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Das jüdische Echo · 1914-07-01 · 7 (Juli 1914) · p. Seite 83

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
7 (Juli 1914)
Date
1914-07-01
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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«V ***U4L , Nr. 7 Das Jtidische Echo 83 >u*-a-* M_ .1 ^oL^JaA^ J*A* Is'tyLMv M hu0»i#* iü tif**4. jüdische Herkunft, das Durchdrungensein der Artverschiedenheit nicht vor Taufe und Mischehe schützt, das beweist nicht nur das Leben der bedeutendsten Juden des 19. Jahrhunderts, sondern Benjamin Disraeli, eines Heinrich Heine, sondern vor allem die Zahl hervorragender und aufrechter Juden, die täglich in das Konnubium mit Nichtjuden eintreten. Zu jener dem jüdischen Genius so günstigen Generation des 19. Jahrhunderts, die außer dem englischen Staatsmann und dem deutschen Dichter Männer wie Börne, Meyerbeer- Mendelssohn-Bartholdy, Marx, Lassalle, Jacques Offenbach hervorbrachten, gehört auch Theodor Herzl; sie alle wollten ihre jüdische Abkunft nicht toleriert und verziehen, sondern als Ruhmestitel anerkannt wissen. Theodor Herzl aber wollte mehr, er wollte die jüdische Zukunft sichern, das Eigenleben der Juden auf eine neue staatsähnliche Grundlage steilen. Wie sich der Zionismus in der Wahl der Mittel und der Kampfesweise seit dem Tode Herzls verändert hat, das haben berufene Federn wiederholt geschildert. Herzls Haltung bei der Bekämpfung der Assimilation war dagegen unentwegt von den Epigonen als Vorbild beibehalten. Wie Karl Marx sich durch sein glühendes Temperament hinreißen ließ, zwischen Kapitalismus und Proletariat ethische Scheidewände zu errichten, wo allein wirtschaftliche Distinktionen am Platze waren und Gesetzmäßigkeiten hätten festgestellt werden dürfen, so gab Theodor Herzl den Nicht- Zionisten eine moralische Note: Assimilanten nannte er sie mit dem unverkennbaren Unterton des Muckertums und Leisetretens. Allein Herzl stand das Privileg des Vorkämpfers zur Seite, der auf Neuland stritt, der eine Bresche zu legen hatte in die fast undurchdringliche und unverwundbare Mauer der Lauen und Indifferenten, der Zweifler, der Resignierten und „Objektiven". Darüber haben sich die zionistischen Epigonen nicht mehr zu beklagen, allein sie haben sich trotzdem die schwere Rüstung ihres toten Führers angelegt und die schlottert nun um ihre anders gebauten Leiber. Jedes Wort Theodor Herzls — man sehe selbst „Altneuland"*) noch einmal darauf hin an — war getragen von der Überzeugung, daß in Wahrheit das Nationalgefühl nur berechtigt und gut sei innerhalb des humanen Bewußtseins, war noch getragen von dem Gedanken der Unerläßlichkeit der Internationalität des Geistes und der Arbeit. Das echte und sittliche Nationalgefühl Herzls hat sich unter den Händen seiner Nachfolger verwandelt in eine Hurrastimmung, die dempolitisch-militärischen Nationalgefühl der „Wirtsvölker" bedenklich angeglichen ist. Doch ich komme an die Grenzen, die bei diesem Anlasse der Höflichkeit gezogen sind. Eine Kritik des heutigen Zionismus gehört vor ein anderes Forum, jedenfalls nicht auf diese Blätter, die dem Andenken eines Großen unter den deutschen Juden gewidmet sind. Nachwort der Redaktion Nach unserem Grundsatz, jedem Mitarbeiter die Vertretung seiner Äußerungen zu überlassen, veröffentlichen wir ohne Anstoß die kritischen Worte des Herrn Dr. Ludwig Feuchtwanger zum heutigen Kurs des Zionismus. Nur behalten wir uns in diesem wie jedem Falle das Recht vor, Ansichten, die den unsrigen schnur- •) Herzls 1902 erschienener Roman von der Verwirklichung des Zionismus,. stracks zuwiderlaufen — also nicht gerade kleinere Abweichungen von unserem Standpunkt — nach unserer Einsicht zu berichtigen. Wir sind überzeugt, daß das Nationalgefühl der heutigen Zionisten bei weitem nicht als Chauvinismus oder Hurrahstimmung gedeutet werden kann. Das war viel eher — wir gestehen es offen — zu Lebzeiten Herzls unter seinen Anhängern möglich. Die Erklärung dafür glauben wir im Eiltempo der zionistischen Bewegung der ersten Jahre zu finden, das einer Verinnerlichung des Nationalbewußtseins im Wege stand. Heute dagegen, wo der Zionismus in ruhigeren Bahnen angelangt ist, beginnt ein zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Umschwung, von dem die Debatten auf dem 14. Delegiertentag der deutschen Zionisten in Leipzig Zeugnis geben. Die hohe Auffassung, die Herzl vom jüdischen Nationalismus gehabt hat, als einer Willensrichtung, die jeden einzelnen, der sich Nationaljude nennt, veredeln muß, beginnt zur Tat zu werden.. Zionist sein heißt fürderhin, in sich als Juden, die höchsten Menschheitsideale verwirklichen zu wollen. Aber nicht als Juden, der sich die Leistungen der Vorfahren zu Gute hält und durch den Zufall der Geburt zu uns gehört, sondern als Juden, der erworben hat, was ihm die Väter leider nicht vererbt haben, der in sich aufgenommen hat, was heute an jüdischer Kultur in den jüdisch gebliebenen Zentren vorhanden ist, auf daß er mit diesem Gute in Wirlichkeit und Wesen als Jude weiterbauen könne. So und nur in diesem Sinne werden wir das bittere Wort Grill parzers wahr machen, indem wir die von ihm gegebene Reihenfolge in das Gegenteil verkehrt haben: „Von der Bestialität durch die Nationalität zur Humanität." Es ist ein Irrtum des Herrn Dr. Ludwig Feuchtwanger, wenn er meint, die Gegnerschaft gegen den Zionismus habe heute mildere Formen angenommen, sodaß eine schärfere Tonart auf unserer Seite als unangebracht empfunden werden müsse. Im großen Ganzen ist darin keine Besserung eingetreten, da einige wenige Ausnahmen verhältnismäßig wenig an dem allgemeinem Bilde zu ändern vermögen. Man erinnere sich nur der noch nicht vergessenen „Antizionistischen Erklärung", die als Symptom der Stimmung weiter Kreise gelten darf, wenn sie auch von allen vernünftigen Juden, welche die Grenzen des Zulässigen kennen, abgelehnt oder gebrandmarkt wurde. Ist es also ein Wunder, wenn wir noch jetzt, durchdrungen von der Unbedingtheit unserer Ziele in der Propaganda manchmal harte Worte erklingen lassen müssen, die im Lager der Gegner und der Lauen unter uns ungern gehört werden? Sie entstehen aus der Empörung gegen Böswillen und Halbheiten, deren sich die Menge nur durch Kontrastwirkungen bewußt wird. Wer ein gutes Auge für die Strömungen seiner Zeit hat, muß erkennen, daß sich der Zionismus in Deutschland immer stärker Herzls berühmt gewordenen Ausspruch aus seiner Begrüßungsrede vom ersten Kongreß nähert: „Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland." München als Kongress-Stadt Die Abhaltung des ersten zionistischen Kongresses war beschlossen. Man wählte als Ort der Tagung „die gastfreundliche und gutgelegene Stadt" München. 0*

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