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Das jüdische Blatt · 1914-07-24 · 30 (24.7.1914) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
30 (24.7.1914)
Date
1914-07-24
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Nr. 30 Das jüdische Klatt. ' den Mund aller ihrer Theologen. Nun! Der Antisemitismus, der in der Kirche herrscht, hätte mich, auch abgesehen von meinen Studien, abgesehen von der Lektüre der Heiligen Schrift, zu dem Ergebnis gebracht, das heute das meijzige ist: Allerdings die Kirche rühmt sich des Judentums, aber nur um es zu erdrücken und sich an seine Stelle zu setzen; sie muß in logischer Konsequenz ihres Systems, sich auf das Judentum stützen, sie muß sich aber von ihm entfernen, um nicht in ihm auszugehen, denn ihr Triumph ist nur die Folge ihrer Lossagung vom Judentum seit Konstantin. Diese Spaltung war übrigens im Keime schon bei Paulus vorhanden, den man als einen jüdischen Antisemiten bezeichnen kann. Diese Feststellungen konnten nur allmählich in meinem Geiste entstehen, als ich aus katholischem Pflichtgefühl heraus täglich die heiligen Bücher betrachtete und erforschte, auf denen die Kirche beruht. Warum haben Sie diese Bücher nicht ergründet, bevor Sie übertraten? werden mich manche fragen. Ich antworte darauf das, was ich in dem Bericht über meine Bekehrung bereits gesagt habe: Die Kirche allein, das Schauen der Kirche durch Jahrhunderte hindurch hat meinen Geist verblendet und mich bekehrt. Aber die Prüfung der einzelnen Fragen hat den Gesamteindruck zerstört, und übrigens hat mich der Antisemitismus über meinen Irrtum aufgeklärt. Heute pflichte ich H. Charles Maurras bei, den ich seinerzeit wegen seines „Romanismus" angegriffen habe. Ja, Maurras, heute weiß ich es, die Kirche ist vielmehr römisch als jüdisch. Ich aber, der ich „meine Heimat und meine Toten" suchte, ich, als ich mich nach Jerusalem sehnte, gestatten Sie mir, daß ich endlich zu meiner Kirche zurückkehre, zu dieser Synagoge mit ihrer viertausendjährigen Religion, zu meinem Volke, aus dem ich „entwurzelt" worden war. Meine Wandlung ist sehr logisch. Vom Heidentum bin ich ausgegangen. Vom Heidentum bin ich zum Christentum emporgestiegen. Vom Katholizismus bin ich zur Quelle gedrungen, zum Judentum. Ich gebe mich natürlich nicht der Selbsttäuschung hin, zu erwarten, daß heftige Gegner mir werden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie mögen jedoch wissen, daß einer der ihrigen, ein Nationalist, ein Antisemit, der aber einer unserer größten Schriftsteller ist, und der mich mit seiner Freundschaft beehren will, daß mein Meister, Maurice Barrbs, als er durch einen Artikel des „Opinion" vom 4. April den Entwickelungsgang meiner Ideen erfuhr, mir folgendes geschrieben hat: Paris, den 11. April 1911. Also, mein lieber Loewengard, folgen Sie Ihrer Bestimmung, Ihren gewundenen Pfaden. Wissen Sie, was für ein großes Buch Sie schreiben sollten? Das Buch des Exils, der Wanderungen Ihrer Rasse. Auf jeder Etappe, von Jerusalem bis Lyon wird ihr Geist die Prüfungen wieder erleben, die jene durch die Jahrhunderte durchgemacht hat, und wird sich in seine harte Zähigkeit zurückwerfen. Machen Sie diese Pilgerfahrt längs den Straßen der Zerstreuung, und Sie werden sehen, welche Bibel Sie dann heimbringen. Ihr ergebener ' : i Barras. Sie verzeihen mir, Barras, die Veröffentlichung dieses Briefes. Aber Ihre große Stinnne ist für mich in diesem Augenblick die beste Konsequenz und Ermutigung, und das edelste Zeugnis. Indem ich Ihnen, geehrter Herr Direktor, für die Gastfreundschaft Ihres großen Blattes danke, versichere