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Das jüdische Blatt · 1914-06-26 · 26 (26.6.1914) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das indische Klatt. Nr. 26 Frauen, wobei die Aeltere die Jüngere ihre Ueberlegenheit fühlen lieh und ün besonders erregten Augenblicken ihr das Gleichnis von dem „Distelstrauch und den Feigen" nahe genug vor Augen rückte. IX. Trotz alledem gedieh der kleine Poldel, wie der Knabe Hieß, und als er ein Jahr alt war, wars, ein strammes Bürschchen. Er war seiner Mutter wie aus den Augen geschnitten: in einem rosigen Mädchengesicht ein brauner Krauskopf mit großen, nußbraunen Augen. Und wenn er lachte, fehlten auch die zwei reizenden. Grübchen nicht. Es war ein Kind, das man nicht ohne herzinnige Freude ansehen konnte. In der letzten Zeit war Poldel sehr unruhig; so leicht die ersten Zähnchen bei ihm durchgebrochen waren, so schwer gings mit den weiteren. Und dann kam ein Tag, der mit vielen häuslichen und geschäftlichen Unannehmlichkeiten begann. Den Abend vorher war man hinter große Unredlichkeiten des Werkführers der Fabrik gekommen, und er war Knall und Fall entlassen worden. Gleich am Morgen hatte der Kommis sagen lassen, er könne wegen Unwohlseins heute nicht erscheinen. Das Kind war unruhiger denn je, und Frau Schlesinger war mit heftigem Kopfschmerz aufgestanden. Sie fühlte sich wieder körperlich sehr leidend, und besonders schwer kam ihr das Gehen an. Und hatte sie ihren heftigen Kopfschmerz, dann war ihr das Bett unerträglich, dann gab's ein einziges Linderungsmittel für sie: im Lehnstuhl ruhen und völlige Stille. . . . Josef ging schon am frühen Morgen in die Fabrik, um nach dem Rechten zu sehen, diesmal mit schwerem Herzen, denn vor Nachmittags konnte er nicht zu Hause sein. Wenn die Mutter so war, mochte er sie nicht lange allein lassen, und gar heute, wo der Kommis fehlte und seine Frau im Laden bedienen mußte. Regi hatte wirklich viel zu tun. Mit kurzen Unterbrechungen waren immer Kunden im Laden. Und in den Pausen lief sie die Treppe hinauf zu ihrem Jungen, der immerfort weinte und schrie. Das wurde ihr zuviel, und kurz entschlossen hüllte sie Klein-Poldel in Tücher und Decken und trug ihn in das Wohnzimmer hinunter. Bor ihrem Manne war sie sicher, der kam nicht vor Nachmittag. „Es ist hier wärmer als oben", sagte sie auf den erschrockenen Blick der Schwiegermutter. „Und ich kann nicht jeden Augenblick die Treppe zu ihm herauf laufen; im Laden sind immer Leute. Er wird sich schon beruhigen, Schwieger! Geschrien hat Poldel schon genug." Mit diesem tröstenden Worte entfernte sich Regi rasch. Und doch war es keine direkte Schlechtigkeit: Regi glaubte einfach ihrer Schwiegermutter nicht; sie glaubte, Frau Schlesinger fingiere die Kopfschmerzen oder übertreibe stark. Immer war sie zu der unpassendsten Zeit krank. Und ihre ganze Absicht war, den Sohn immer noch mehr an sich zu fesseln. So ein bissel Kopfweh! Tut sich was! Gleich so ein Wesen davon zu machen! Ob einem andern nicht auch mal was weh tut? Mit diesen Gedanken war Regi wieder in den Laden gegangen. Zuerst ließ es sich wirklich so an, wies die junge Frau gesagt hatte. Vom vielen Weinen erschöpft, schlief das Kind in der molligen Wärme, die im Zimmer herrschte, bald ein. „Wenns nur so bliebe!" dachte die leidende Frau. Denn der Enkel war ihr ans Herz gewachsen; von ihrem Platze aus sah sie sein im Schlafe rosiges Gesicht, und dabei beschlich sie ein tiefbewegtes Gefühl. Wie viel böses Streiten hatte schon der süße, unschuldige Knabe hervorgerufen, zwischen denen, die einander so nahe standen! . . . Und welche Gehässigkeit Regis ihr gegenüber, das Kind hier hereinzubringen, wo sie doch wissen mußte, daß sie in ihrem jetzigen Zustande ckhm in keiner Weise helfen konnte! . . . Und wirklich dauerte der Frieden nicht allzulange. Nach einer Stunde erwachte Poldel und war derart gekräftigt, daß er von neuem loslegen konnte, zuerst in leisen, weinerlichen, verdrießlichen Tönen, wie jemand, der mit seiner ganzen Umgebung unzufrieden ist, dann immer lauter und kreischender, als er sah, daß sich die Umgebung nicht um ihn kümmerte. Bei den ersten Lauten schon durchzuckte es Frau Schlesinger, und als dieselben immer durchdringender wurden, war es ihr, als ginge bald ein Hämmern, bald eine Säge, bald tausend Messer durch ihren Kopf. Der Angstschweiß brach ihr aus, und wie Feuer schwamm es vor ihren Augen. Sie rief, aber keiner, keiner kam! Die Mädchen waren in der Waschküche beschäftigt, die im Hinterhause lag, und hörten sie nicht; Regi schien sich nicht darum zu kümmern. Poldel hatte getrunken, war satt, und mit dem Schreien würde er schon aufhören. Er war ja eine ganze Zeit ruhig gewesen. Sie hatte sogar ein befriedigtes Gefühl bei dem Gedanken, das Kind, wenn auch unter der unfreiwilligen Obhut ihrer Schwiegermutter zu wissen, denn sie hatte wirklich zu tun, bald im Laden, bald in der Küche. Da erschien Josef unvermuteter Weise im Hause. Er hatte wegen der Mutter keine Ruhe. Nur einen Augenblick wollte er nach ihr sehen. Einem erprobten Angestellten hatte er unterdes die Aufsicht überlassen. Schon auf dem Vorflur hörte er das gellende Weinen des Knaben, und als er die Wohnzimmertüre aufriß, sah er das schmerzverzerrte Gesicht seiner Mutter, und wie sie sich mit beiden Händen den Kopf hielt. Er wurde bleich; ohne ein Wort zu sagen, ging er wieder zur Türe und rief mit heftiger Stimme seine Frau. - Der letzte Kunde hatte sich gerade entfernt; sie kam sogleich. „Wie konntest du das Kind hierher bringen?!", fuhr er sie an. „Du weißt doch, daß Mutter Kopfweh hat und das nicht ertragen kann! (Fortsetzung folgt.) 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