Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 2 (1915)
- Issue
- 4 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Das Jüdische Echo Nr. i Kriegsnot in Palästina Jerusalem, den 17. Dezember 1914. Liebe Kinder! *) Wir wissen nicht, was der nächste Tag bringen mag. Die Banken sind geschlossen, in den Läden ist nichts zu tun. Es ist gleichgültig, ob sie offen oder gesperrt sind. Die Krämer lösen nichts, die Kaufleute handeln nicht, der Schneider läßt die Nadel liegen, die Handwerker sind ohne Arbeit. Für die, welche noch 'über etwas Bargeld verfügen, herrscht eine unerträgliche Teuerung. Das Geld geht zur Neige. Wer nichts mehr hat, den erwartet der Hunger sogleich. Man kauft und verkauft nur mehr Lebensmittel. Und das ausschließlich gegen Münze. Nicht ein Centime wird geliehen. Mit einem Wort, es ist ein Churben (Katastrophe). Sollte der Krieg — wovor uns Gott behüte — noch einige Monate dauern, dann werden die Menschen in den Straßen vor Hunger umfallen. Anfangs wurde in den Volksküchen wenigstens täglich noch e i n warmes Essen verabreicht. Aber das hat schon lange aufgehört. Gott gebe, daß genug Brot dableibe! Man hat uns aus Amerika Geld nach Jerusalem geschickt, wie es heißt, an die 100.000 Rubel (Für ganz Palästina eine halbe Million Franks. Anm. d. Red.). Es dient zum Ankauf von Brot und Mehl. In unserem Viertel werden Tag um Tag 1500 Leute mit Brot versehen. Außerdem wird in der Altstadt und in weiteren drei Bezirken täglich Brot und wöchentlich Mehl verteilt. Die Zahl der „Empfänger" steigt. Dazu strömen ununterbrochen darbende Menschen vom Lande in die Stadt. Der größte Teil von den Bewohnern des Heiligen Landes ist zu „Empfängern" geworden, sogar frühere Wohltäter sind allmählich verarmt. Ich selbst habe — Gottlob — noch kein Almosen nehmen müssen. Was aber weiter werden soll, weiß ich nicht. Das wenige Geld, das ich besaß, habe ich gegen Zins verliehen und bekomme ich nicht wieder. Denn heute steht jedermann auf dem Standpunkt: „Nur was ich in meiner Tasche habe, ist mein". Niemand denkt daran, seine Gläubiger zu befriedigen. Selbst wenn man das Seinige fordert, hört man die Antwort: „Narr! Heute verlangst du dein Darlehen zurück? Jetzt gibt man Geld nur für Eßwaren." So ist eine Zeit gekommen, wo viele Personen, die ein hübsches Vermögen hatten, ihren Hunger nicht mehr stillen können. Zwischen denen, die hundert, zehntausend Franks oder nichts besassen, besteht kein Unterschied mehr. Um das Unglück voll zu machen, ist heute ein Schuldner von mir gestorben, bei dem ich 30 Napoleons, d. s. 600 Franks, gut hatte. Das Geld ist nunmehr für immer verloren und ich gehöre als bettelarmer Mann zu denen, die nichts mehr zum Essen haben. Mein einziger Trost ist nur, daß die Mutter und ich am Ende des Lebens stehen, und ist uns Gott gnädig, dann läßt er uns ei11-" natürlichen Todes sterben. Möge er sich unser und aller Juden erbarmen! Möge der Krieg ein Ende nehmen! Mögen wir würdig befunden werden, daß der „Goel zedek" (gerechte Erlöser) noch in unseren Tagen erscheine! Amen! Euer Vater und Mutter Lea. *) Dieser im Original jüdisch-deutscher Brief gehört zu den letzten direkten Nachrichten aus Palästina. Narcisse Leven Am 7. Januar ist, wie wir noch am Schluß der letzten Nummer melden konnten, Narcisse Leven, der Präsident der Alliance Israelite Universelle, im Alter von 82 Jahren gestorben. Mit ihm ist der Vertreter einer Zeit im Judentum dahingegangen, die allmählich einer neuen weichen muß. Die Alliance war von ihren Gründern, zu denen übrigens auch Leven gehörte, gedacht als der sichtbare und wirksame Ausdruck des sich als Ganzen fühlenden, in seinen Teilen auseinander gerissenen jüdischen Volkes. Ihre Mitglieder kümmerten sich jedoch nicht weiter um das, was in Paris geschah, und glaubten das Ihrige mit der Zahlung der Jahresbeiträge getan zu haben. Man sah gewisse Leistungen des Zentralkomitees, fragte aber nicht nach dem Wie und ließ es handeln, wie es wollte. Es gab keine öffentliche jüdische Meinung, keine kritischen Prüfer. Damit wiegten sich die Leitei der Alliance in eine immer größer werdende Sicherheit, die sie von einer Rücksichtnahme auf das Gesamtjudentum zusehends weiter abführte. Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Alliance, nachdem sie ihren Höhepunkt beim Berliner Frieden überschritten, stark unter den Einfluß französischer Schulpolitik im Orient geriet. Dieser einseitigen Verwaltung und Verwendung des Millionenvermögens konnte die an Zahl und Bedeutung den französischen Mitgliedern vielfach überlegene deutsche Abteilung nicht dauernd ruhigen Blutes zusehen. Es ist schwer zu entscheiden, was für die deutsche Opposition maßgebender war: ein erstarkendes Selbstbewußtsein oder deutsch-patriotische Bedenken. Sei dem wie immer, Vorstellungen in Paris nützten nichts, so entbrannte vor ungefähr fünf Jahren innerhalb der Alliance der wohl allen noch erinnerliche Kampf um die Richtlinien ihrer Arbeit. Es ist heute nicht am Platze, die einzelnen Phasen desselben zu verzeichnen. Nur so viel sei gesagt, daß Narcisse Leven, mag er im letzten Jahrzehnt der tatsächliche Leiter oder nur nominelle Vorsitzende gewesen sein, mit aller Macht bemüht war, die deutsche Opposition niederzuringen. Der Kampf der deutschen Juden gegen die Pariser Alliance ist ein Zeichen des erwachenden Verständnisses für die großen Aufgaben, die die Judenheit heute zu erfüllen hat, gewesen. Innerhalb der deutschen Mitgliedschaft gab es zwar Spaltungen und Auseinandersetzungen, die ' beweisen, daß wir uns noch ziemlich tief in einer Epoche befinden, wo die Geschäfte der Judenheit unter Ausschluß der Öffentlichkeit von „Notabein" geführt werden, aber die Gleichgültigkeit gegenüber den Vorgängen im jüdischen Leben wird nach und nach doch besiegt durch den Einzug eines demokratischeren Geistes. Man wird nichtsdestoweniger Narcisse Leven die Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, daß er sich mit Liebe, Selbstlosigkeit und Aufopferung ein halbes Jahrhundert dem Werke der Alliance gewidmet hat. N. W. * * * Leven wurde geb. am 15. X. 1833 in Ürdingen am Rhein. Seine Ausbildung erfolgte am Lyzeum Henri IV und an der Rechtsfakultät in Paris. Leven entwickelte eine große politische Tätig-