Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Das jüdische Klatt Nr. 31 und überall Stille. Wiewohl Ruß und Staub, Benzin- und andere Gerüche unentwegt die Luft der ville lumiere verderben, wiewohl unentwegt Wagen rasseln, Pferde trappeln, Autos tuten, Elektrische brummen — Fremde sind in der Hauptstadt, aber die „Parisiens" haben sich aus dem Staube gemacht. Und da sich zu diesen mit Recht oder Unrecht ein großer Teil unserer hiesigen Glaubensgenossen rechnet, so läßt sich leicht denken, daß die große „Stadtslucht" auch ihre Schatten auf das jüdische Leben wirst. Man „tagt" nicht mehr, selbst nicht bei Nacht, und sind die Synagogen während des Jahres schon nicht besetzt, so finden wir sie jetzt leer und verwaist und manchmal haperts an Minjan. Doch die dem Konsistorium unterstellten Gemeinden wissen sich wenigstens zu Helsen. Man höre: Hat da jemand bei dem Grand-Rabbin Alfred Levy angefragt, was man im fraglichen Falle zu tun habe; es war mir vergönnt, das Antwortschreiben unter die Augen zu bekommen. Da lese ich nun, daß die Union der Rabbiner beschloß, man könnte auch Frauen zu Minjan zählen, und wenn es noch nicht reicht, so nehme man einfach noch eine Sefer-Thora dazu heraus. Eine andere „Schaaloh" wurde demselben „Rav" kürzlich, und da sagt man immer, die Pariser hätten keinen „More-d’asro“ nötig. Ein junger Adventist sprach vor und bat um Verschaffung einer Stelle, wo er am Schabbos nicht arbeiten müsse. Der Befragte mußte erklären, daß er noch nicht einmal für feine Glaubensgenossen solche Stellen in petto habe. Vielleicht gelingt es den von dem letzten Rabbinerkongreß in Aussicht gestellten Schomre- Schabbos-Vereinen, hierin etwas zu tun. Nun, im Rabbiner- Seminar ist eine Besserung eingetreten. Eine von uns unlängst in diesen Blättern geübte Kritik hatte Erfolg. Es wird nun mit bedecktem Haupte Gemoro unterrichtet und ein Dozent, der sich sträubte und bei seinen Schülern selbst nicht das Käppchen duldete, mußte sich nun selbst zur Anschaffung einer Mütze bequemen. Nicht ohne Humor wird hier ein fait verzeichnet; ein jüdischer Offizier wurde nämlich vom Deutschen Kaiser dekoriert — natürlich in Deutschland nicht. Es handelt sich um einen Kommandanten Mayer, der, im Kriegsministerium beschäftigt, sich des bei den letzten Manövern verletzten deutschen Militärbevollmächtigten Major von Winterfeld sehr annahm. Von unserem positiv-jüdischen Standpunkt aus betrachtet tut uns die Nichtzulassung zum Heere ja nicht so leid, man sehe die französischen Offiziere als „Jehudim", welche vom frühen Eintritt ins Politechnikum an schon gezwungen sind „Mechalel Schabbos" zu sein, aber vom Standpunkt der Gleichberechtigung erfüllt es uns doch mit Genugtuung, wenn wir sehen, wie bei der alljährlichen, diesmonatlichen großen Revue vor dem Präsidenten drei jüdische Offiziere verschiedene Regimenter kommandierten. Viel von sich reden machen in letzter Zeit die Herren Rothschild auf dem Forum von Paris. Nach dem Attentat auf den Baron Henri hatte dieser als Autor eines Theaterstückes einen großen Prozeß mit seinem Impresario. Zwei Mitglieder seines adeligen Sprosses lernen wir als Pferdezüchter kennen, denn Baron Maurice trug im „Grand prix" den Sieg davon, während Baron Edouard in einem andern Rennen triumphierte. Ein Schwiegersohn der Baronin ist mit einem Ministersohne in eine Duellaffaire verwickelt. Um so angenehmer berührt es, daß sich Baron Edmund v. Rotschild, der Vorsitzende des Konsistoirs, wenigstens jüdischen Dingen zuwendet. In Palästina läßt er soeben eine neue Hafenanlage errichten und da sich das bisherige hiesige Rothschild- Hospital, gegründet von seinem Vater, als nicht mehr groß genug erwies, wurde ein neuer stattlicher Bau aufgeführt. Das ist gewiß sehr schön und lobenswert, allein der orthodoxe Jude hat nach wie vor keine Garantie über