Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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■Reich und Ausland: Lettungsprelsltlte. ISsyern: Leltungsnummet 546. Geschäftsstelle: - M. DuMont Schauberg, Stratzburg i. Elf. - Vertreturig für Bayern und Württemberg: Max Eichinger, König!. Hofbuchhändler, Ansbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle: außerdem in Stratzburg durch die «lsässtsche Aktiengesellschaft vorm. A. Ammel. In Basel durch I. Nordmauu, Socimtraße 36. In Zürich durch «. Schneider, Badenerstraße 123. Bezugsbedingungen: Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl. ZuftellungSgebühren), per Streifband M. 1.25. In Frankreich unter Streifband 2.50 Fx. da» Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schwei, per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. das Jahr. Ju Oesterreich per Post 4 Kr., per Streifband 9 Kr. daS Jahr. I« England 2 Schilling. Amerika 50 Cents per Vierteljahr. --Inserate nach Tarif. - Abonnements nimmt jede poltanttalt entgegen. V. Zabrgang Stratzburg, 3. Zuli 1914, 9. Dammns 5674. Dr. 27 Inhalt. Leitartikel: Ein Volkslied. — Zur Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gemahlin. — Zur Lage in Bayern. — Berta von Suttner. — Ein Auszug aus dem jetzigen Statutenentwurf für die „Agudas Jsroel". — Die Frage des jüdischen Friedhofs in Paris. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Gebetszeiten.. —, Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Sprechsaal. — Vermischtes.. — Mutter und Sohn. — Inserate. Gin Volkslied. Von Dr. A. Debr6. Dürstenden war Labung geworden. Ein Quell klaren, reinen Wassers tränkte die im Sonnenbrand der Wüste ausgetrockneten, lechzenden Gaumen. Im ganzen Lager herrschte Jubel. Das Glück befriedigter Sehnsucht, gestillter Not erglänzte in aller Augen. Nur der Vermittler dieser Freude schlich trübe beiseite. Er hatte den Stab gebraucht, wo er sanft reden sollte, hatte dem Wunsche, den fieberheiße Kehlen rauh hervorstießen, harte Worte entgegengesetzt. Nicht als ob er das Verlangen des Volkes unbillig gefunden hätte. Aber so durften sie nicht fordern. Der Groll war Herr über ihn geworden, über den Meister, der sonst sein heißes Blut fo gewaltig zu beherrschen verstand. Er hatte sich vergessen. Nun sollte er erfahren, wie unerfüllte Sehnsucht in Hirn und Herzen brennt und nach Erfüllung schreit: „Sollst das Land sehn, doch nicht hineingehn." Das Land der Väter, den Gegenstand jugendlicher Träume, das Ziel vierzigjähriger, schwerer Wanderung?! Traurig ging Moses aus der Gemeinschaft der Fröhlichen. Wie ein Lied summte es über das Lager. Er konnte nicht mitsingen. Wie ein Lied summte es über das Lager. Der Durst nach Wasser war gestillt. Und nun stand das Volk dem Vergangenen etwas verständnislos gegenüber. Hatte der fehlende Trunk sie alle derart gegen den Führer aufbringen können? Ach nein. So war's nicht gewesen. Der Quell, nach dem sie so gebangt — nach dem sie jetzt noch bangten, das war kein gewöhnlicher Quell, das waren die Wasser der Thora. Wie eine Hirschkuh lechzt nach dem Bache, so lechzt meine Seele nach dir. Wie hatte sich doch die Geschichte abgespielt? Ach ja, der Verlust Miriams. Mit dem Tode dieser Prophetin war ein reicher Quell der Belehrung versiegt. Statt daß nun Mose und Aharon hingingen und noch reicher gaben als bisher, hatten sich die beiden großen Lehrer zurückgezogen und ihren Schmerzgefühlen überlassen. Während sie um eine Greisin trauerten, die den Jahren den unausbleiblichen, selbstverständlichen Tribut gezahlt, drohte die Blüte der Nation vor Durst zu sterben. Und die Führer übersahen das Hinwelken der Jugend, überhörten leise Mahnung. Da war der Ruf laut und stürmisch geworden. Dem Brunn, dem Brunn der göttlichen Lehre hatte in Wahrheit ihr Sehnen, ihr wilder Schrei gegolten — galt jetzt der Sang der Erhörten. Ein jeder wußte von der Thora etwas Schönes. „Unsere Besten," begann einer und dachte wehmütig an Mose und Aharon, „unsere Besten haben ihre reiche Kraft daran gewendet, uns diesen Brunnen des Lebens zu graben. Und als reich und lauter die Wasser sprudelten, da hielten sich unsere Angesehensten eben für gut genug, die Labung in jede Hütte ihres Stammes zu leiten. Nicht den Sohn, der für weltliche Angelegenheiten unbrauchbar war, nein, ihren Erstgeborenen, den Erstling ihrer Kraft, ihre eigentliche Stütze, haben sie der Thora geweiht. In der Kowaud Hathauro haben die Edelsten ihre Ehre gesucht." „In der Wüste ward uns das köstlichste Geschenk übergeben," jubelte ein zweiter, „dort, wo es keine abgezirkelten Grenzen gibt, dort, wo kein Stamm sagen konnte, in meinem Gebiet ist der Quell entsprungen, mir gehört er. Auf freier Trift entspringt sein Lauf. Jeder mag hingehen und sich dort laben. Wie könnte auch mein Durst gestillet sein, wenn mein Priester,' mein Rabbiner, wenn eine besondere heilige Kaste allein daran seine Lippen netzen dürfte. Das Wasser des Lebens kann kein anderer für mich trinken. Kann mir höchstens den Becher reichen. Aber mich stärken für den Gang durchs Dasein, Kraft des reinen Lebens trinken, kann nur ich allein." „Dieser Gang," fiel tremulierend ein Dritter ein, „dieser Gang führt nicht immer durch reine Wege. Wo wäre der Mensch, der den schweren Marsch zurückgelegt und seine Kleider wären fleckenlos geblieben? Wer aber möchte damit vor den König hintreten, aus dem Munde des Vaters den Vorwurf hören: „Du hast es nicht verstanden, meine Gabe in Ehren zu halten?" Wollt ihr wissen, wo ihr die alte Reinheit wiedergewinnen könnt? Seht, wie dieser Strom — unrein steigt der Mensch in ihn hinunter und verläßt ihn rein — so ist das Heiligtum der Thora. Mit dem Schmutz des Lebens beladen, betrittst du es, um es im strahlenden Weiß wieder zu verlassen. Wie hat der Schlamm gespritzt beim Tanz ums goldene Kalb, beim Erkunden des