Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Klatt Nr. 31 und Bediensteten fordert und selbst das V'ey an diesem Tage ruhen läßt. Schon seit vielen Jahren beschäftigt Herr Schwarz eine große Anzahl jüdischer Feldarbeiter, welche die großen Kartoffelfelder gegen ein Drittel der Fexung bebauen Seit heuer beschäftigt Herr Schwarz auch eine Anzahl jüdischer Erntearbeiter, mit denen er außerordentlich zufrieden ist. Diese Erscheinung ist eine Errungenschaft der Schomre-Schabbos-Bewegung, und man darf wohl hoffen, daß das Beispiel des Herrn Schwarz auch auf andere jüdische Gutbesitzer und Gutspächter nachahmend wirken wird König Friedrich Wilhelm IV. und der polnische Jude. Unter den vielen Gelehrten, die sich des Wohlwollens und der Freundschaft Alexander von Humboldts rühmen durften, befand sich auch ein „Gelehrter im Kaftan" aus Polen, Chaim Selig Slonimski, Mathematiker und Astronom, dessen wissenschaftliche Arbeiten die Gelehrtenkreise Rußlands wie Deutschlands Lob und Anerkennung zollten. 1844 kam Sl. nach Berlin, um hier seine physikalischen Erfindungen zu verwerten und mit den namhaften Forschern der Mathematik und Astronomie, wie Bessel, Crelle, Enke, Jdeler, Jacobi, persönlich bekannt zu werden. Id. machte ihn mit Alex. v. Humboldt bekannt. H. fand an dem kenntnisreichen jüdischen Gelehrten Gefallen und zeichnete ihn durch besonderes Wohlwollen aus; Sl. durfte öfter sein Haus besuchen und ihm seine Forschungsergebnisse mitteilen. In seinem Dankgefühl schrieb er in hebräischer Sprache: „Alexander von Humboldt. Eine biographische Skizze. Dem Nestor des Wissens gewidmet zu seinem 88. Geburtstage von S. Slonimski" (Berlin 1857), ein Buch, das drei Auflagen erlebte. Er überreichte dem greisen Forscher die biographische Skizze nebst einem Begleitschreiben von Rabb. Dr. Mich. Sachs. Darauf erhielt Sl. von Humboldt den folgenden Dankesbrief: „Derehrtester Herr Slonimski! Ich bin in Ihrer Schuld durch so lange Verzögerung des Dankes für eine Ehre, die Ehre, die Ew. Wohlgeboren mir so wohlwollend bereitet haben. Die unruhige Lage, in der ich lebe, in einer politisch und gesellschaftlich so bewegten Zeit, kann mich kaum rechtfertigen. Eine Empfehlung von zwei berühmten, mir so teuren Freunden wie Bessel, Jacobi, läßt einen dauernden Eindruck. Der hebräischen Literatur leider entfremdet, aber von früher Jugend an mit den Edelsten Ihrer Glaubensgenossen innigst verbunden, ein lebhafter und ausdauernder Verfechter der ihnen gebührenden und so vielfach noch immer entzogenen Rechte, bin ich nicht gleichgültig für die Ehre, die Sie mir erwiesen haben. Das Zeugnis eines tiefen orientalischen Sprachkenners, des trefflichen, fo mannigfach ausgebildeten Dr. Michael Sachs, kann eine solche Auszeichnung nur erhöhen. Es ist für den biographisch Belobten fast eine Beruhigung, der Ursprache nicht mächtig zu sein. Ich werde von Dienstag an einige Wochen wieder in Berlin wohnen, und vom Dienstag an wird jeden Tag zwischen 1 und 2 Uhr es mir eine Freude sein, Herrn Slonimski, falls er nicht schon nach Warschau zurückgekehrt ist, in Berlin zu empfangen und Ihnen den Ausdruck der innigen Hochachtung mündlich zu erneuern, die Ihren schönen frühem wissenschaftlichen Bestrebungen gebührt. Ew. Wohlgeboren gehorsamster Alexander v. Humboldt. Potsdam, den 12. September 1858." — Aus der ersten Zeit der Bekanntschaft Snonimskis mit Humboldt verdient eine lustige Episode mitgeteilt zu werden. Humboldt, der Vertraute Friedrich Wilhelms IV., wußte den König für den jüdischen Gelehrten