rituelle Zuverlässigkeit und ist auch in Zukunft darauf angewiesen, bei gewissen Fällen ins Ausland zu gehen. Das macke in Germany ist zwar seit einiger Zeit sehr verpönt bei den echten Franzosen, der fromme französische Jude jedoch kann solche Produkte jeglicher Art gut gebrauchen, nur z. B. an kulinarische Artikel gedacht. Doch viel wichtiger noch als die Frage der Kranken ist für Paris die Friedhofsfrage, welche immer akuter wird. Die diesbezüglichen Bemühungen des Herrn Dr. Rosenbaum verdienen alle Anerkennung und inzwischen hat sich eine neue Gesellschaft „Bes hachajim“, La niaison des vivants gebildet, welche erst funktionieren wird, wenn sie tausend Mitglieder hat. Durch den Erwerb eines jüdischen Begräbnisplatzes seitens des Herrn Rabbiners Herzog ist dieser Verein jedoch überflüssig und ohnehin so nichtssagend wie bisher ähnlich bestehende. Es ist eigentümlich; philantropisch kann man mit Paris zufrieden sein, aber zu kulturellen Zwecken ist sogar vom frommen Juden vielfach hier nichts herauszybekommen. Das sieht man, wenn es sich um die Synagoge handelt, oder wie jetzt bei einer jüdischen Begräbnisstätte und bei einem Dutzend andern Dingen. Eine nicht genannt sein wollende jüdische Mäcen vermachte jüngst eine eminente Summe zu allgemeinen Zwecken; Herr Henry Deutsch de la Meurthe, welcher der französischen Aviatik ein Stück Geld und Gold schon schenkte, fortwährend Preise aussetzt, vermachte soeben wieder einmal einem christlichen Etablissement eine jährliche Rente von mehreren Tausend Mark. Der verstorbene Graf Jsaac de Camondo hat seine reichhaltige Kunstsammlung im Werte von mehreren Millionen dem Louvre hinterlassen. Im Testamente finden wir auch die für die Unterbringung und Erhaltung dieser riesigen Kunstsammlung nötige Summe. Diese Sammlung, welche in sieben Sälen untergebracht und als Camondo-Museum separat verwaltet wird, wurde vorige Woche in feierlicher Weise eröffnet und dem Publikum zugänglich gemacht. Gehen wir' durchs Cluny-Museum, so fällt uns ein Saal auf, der, gestiftet von den Rothschilds, angefüllt ist mit den herrlichsten Gegenständen a l t j ü d i s ch e r Kunst und Kultur. Wir bewundern feingemalte alte Megillos, Thoraschmuck!, alle möglichen wertvollen Gegenstände, welche rituellen und kulturellen Zwecken dienten, aus der spanisch-italienisch-holländischen Epoche. Welcher Schatz für ein jüdisches Museum: Wir Juden gehen immer leer aus. Die Antisemiten wissen uns doch keinen Dank für unsere Schenkungen. Bei jeder Gelegenheit wirft man die Juden hier mit den Freimaurern in denselben Topf, fortwährend bilden die Juden die Zielscheibe in der Finanzkrisis. Bald finden wir eine anstößige Annonce im „Figaro", bald verletzt uns der „Gaulois", von dem „Precurseur de la France" oder der Libre Parole" gar nicht zu reden, ist es die „Action Franeaise" stets mit dem vollen Mund, die gar meint, die Juden hätten an der Hinwegschaffung des Erzherzog Ferdinand ihr Interesse gehabt. Doch der'„Matin", dessen phantastische faits divers ja bekannt sind, sucht immer das nee plus ultra. Eine Gerichtsverhandlung gibt ihm Veranlassung, von archaistischen Sitten in israelitischen Familien zu sprechen; nach biblischer Tradition übe man an sich selbst und seiner Frau körperliche Züchtigung usw. Vor nicht sehr langer Zeit überschrieb der „Matin" auch einen absolut nichtssagenden Disput, wie er hierzulande täglich tausendmal vorkommt, „Streit zwischen Abraham und Moses". Doch bei dem Blätterwald sei noch des „Echo Sioniste" gedacht, unter dessen Patronage ein Konzert von statten ging, wobei eine christliche Sängerin hebräische Gesänge zum Besten gab. Ich meine, wenn u. a. das „Kadisch" in der Synagoge mißbraucht wird, so ist das noch kein Grund, um es in einem Konzertsaal zu profanieren. Ma toi! Unsere Zionisten erlauben sich überhaupt ungeheuer-