ich Sie der besten Gefühle aufrichtiger Verehrung. Paul Loewengard. Mutier und Sohn. Die Geschichte einer Ehe. — Von Caroline Deutsch-Weiß. Die Leute glaubten, Josef würde schon nach ein paar Monaten eine neue Ehe eingehen; seine Mutter gab ihm ein Jahr Zeit. Denn sie dachte, wer solch' eine Täuschung erlitten, solch Schweres durchgemacht hat, müßte sich erst innerlich erholen, bevor wieder ein Bedürfnis nach neuem Glück in seinem Herzen aufsteigen könne. Sie verstand seine Traurigkeit, und sie tat im stillen alles, damit fein Gemüt gesunde ... im stillen: durch Schweigen. . . . Einer minder klugen, wenn auch zärtlichen Mutter hätte der unglückliche Ausgang einer Ehe vielleicht noch lange als ein ausgiebiges Material für Vorwürfe, Ermahnungen und Hinweise für die Zukunft gedient. Für Frau Schlesinger aber gab es keine Regi Müller mehr, hatte es überhaupt nie eine gegeben. Natürlich konnte sie auch nicht von seinem Knaben mit ihm sprechen; denn die Erinnerung an das Kind hätte die an die Mutter geweckt. Aber welchen Sinn hatte Sprechen?! .... Der Schmerz um einen solchen Verlust liegt wie ein Stein tief im Herzen, und bei dem Versuch, ihn zu heben, reißt man die wunde Stelle nur noch mehr auf. Frau Schlesinger hatte Erfahrung darin, denn sie hatte den Mann und viele Kinder verloren! Aber trotz ihrer tiefgründigen Seelenkunde und der feinfühligen Mittel, die sie anwandte, kamen der Mutter bald Zweifel, die sie beunruhigten: Sie fühlte, daß die Last im Herzen des Sohnes eher zuals abnahm. Es lag etwas Unruhiges, Zerfahrenes in seinen Unternehmungen, in allem, was er tat; im Gegensätze zu seiner früheren ruhigen, besonnenen,Art, die so ganz die ihre in geschäftlichen Angelegenheiten war. Die Vermehrung feiner Tätigkeit, diese ewig neuen Anknüpfungen, das häufige Reisen, das sie so oft unnötig fand, hatten für sie einen fremden, ungesunden Zug. Er schlief, wie früher, in dem kleinen Kabinett neben ihrem Schlafzimmer, da der obere Stock wieder vermietet worden war. Wie manchmal in stiller Nacht hörte sie ihn seufzen, tief und schwer, aus jenem unterdrückten Schmerz heraus, der bei Tage an die Kette gelegt wird, in stillen, nächtigen Stunden aber, wo alles schweigt, wo man mit sich und der stummen Welt allein zu sein wähnt, mit Macht sich losreißt. . . . Das erstemal hatte sie mit ihm darüber gesprochen, er aber meinte, er hätte wohl schwer geträumt, und ging rasch aus dem Zimmer. Seine Worte beruhigten sie nicht. Immer mehr fühlte sie, daß sein Wesen aus dem Gleichgewichte war. Wo war der Grund dafür zu suchen? Sehnte er sich nach Familienglück und hatte er nicht den Mut, es noch einmal zu wagen?. Eines Tages sprach sie mit ihm darüber. Der Sohn sah sie fast bestürzt an. „Das wünschest du?", fragte er. Dann nach einem Schweigen: „Soll ich dir wieder den Unfrieden ins Haus bringen?" „Nicht jede Frau bringt Unfxieden", versetzte sie ruhig. „Du bist bald Dreißig, Josef; es ist Zeit, daß du wieder daran denkst." „Nie hätt' ich geglaubt, daß du zuerst damit kommen würdest, Mutter!", meinte der junge Mann. „Bist du denn nicht zufrieden und glücklich, so, wie wir jetzt leben"? „Es ist nicht von mir die Rede, sondern von dir; du b i st es nicht", sagte Frau Schlesinger eindringliche „Eines Mannes Herz kann auch auf die Dauer eine Mutter nicht völlig ausfüllen, und mag e'r der zärtlichste Sohn sein. Er muß süßere, lebendere Pflichten haben, er muh sich für Frau und Kinder mühen. Und diese Pflicht ist auch ein heiliges göttliches Gebot; muß ich dich daran mahnen, Josef?"

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