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Das jüdische Echo · 1914-07-01 · 7 (Juli 1914) · p. Seite 82

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
1 (1913-1914)
Issue
7 (Juli 1914)
Date
1914-07-01
Page
Seite 82 (sequence 6)
Language
German
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82 Das Jüdische Echo Nr. 7 nisse eines Dichters, der den leisen und leisesten Stimmen der Seele einen Ausdruck zu geben versteht. Das Feuilleton, wie es als ein Erbe der Literaten des „Jungen Deutschland" vorzüglich in Wien gepflegt wurde, hatte sich als eine Provinz des Witzes und der geistreichen Plauderei entwickelt. Herzls Feuilleton dagegen, wenigstens die besten unter ihnen, die noch heute so inveraltet wirken wie am ersten Tage, sind fast nie aus einem witzigen Einfall entstanden, sondern aus einer poetischen Stimmung. Das hob sie hoch über das Niveau der hergebrachten Feuilletonart: sie waren keine rasch versprühenden Feuerwerke, sondern intime Kunsterzeugnisse. Eine Grazie und Anmut lag über ihnen, wie sie nur einem echten Künstler zu Gebote stehen. Man hatte immer das Gefühl, als müßte sie ein Franzose geschrieben haben: so leicht strebten sie dahin und verrieten in ihrem Äußern nichts von dem ernsten Gehalt, den sie bargen. Denn ernst waren sie immer ungeachtet des gaukelnden und spielerischen Wesens ihrer Gattung. Es waren zumeist Betrachtungen über das Leben, aber Betrachtungen eines Mannes, der mit Fleiß die 'kleinsten Dinge aufgreift, weil er auch in ihnen den tiefen Ernst des Lebens entdeckt. Wenn man in den beiden Bänden blättert, in denen Herzl kurz vor seinem Tode die Feuilletons sammelte, so staunt man darüber, wie diese wundervoll ziselierten Aufsätze so selten den heiter plaudernden Ton anschlagen, wie oft dagegen ein philosophischer Ernst über ihnen liegt und die Frage nach dem Sinn des Daseins aus ihnen herausklingt Ob er von Maeterlincks „Vie des abeilles" spricht oder von den ersten Tränen erzählt, die sein Töchterlein über dem A-B-C- Buch vergossen, ob er von einer Überschwemmung in der Sommerfrische oder von einem Garten aus der Rokokozeit plaudert, stets bildet die nachdenkliche Art die ausschlaggebende Note. Man lese etwa das Feuilleton über den Schwarzenberggarten in Wien: wie schön weiß der Dichter in die Terrassenanlagen des Gartens ein Bild des menschlichen Lebens zu bannen, wie es sich vom Spielen des Kindes bis zum stillen Ausruhen des Greises abwickelt! Diese Fähigkeit, auf gedrängtestem Raum ein Bild des Lebens zu wecken, mit allen Rätseln, die es bietet, ist das Dichterische an den Feuilletons von Herzl. Etwas fällt an diesen kleinen Aufsätzen des Verfassers des „Judenstaates" noch besonders auf: der Mangel an Pathos und aji Leidenschaft. Gerade in den Jahren, als Herzl mit einer unvergleichlichen Energie, wie sie nur aus einem heiligen, leidenschaftlichen Glauben fließen kann, eine große weltgeschichtliche Bewegung leitete, war man immer wieder erstaunt, wenn man seine Feuilletons las, in denen kein Wort den Politiker verriet, die vielmehr die beschauliche Ruhe eines feinen Skeptikers spiegelten, der sich nie ereiferte, weil ihm das Gute und das Böse am Leben gleich vertraut war und weil ihn nur die Vielfältigkeit der Erscheinungen fesselte, während ihm ihr tieferer Sinn klar war. Wenn man diesen weisen Menschen aus seinen „Feuilletons" kennen gelernt und liebgewonnen hat, so wird man das hohe Pathos der Tat doppelt bewundern, das die letzten Jahre seines Lebens ausfüllte. Und man wird dann