vorgänge bei der Vereinigung vor Gott, wo noch viele Tränen vergossen werden mußten, wie das Mahl, das lange, üppige und heitere Mahl, zu dem man sich nachher niedersetzte. 5. Fünf glückliche Jahre, es waren fast fünf glückliche Ehejahre, die ohne irgendeine Trübung verflossen. Frau Ruth, in breiten Qewändern jetzt, fast immer von ruhigem Grün, ging auf dem JWarkte umher, das Haar unter einer zierlichen Haube aufgesteckt, und kaufte ein, Fleisch, Kartoffeln und Obst, viel mehr als früher, denn es gab Münder im Hause, stets offene, leicht zum Schreien geneigte: Gott hatte es gesegnet . . . . Dr. van Spandow hatte niemandem gestatten wollen, seine geliebte Frau helfend zu berühren, aber seine Mutter und eine tätige Alte, welche sich darauf verstand, hatte er am Ende zulassen müssen; doch verhinderte die Unterwerfung der Gesichtsmuskeln unter die sachliche Maske des kaltblütigen Arztes und Offiziers vieler Schlachten keineswegs, daß-man ein Zittern sah, Welches bei dem leisen Jammern der Geliebten an ihm rüttelte und seine Zähne knirschen hörte. Mit Gottes Hilfe hatte sich die schöne Ruth nicht allzusehr quälen müssen; doch nicht selten verließ das Lächeln für Wolf ihren oft stöhnenden Mund — bis endlich diese Tochter da war, rot, runzelig, mit großem Kopf und aufgerissenen schwarzen Augen. Im Nebenzimmer aber ging Alexander Ostertag zitternd auf und nieder, von der einen Tür bis zur anderen, und betete inbrünstig zu Gott, er möge ihm seine geliebte Ulrike nicht zum zweiten Male nehmen. Und dann kam der Schwiegersohn hereingestürmt, erlöst von der fürchterlichen Gespanntheit seiner Nerven und strahlte und weinte, fiel ihm um den Hals und rief einmal über das andere: „Ein Mädchen, Alter, ein Mädchen!" Was an Süße hinter ihr lag, verlor den Schein vor dem Glück der jungen Mutter, und als sie voll Demut, Stolz und Glück zum ersten Male wieder in den Betsaal trat, um Gott zu danken, und dies frohe Ereignis wie üblich von der Kanzel herab verkündet wurde, da schien die Sonne hinein und sie fragte, wieso gerade sie eine solche Seligkeit empfinde, und antwortete sich, als Wolf sie nachher erwartete: „damit er glücklich ist." Nach Ulrike, der Ältesten, kam Arnold, der Fortsetzer des alten Namens, ein zartes Kind, das seinem Vater merkwürdig ähnelte. Fünf Jahre des Glücks . . Weder ihre Liebe nahm ab noch ihre Schönheit. Sie schien ein wenig üppiger geworden in den letzten Jahren, aber noch war sie schlank, aufrecht und vollkommen, wenn sie mit ihrem Manne ins Freie ging, ein Kind an der Hand und das andere vor sich herlaufen lassend, oder daheim, des Nachts. Hatte sie noch Zeit, gute und schwämerische Bücher zu lesen, Schiller, Corneille, Goethe? Gott behüte; und sie betrübte sich nicht darüber. Da waren ihre Kinder, da war ihr Mann, der Vater, das ganze weitläufige Hauswesen, die Dienstboten, welche zu Klagen Anlaß gaben, die Lieferanten, welche säumten, und die Nähterin, die gerade vergeben war, wenn man sie notwendig brauchte — es gab zu tun, so viel zu tun, daß die Zeit gerade ausgefüllt war, bis die Praxis am Abend den Gatten zu seiner Familie entließ. Fünf Jahre des Glücks . . Nur die Thora konnte nicht verbannt werden, sie blieb Frau Ruths steter Freund, seitdem Wolf ihr die dunklen ^prüche erklärte und die Weite dieses Weltbuches ihr eröffnete; denn wenn er von den Riten und dem Gesetz auch erschrecklich viel vergessen hatte und vielleicht nicht sehr viel davon hielt, so war ihm das Buch doch um so teurer und sehr vertraut... Außerdem mußte sie bald den Kindern Geschichten erzählen, wenn sie müde vom Spiele waren, und Josefs bunter Rock erschien neben dem Glaspantoffel Schneewittchens,. Dornröschens Einsamkeit wich vor Jakobs Treue, und der böse Haman nebst dem Riesen Goliath waren sicherlich schlimmere Leute als die Königin und die Knusperhexe. Feste kamen und wurden gefeiert, wie es geschrieben stand, gelegentlich Freunde und Gäste geladen, und jeden Sonntag erschienen die alten Spandows freundlich, wenig gealtert und gut gekleidet wie stets. Segen ruhte auf diesem Hause — fünf Jahre des Glücks. (Fortsetzung folgt.) Das Opfer Von Albert Michel, München Aus deinem Kaftan quoll das dunkle Blut! Du lagst in Pfützen mit zerknackten Knochen Gehetzter Jude irrsinnsschriller Wochen, Opfer des Zarenreichs", Hasses Tribut! Du in Pogromen aufgescheuchtes Wild! Kein Ort ist dir, kein Menschheitstraum geheiligt! Verjagt, zerwühlt bist du, stets unbeteiligt, Das Lamm, das gierigen Volkes Dämon stillt! In Synagogen wird man deiner denken, Du Bruder, der die Wunden hoffend trug! Du wirst des Heilands Flammenwagen lenken! Bist du nicht Erdreich, aufgewühlt vom Pflug, Bestimmt, uns der Verheißung Frucht zu schenken? Geheiligt ist dein Leid im Siegesflug! literarisches Echo Davis Trietsch: Bilder aus Palästina. 2. Auflage. Orient-Verlag, Berlin. 159 S. M. 4.—. Die „Bilder aus Palästina" gehören zu den liebenswürdigsten unter den Büchern, die in anregenden Darstellungen Kenntnisse von Ländern und Menschen verbreiten wollen. Am besten beschreibt der Verfasser selbst sein Buch, über dessen Inhalt er in der Einleitung sagt: „Eine Anzahl Bilder aus Palästina — Federskizzen und wirkliche Bilder, Eigenes und Entlehntes — sind in diesem Buche zusammengetragen, um aus der Vielartigkeit des Gebotenen im Geiste des Lesers eine Vorstellung von diesem merkwürdigsten aller Länder aufsteigen zu lassen. Schilderungen von Land und Leuten, von Vergangenem und Werdendem, von Traditionen und von Hoffnungen sind hier wahllos aneinander gereiht, und darüber verstreut sind zahlreiche Abbildungen von Landschaften und Städten, von Araberdörfern und jüdischen Kolonien, von stummen Zeugen der Vergangenheit und von lebendigen Menschen." Besprochene Schriften sind zu beziehen von Ludwig Wertheimer, hebräische Buchhandlung, München, Westenriederstraße 4/i. Telephon 23 804.