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Das jüdische Blatt · 1914-06-05 · 23 (5.6.1914) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
23 (5.6.1914)
Date
1914-06-05
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Da» jüdische glatt Nr. 23. Eines Tages wieder ka mRegi aus dem Laden in das Wohnzimmer geeilt. Ihre Bewegungen waren stets rasch, lebhaft und dabei voller Anmut. Frau Schlesinger ruhte ein wenig im Lehnsessel, was sie jetzt häufiger tun mußte, und Josef saß an seinem Schreibtisch und stellte Rechnungen aus. Es war ein Heller September-Nachmittag, und die schrägen Sonnenstrahlen drangen durch die mit weißen Gardinen verhüllten Fenster. Als aber die junge Frau in dem Hellen Kleide hereintrat, das Gesicht von Jugend und Frohsinn strahlend, schien sich das große, weite Zimmer mit noch mehr Licht zu füllen. Und Regi war in der rosigsten Laune. Der Herr Stuhlrichter war im Laden gewesen, hatte sich Zigarren gekauft und ihr dabei stark hofiert. „Sie sind ja die entzückendste Frau im ganzen Orte und Ihr Mann, der Herr Schlesinger, i stwirklich zu beneiden", hatte er gesagt und ihr dabei tief in die glänzenden, braunen Augen gesehen. Regi hatte im Scherz und mit Lachen darauf geantwortet und dadurch eine vielleicht noch ausdrucksvollere Annäherung des hohen Herrn abgewiesen; aber sie fühlte sich so geschmeichelt und so beglückt dadurch, als hätte sie jungen Wein getrunken. Ein übermütiges Gefühl überkam sie und zugleich eine unwiderstehliche Lust, ihren Mann zu umarmen. Leise schlich sie heran, schlang ihren Arm um seinen Nacken und drückte zärtlich ihre Wange an die seine. Josef wurde rot wie ein Mädchen und machte sich mit einem Ausdruck von Bestürzung von ihr los. „Regi, was fällt dir ein? Die Mutter ist ja zugegen!" „Und was macht denn das?", war ihre Antwort. „Deine Mutter weiß, daß ich deine Frau bin und kann nichts dagegen haben." Er sah sie strafend an. „Solche Sachen macht man unter sich ab", sagte er leise. „Ein ehrbares Weib muh sich doch ein bißchen schämen, Regi." Da schossen ihr die Tränen in die Augen und laut weinend lief sie hinaus. Betroffen sah ihr Josef nach. „Du darfst nicht so streng mit ihr sein", sagte nach einem Schweigen die ruhige Stimme der Mutter. „Sie ist noch sehr kindisch und in manchen Dingen gar nicht wie eine Frau." Frau Schlesinger hate es nicht im bösen Sinne gemeint, sondern es Regis großer Jugend zugeschrieben; aber Joseph hätte es weniger weh getan, wenn sie direkt tadelnde Worte gesprochen. . . Und doch hatte auch er schon die Erkenntnis gewonnen, daß Regi wirklich unfertig nach manchen Richtungen hin war; und was seiner Natur besonders fremd und entgegengesetzt war: ihre Unbeherrschtheit ebenso in der Freude wie im Schmerz. Aber ihre Tränen hatten ihm doch ans Herz gegriffen. Er hatte keine Ruhe zum Arbeiten mehr, erhob sich und ging in den Laden. Dieser war voll Kunden, aber seine Frau war nicht darin; der Kommis bediente allein. Er trat hinter die Tombank und half die Leute abfertigen, dann ging er in den Garten; auch dort war Regi nicht. , Nun stieg Joseph die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf, und richtig, in ihrem Zimmer saß sie mit rotgeweintem Augen. Weinen sehen, tat Joseph sehr wech nicht nur weil er ein gütiges Herz hatte, sondern auch, weil es ein religiöses Gebot war, nicht zu kränken und Tränen zu veranlassen. Und nun war's sogar seine eigene Frau!" Er schwieg, da er zuerst in