dermaßen zu interessieren, daß der Monarch ihn zu einer Privataudienz entbot. H. selbst benachrichtigte hiervon Slonimski und gab ihm den Zeitpunkt an, an dem er ihn beim König einführen werde. Sl. trug damals die polnisch-jüdische Tracht; da er nur vorübergehend in Deutschland weilte, sah er sich nicht veranlaßt, die traditionelle Kleidung mit einer modern-europäischen zu vertauschen. Allein vor dem Köng mochte er doch nicht so erscheinen. Er verschaffte sich schleunigst einen schwarzen Gehrock, weiße Binde, undalles andere, was zum „Modemenschen" gehört. Zur bestimmten Zeit erschien er bei Humboldt; dieser war nicht wenig erstaunt, einen völlig umgewandelten Slonimski vor sich zu sehen. „Aber lieber Herr Slonimski", sagte er lächelnd, „was fällt Ihnen denn ein, sich zu maskieren. Der König ist gerade auf den Forscher im Kaftan neugierig." Slonismki mußte nach Hause eilen, den neuen „Modemenschen" aus- und den alten „Kaftanjuden" wieder anziehen. So wurde — vielleicht zum ersten Male — ein Jude im Kaftan von einem preußischen Könige in Privataudienz empfangen. Attcheröesprechung. Das Generalsekretariat des internationalen Pro-Falascha- Komitees Frankfurt a. M., Palmstr. 11, hat ein Heftchen von 8 Seiten herausgegeben, „Die Missionsfrage in der Generalversammlung des internationalen Pro-Falascha-Komitees". Darin wird geschildert, welche erfolgreiche Tätigkeit die christlichen Missionare unter den Falaschas bis zur Wirksamkeit Dr. Faitlowitschs unter ihnen entfalteten und wie es Faitlowitsch gelungen ist, das jüdische Selbstvertrauen wieder unter den Falaschas zu wecken und dadurch die Erfolge der Missionare zu hemmen. Sprechsaat. (Für die in dieser Rubrik erscheinenden Artikel übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.) Am letzten Samstag Vormittag gegen 10 K Uhr konnten Passanten am Kleberstaden die Wahrnehmung machen, daß Reichtum und Bildung nicht immer vereint sind. Kurz nach Schluß des Gottesdienstes sah man vor der Synagoge eine der jüdischen Geldaristokratie Straßburgs angehörige Gesellschaft, die Herren rauchend, die Damen mit Lachen und Scherz sich die Zeit vertreibend. Ein Teil der Gesellschaft bestieg ihr dort stehendes Privatautomobil und ließ sich von ihrem Familienchef nach der Stadt kutschieren. Religion ist zwar Privatsache, — ein gebildeter Mensch achtet aber die Gefühle seiner Mitmenschen und verletzt nicht religiöse Gebräuche und Vorschriften an Orten, wo Glaubensgenossen daran Anstoß nehmen können. Mutter und Sotjn. Die Geschichte einer Ehe. — Von Caroline Deutsch-Weiß. Die Mutter kam fürs erste nicht auf das Thema zurück. Denn das Wenige, das sich ihr enthüllte, was sie zu sehen glaubte, hatte sie mit Bestürzung erfüllt. Also nicht vorwärts, den Weg zurück gingen alle feine Ge danken, den Weg zu seiner kurzen, unglücklichen Ehe! . . . Wie war so etwas nur möglich? fragte sie sich immer wieder. Wie oft hatte sich der arme Josef in diesen zwei Jahren dieselbe Frage gestellt! Die erste Zeit nach der Scheidung hatte er ein Gefühl der Befreiung, des Aufatmens gehabt, wie derjenige es empfindet, der sich bei rasendem Unwetter irgendwohin, mags auch eine leere, morsche Bretterhütte sein, rettet. Dann wurde es anders... Die Ruhe und Stille um ihn her fing an, ihn zu bedrücken. Es gab ihm eine leere, öde Empfindung, die sich durch alle Arbeit nicht ausfüllen ließ. Und in diesem unbefriedigten Gefühl versank nach und nach aller Zorn; die versiegt geglaubten Gewässer stiegen zur Höhe und begannen Grund und Boden zu bedecken. . .