Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 5 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Das Jüdische Echo Nr. 5 schnitt ihm der eine Offizier mit seinem Schwert die Kehle durch. Angesichts der Leiche wurde das Mädchen mißbraucht und liegt noch heute schwer krank darnieder. — Ein Bräutigam Israel aus K o n i n fuhr per Rad nach Slupci, um dort seine Braut zu besuchen. Zufällig stammte das Rad aus einer deutschen Fabrik und trug deutsche Marke. Für die Russen, die ihm begegneten, Grund genug, ihn zu verdächtigen. Sie rissen ihn vom Rad herunter, steckten ihn in einen Sack und haben ihn lebendig begraben. Hatten sogar kaltes Blut genug, zu diesem teuflischen Geschäft jüdische Soldaten heranzuziehen und so Brüder zum Henker des eigenen Bruders zu machen. . . . Wenn ich Ihnen die angeführten Begebenheiten erzählt habe, so ist es nicht meine Absicht, auf die Nerven Ihrer Leser zu wirken. Die Zeiten sind zu ernst und die Dinge zu ungeheuerlich, als daß sie zu journalistischen Effekten auCfrQnützt werden dürften. Ich habe die Tatsachen ihre erschütternde Sprache reden lassen, damit die flammende Entrüstung, die jeden empfindenden Menschen erfüllen muß und die mich in diesem unglücklichen Lande seit Monaten in Aufregung hält, sich auch Ihren Kreisen und all denen in Ihrem Lande mitteile, denen Kultur, Gerechtigkeit und Menschlichkeit heilige Begriffe sind. Ich habe Fakten an Fakten gereiht, die sich zu einer schreienden Anklage verdichten müssen gegen eine brutale Barbarei, die Entsetzlichkeiten verübt, von denen man sich nicht vorstellen kann, wie Menschenhirne sie ausdenken und Menschenhände sie vollführen können. Dinge, ob deren — um ein biblisches Wort zu gebrauchen — jedem, der sie hört, die Ohren gellen müssen. Brief aus Italien (Aus dem Italienischen übersetzt.) Wenn wir das jüdische Leben in Italien beobachten, müssen wir gestehen, daß bei uns sehr ernste Erscheinungen der Gleichgültigkeit und der Auflösung wahrzunehmen sind. Jedermann weiß es, aber niemand kennt ein Heilmittel dafür. Ausgenommen wenige Städte wie etwa Venedig, Rom, Livorno, Florenz, Turin, sind im allgemeinen die israelitischen Gemeinden in Verfall begriffen oder ungefestigt und bedroht von Uneinigkeit und Armut. Die Rabbiner widmen sich mit wenigen lobenswerten Ausnahmen ihrem heiligen Amte nicht mit dem Gefühl innerer Berufung, sondern sehen in ihm nur eine Tätigkeit, mit der man sein Leben fristet. Ihr Bestreben geht dahin, sich mit den Gemeindevorständen zu vertragen, deren Arbeit sich nur auf den bureaukratischen Mechanismus von Gottesdienst und Wohltätigkeit beschränkt. Sie enthalten sich jeder Anregung, die mit den Idealen des Judentums etwas zu tun hat. Gegenüber der Gleichgültigkeit der älteren Generation erwächst aber in der heranwachsenden eine neue jüdische Gesinnung, wie aus manchen neuerdings erfolgten begeisterten Kundgebungen hervorgeht. Dieser Umstand allein kann uns freudiger stimmen, wenn wir an die Zukunft der italienischen Judenheit denken. In der Jugend ersteht wieder das Bewußtsein von dem Adel des Judentums und seiner Geschichte und das Gefühl, daß wie in alter, auch in neuer Zeit unser Volk berufen ist, im Heiligen Lande wiederum seinen Dienst den höchsten Zielen der Menschheit zu weihen. Die mit neuen jüdischen Idealen erfüllte Jugend hat heute in einigen Zentren wie Florenz, Rom, Venedig, Mailand und Turin geistige Sammelpunkte geschaffen, um der Flut des Skeptizismus, der krämerhaften Kleinlichkeit und der Gleichgültigkeit die Stirne zu bieten. So wachst ein junger jüdischer Nationalismus an der Seite des rein italienischen, der freilich jenem an Stärke heute noch überlegen ist. Mit gleicher Liebe hängen diese Jungen am Lande ihrer Väter und an ihrem Adoptiv-Vaterlande Italien, in dem sie geboren wurden, dem sie ihre Bildung verdanken. Sie tragen in ihrer Brust das Gefühl der Anhänglichkeit an beide Länder, das sie an der lebendigen Gegenwart teilnehmen und doch zugleich ihrer jüdischen Vergangenheit und Zukunft Treue halten läßt. Ihre Zeitschrift ist der „Vessillo Israelitico" (die jüdische Fahne), das Organ ihrer Gegner die „Settimana Israelitica" (die israelitische Woche). Zwischen diesen beiden Extremen verharrt bewegungslos die große Masse 'der italienischen Juden, die ohne ihren Ursprung zu verleugnen, abseits zu bleiben versucht, so gut wie sie es kann. Aus ihr gehen jene berühmten Persönlichkeiten hervor, welche in den Künsten und Wissenschaften, im Heer und Handel, in Industrie und Politik eine Rolle spielen — als Italiener natürlich, die ihr Judentum vergessen haben. Und hat jemand den seltsamen Gedanken, sich als einen Menschen jüdischer Art zu bezeichnen, so verfällt er sofort der vollkommensten Vereinsamung. Niemand wird es ihm verzeihen, wenn er nachweisen will, daß Israel ein Volk von besonderer geistiger Eigenart ist, noch berufen, neue Werte zu schaffen, wenigstens wenn es in Italien sein sollte. So stellt sich in ihrer nackten Wahrheit die Lage des italienischen Judentums dar. Turin, im Januar 1915. E. D. Colonna. Welt-Echo In den Tagen vom 4. bis 6. Dezember fand in Kopenhagen eine Sitzung des zionistischen Aktionskomitees statt, an der sich Mitglieder aus verschiedenen Ländern beteiligten. Der Sitzung lagen ausführliche Berichte über die Lage der jüdischen Siedelung und der zionistischen Institutionen in Palästina vor, die durch den Krieg in große Bedrängnis geraten sind. Mit dankenswerter Energie haben die amerikanischen Juden bereits eine Aktion für die Linderung der Not unternommen, es hat sich aber herausgestellt, daß weitere große Mittel erforderlich sind. Es wurde daher beschlossen, eine großzügige Hilfsaktion in die Wege zu leiten. Zur Durchführung dieser Hilfsaktion und zwecks Erleichterung der Verbindung der einzelnen Teile der zionistischen Organisationen wurde beschlossen, ein Arbeitsbureau in einem neutralen Lande einzurichten. Die endgültige Bestimmung des Ortes für das Bureau wurde dem E. A. C. überlassen. Bis dahin wird es seinen Sitz in Kopenhagen haben. (Wegen Raummangels verspätet.) Eine amerikanische Kriegshilfekommission hat sich mit den zuständigen deutschen Behörden in Verbindung gesetzt, um auch in den von den Deutschen besetzten Gebieten Polens Hilfe zu leisten. £s ist eine gemeinschaftliche Rundfahrt durch das okkupierte Russisch-Polen geplant, wobei die Orte Bendzin, Sosnowice, Czenstochau, Wielun, Sieredz, Lodz, Lowitz, Kutno und Kolo besucht werden sollen.