seiner Verwirrung nichts zu sagen wußte, dann meinte er, er hätte sie im Laden geglaubt; dieser sei überfüllt von Kaufenden gewesen. „Soll ich vielleicht mit dem verweinten Gesicht mich vor den Leuten zeigen", unterbrach sie ihn heftig, „daß sie sagen, ich wär' unglücklich?!" „Warum weinst du denn so?", fragte er und suchte eine gewisse Strenge in seine Worte zu legen. „Nicht einmal beim Tod deines Vaters hast du so geweint, wie über diese Kleinigkeit, oder sagen wir lieber Dummheit." „Kleinigkeit, Dummheit! Ich bin unglücklich und er nennts Dummheit! Du hast mich nicht mehr gern, das ist das Ganze!", gab sie unter heftigem Schluchzen zurück. „Regi, sei nicht närrisch! Wenn ich dich nicht gern gehabt, hätt' ich dich nicht geheiratet. Du glaubst ja selbst nicht daran, was du sagst." „Ja, ja, früher!", unterbrach sie ihn immer aufgeregter und unter erneuten Strömen von Tränen. „Früher hast du mich rein aufessen wollen vor Liebe, und jetzt: kein zärtlicher Blick, kein Liebes-Wort, kein Kuß die liebe lange Woche! Nichts als Arbeit und wieder Arbeit! Du bist gegen mich, als wären wir vierzig Jahre verheiratet, und wir sind's doch erst vier Monate." Er trat ihr näher und sprach besänftigend auf sie ein, aber in der Weise, wie jemand, der einen belehrenden Vortrag hält. „Sieh, Regie, nach den Feiertagen kommen die Wochentage. Jener sind wenige und dieser sind viele. Und die Wochentage sind von Arbeit und Sorge ausgefüllt. Da hat man keine Zeit zu kindischen Sachen." „Kindische Sachen!", rief sie ganz empört. „Das ist ein Zeichen, daß man sich lieb hat!" „Ich Hab' dich doch lieb, Regi", sagte er mit weicher Stimme. „Und arbeiten? Arbeite ich nicht? Gebe ich mir nicht Mühe, tüchtig zu werden? Und hast du mir nur einmal ein Wort des Lobes darüber gesagt?" „Und das kränkt dich auch?", fragte er verwundert. „Das ist doch deine Pflicht und das tust du doch für dich." In seiner schlichten Pflichttreue konnte er ein solches Verlangen garnicht begreifen. Regi aber weinte, weinte immer herzbrechender. Sie hatte ihren Mann noch nicht auf jenen Punkt gebracht, auf den sie ihn haben wollte. . . . Und gegen soviel Tränen war Josefs Mannesmut und Würde nicht gerüstet genug. Er hob ihren gesenkten Kopf, streichelte liebkosend ihre nassen Wangen und küßte sie dann. „Sei doch vernünftig, Regi! Du weißt, daß ich dich lieb habe, trotzdem ich dir's nicht täglich sage. Und jetzt hör' auf zu weinen, du machst mich ganz unglücklich damit." Und wieder küßte er sie. Da ließ sie sich versöhnen. VII. Ein strenger Winter war gekommen. An einem klaren, trockenen Tage stand der Schlitten mit den vielen Glöckchen dran vor dem Hause am Markte. Die Pferde scharrten ungeduldig mit den Hufen, und das helle, vielstimmige „kling, kling", das zu Regi hinauftönte, war ihren Ohren wie Musik. Sie stand reisefertig vor dem Spiegel in ihrem Schlafzimmer und setzte den federgeschmückten Sammethut auf. Er stand gut zu ihrem hellgrauen Kraushaar und der rosigen Farbe ihres Gesichtes, das vor Freude rein zu strahlen schien. Josef hatte ihr versprochen, sie auf den Markt in die etwas entfernte größere Stadt mitzunehmen, der gewöhnlich zwei Tage dauerte. Regi hatte vor Aufregung die ganze Nacht nicht schlafen können. Sie malte sich aus, welche Aufmerksamkeit sie in ihren schönen Kleidern Hervorrufen, wie man ihr nachschauen, was sie alles sehen und kaufen würde! Und dann schon die

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