auch begreifen, warum Herzk nachdem er seine Kräfte der großen Aufgabe der Erweckung seines Volkes aus tausendjähriger Starre gewidmet hatte, noch immer Feuilletons schrieb: er hatte sich im Feuilleton die künstlerische Form erschaffen, in der er am besten seine individuellen, sozusagen privaten, weitab von seinem großen Werke liegenden Erlebnisse dichterisch ausdrücken konnte. Was bedeutet uns Nichtzionisten Theodor Herzl? Von Dr. Ludwig Feuchtwanger, München Man kann die Legitimation eines Ungläubigen, über Glaubensdinge mitzusprechen, von allen möglichen Gesichtspunkten aus verneinen und für diese Verneinung ein Dutzend wohlgeordneter Gründe zur Stelle schaffen. In einer Gesellschaft gescheiter Leute wurde einmal die Frage erörtert, ob ein Anarchist zum Rechtslehrer qualifiziert wäre. Die Antwort der Mehrzahl lautete: „Nein", da er ja die Geltung des Rechtes als solchen überhaupt negiere. Die helleren Köpfe saßen auch in diesem Fall in der Minorität. In Wahrheit kann nämlich der Anarchist ein sehr guter Jurist sein. Ja er kann von seinem archimedischen Standpunkt außerhalb der Selbstverständlichkeiten rechtlich denkender Männer Grundanschauungen und ausgemachte Ergebnisse der Rechtswissenschaft als problematisch erkennen und der Rechtslehre neue Wege weisen. Die guten Menschen mit den warmen Herzen sind auch hier die schlechten Musikanten und der radikale Zweifel und die lieblose, unsympathische Äutoritätslosigkeit, wie so oft, die Eltern der Erkenntnis. In einer Festnummer zu Ehren Theodor Herzls über den Gefeierten mitsprechen zu dürfen, ohne Gesinnungsgenosse zu sein, dazu gehört noch ein Zweites: Eine gute Erziehung, eine Erziehung, die wenigstens weiß, daß ein Gast zu der Hausfrau, die von ihren Kindern redet, nur von deren Schönheit und Wohlerzogenheit sprechen darf. An Theodor Herzl sollte jeder deutsche Jude die offene, unumwundene Art bewundern, mit der er sich als Jude bekannte und mit der er in allen Lebenslagen über jüdische Dinge sprach. Die Zionisten dürfen mit Recht stolz darauf sein, in diesem Punkt des aufrechten Bekenntnisses und des selbstverständlichen Sich-Behauptens die Lehrmeister des größten Teijs der deutschen Juden gewesen zu sein. Herzl hat durch die von ihm verkündeten Ideen und die von ihm ins Leben gerufenen, von restlos schönen Motiven getragenen Schöpfungen das mächtigste Bollwerk gegen den drohenden Untergang des Judentums errichtet, das mächtiger sein wird als die Seite der jüdischen Religion, deren Lebensnerv der Gehorsam gegenüber offenbarten Lehren und Geboten ist, ein Bollwerk, das auch mächtiger ist als der geistige, ethisch-humane und soziale Grundgehalt des Judentums, wie ihn ausgezeichnete Männer wie Lazarus und Hermann Cohen zu verstehen meinen. Gewiß sind deren Ideen und Hochziele unendlich sublimer als Theodor Herzls Gedankenwelt. Aber Herzl wollte kein Philosoph sein. Er hat überdies bis zu seinem Tode nur über ein geringes jüdisches Wissen' verfügt und die historische Verankerung seiner Ideen war sicherlich nicht seine Stärke. Aber auch daß er deutsche Juden wieder zu Selbstbewußtsein, zu Ahnen- und Rassenstolz erzog, darin liegt noch nicht seine geschichtliche Bedeutung, damit bot er noch nicht dem äußeren und inneren Niedergang des Judentums Halt. Denn es gab vor und nach Herzl wertvolle Menschen, die der Stolz auf ihre jüdische Abstammung nicht davon abhielt, dem Judentum den Rücken zu Kehren. Daß der nicht unliebe Gedanke an die

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