Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9052070-9097324-9053258--1194-9053259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nelcb und Ausland: Lettungspreislttte. ISayern: Skeitungsnummer S4S. Geschäftsstelle: —— M. DuMont Schauberg, Ttratzburg i. Elf. - Vertretung für Bayern und Württemberg: Max Eichinger, König!. Hofbuchhändler, AnSbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle; außerdem in Ttratzburg durch die Elsässtsche Aktiengesellschaft vorm. A. Ammel. In Basel durch I. Nordmann, Socinstraße 36. In Zürich durch A. Schneider, Badenerstraße 123. Bezugsbedingungen: Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl. Zustellungsgebühr«,), per Stteifband M. 1.25. In Frankreich unter Stteifband 2.50 Fr. dal Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schwei, per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. da» Jahr. I» Oesterreich per Post 4 Kr., per Stteifband 9 Kr. das Jahr. I» England 2 Schilling. Amerika 50 Cents per Vierteljahr. -Inserate nach Tarif.- Abonnements nimmt jede Vottanttalt entgegen. V. Zabrgang Inhalt. Leitartikel: Himmel und Erde. — Zur bayerischen Revision — Antisemitischer Tierschutz. — Das Angola-Projekt. — Aus aller Welt. — An die Mitglieder der Liga für die kleinen Hungrigen in Jerusalem. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Bücherbesprechung. — Vermischtes. — Briefkasten. — Beweise für den göttlichen Ursprung der Thora. — Mutter und Sohn. — Spendenliste des Erez-Ifrael-Bureau Mülhausen. — Inserate. Zu mynty Kimmek und Erde. Ist es nicht klar und selbstverständlich, daß die Innigkeit altjüdischer Forscherweisheit den Versuch gemacht hat, die große Stunde der Offenbarung mit allen guten und reinen Gedanken zu umkleiden? Daß sie alles Segens, alles Glückes Wurzeln bis auf diesen Tag zurückführt? So verstehen wir es, wenn sie auch in den zukunftsweisenden Taten der Ahnen eine Vorahnung der Sinaistunde erblickt, wenn sie einen inneren Zusammenhang zwischen Jsaks Segen an Jakob und der Weihe der Offenbarung herstellt. Fast klingt es wie ein Rätselwort, wenn einer der alten Weisen sich vernehmen läßt: Jsak sprach: Und er gebe Dir vom Tau des Himmels — das ist die Thora, und von den Fettigkeiten der Erde — das ist die Mischna, und die Fülle des Getreides — das ist der Talmud, die Gemara, und Most — das ist die Agadah. Ein Rätsel? Nein, denn die Jahrtausende haben es gelehrt und am Ofsenbarungsfeste dringt es uns unwiderstehlich ins Bewußtsein, daß das Glück der Enkel Jakobs sich nicht im irdischen Gut erschöpft. „Tau des Himmel s." Fast beschleicht uns unsagbare Wehmut. Vom Himmel sandte der Allmächtige sein Wort', seinen Geist, und was haben die Menschen aus der Thora Wort gemacht! Menschenwort und Menschenwitz haben sie gesucht, Erzeugnis irdischen Irrens und irdischen Denkens, kleiner Weisheit zersetzenden Maßstab haben sie an der Thora Wort gelegt, haben zerlegt und geschieden, haben gedeutet und geändert, haben den Blumenstaub himmlischen Glanzes hinweggeweht. Und doch, ein Segen ist es nur, wenn die Thora allezeit so geschaut, so gelesen wird, wie es ein Wort der Ewigkeit, ein Gedankenausdruck des Höchsten verdient. Dieser Glaube steht an der Pforte von Dr. 22 Jakobs Werden, und wehe dem Geschlecht, das schamerfüllt am Feste der Offenbarung sich dem Himmel verschließt, und Heil einer Zeit, die demutsvoll ihre Seele dem Segen des Himmels entgegenträgt. Doch der Erde hat Gott selbst diesen Tau vermacht, der Erde und dem vielgestaltigen Leben. Das ist das Wesen der mündlichen Lehre, wie man sie nennt. Da ist keine noch so entfernt liegende Beziehung des alltäglichen Lebens in Leid und Freud, in Genuß und Entbehrung, in Erwerb und Besitz, die nicht von diesem himmlischen Tau befruchtet wäre. Die Vermählung von Himmel und Erde, das ist das Wesen der Mischna. Und deshalb lesen wir die Mischna, wenn wir in den geheimnisvollen Stunden des Keimens in dunkler Nacht dem Morgen des Offenbarungsfestes wach entgegenharren; und darum lesen wir Mischna, wenn eines staubgeborenen Menschen unsterbliche Seele sich dem Himmel wiedervermählt hat, und bannen also ihr Angedenken dem Weben und Werden der Erde. Aber die reise Frucht ist die Gemara; es ist der Weg, der jedes einzelne Gebot, jede einzelne Maßnahme behutsam wieder zur ersten Quelle, zum Tau des Himmels zurückführt. Wie bunt ist er doch, dieser Weg! Bald führt er durch lachende Fluren wörtlicher Ueberlieferung, durch volle Felder saftiger Aehren, bald scheinen sich ihm zerklüftete Höhen entgegenzutürmen, mühsamen, tiefgrämigen Denkens. Aber jeder Hauch weift gegen oben. Lebensspendend und lebenserhaltend ist die Frucht, die auf diesem Weg gepflückt wird, geeignet, den Hunger auch des regsten Geistes zu stillen, sorgend, daß nicht alt werde Jakobs Zelt. Es ist die Fülle köstlichen Getreides. Jedoch du könntest ja müde werden auf dem weiten, steilen Weg zur Höhe des Himmels; da sieh einmal, wie reich, wie glücklich du bist. Sendet dir doch der Ewige seine Engel, um dich zu behüten auf all deinen Wegen, lächelnde, spielende Engel, Boten der Schönheit und Innigkeit, das sind die Worte der Agadah, perlender, goldblinkender Most. Bald ein Blick in das Innenleben der großen Meister, bald ein kräftig Wort mahnender Spruchweisheit, bald ein Flüstern der tiefsten Geheimnisse der Seelenwelt, bald ein Gruß aus dem lichten Jenseits. Da löst sich das Leid und da lacht die ewige Jugend und trägt dich empor auf sanften Wogen, daß du fast aus der Erde noch wurzelnd doch schauest den Zauber des Himmels. — — Dtratzburg, 29. /Dal 1914, 4. Siwan 5674.