Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9052070-9097324-9053241--1177-9053242
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«eicb und Ausland: Lettungspreislttte. Kapern: Leirungsnummer S4S. Geschäftsstelle: M. DuMont Schauberg, Stratzburg i. Elf. k Vertretmig für Bayern und Württemberg: Max Eichinger, Königl. Hofbuchhändler. Ansbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle; außerdem in Stratzburg durch die Elsässische Aktiengesellschaft vorm. A. Ammel. In Basel durch I. Aordmann. Socinstraße 36. In Zürich durch A. Schneider, Badenerstraße 123. Bezugsbedingungen: Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl. Zustellungsgebühren», per Streifband M. 1.25. In Frankreich unter Streifband 2.50 Ir. da» Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schwei, per Post < Ir. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. das Jahr. I» Oesterreich per Post 4 Kr., per Streifband 9 Kr. das Jahr. I« England 2 Schilling. Amerika 50 Cents per «ieneljahr. -JnsLcat e nach Tarif. - Abonnements nimmt jede zdottanttalt entgegen. V. Habrgang. Stratzburg, 22. /Dai 1914. 26. 3jar 5674. «r. 21 Inhalt. Leitartikel: Das Zählen der Tage. — Ist eine Revision des bayerischen Iudenediktes erwünscht und notwendig? — Aus der Agudas Isroel-Bewegung. — Aus.'aller Welt. — Korrespondenzen. — Familiennachrichten. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Rätsel-Ecke. — Briefkasten. '— Vermischtes. — J’accuse. — Mutter und Sohn. — Inserate. Das Züßken der Hage. Das Fest der Erlösung und das Fest der Gesetzgebung stellen die wichtigsten Vorgänge, die Grundlagen der Geschichte Israels, dar und stehen in innigem Zusammenhang. Durch die Verkündung der Sinailehre und durch die Berufung Israels zu deren Träger und zum Gottesherold an die Menschheit erhielt die ägyptische Befreiung ihre große, in die Ewigkeit reichende Bedeutung. Der zwischen den beiden Festen liegende Zeitraum ist aber in der Thora nicht nur genau bestimmt, sondern es ist jedem zur Pflicht gemacht, die Tage und Wochen, die von dem einen zum anderen Feste hinleiten, selbst alltäglich zu zählen. Gewiß enthält diese Zählung wichtige, hochbedeutsame Anregungen für Geist und Gemüt; gewiß ist sie geeignet, richtig erfaßt, einen tiefgehenden, heilsamen Einfluß auf unser religiöses und sittliches Verhalten auszuüben und eine würdige Vorbereitung auf das Fest der Offenbarung zu bilden. — Die Verpflichtung, Tage zu zählen, lehrt ein hervorragender Moralist H, übermittelt Gedanken von großer Tragweite. Denn was pflegt man zu zählen? Doch nicht das Geringfügige, Zwecklose, das in unabsehbarer Menge vorhanden und dessen Besitz uns ganz gleichgültig ist. Nur das Wert - und Bedeutungsvolle, das wir in beschränktem Maße besitzen, suchen wir durch Zahl zu bestimmen, um uns zu vergewissern, wie viel uns davon noch zu Gebote steht; um so mehr, wenn dessen Verlust unersetzlich ist. Nun gibl.es aber für uns Menschen, die Kinder der Vergänglichkeit, nichts von höherem Werte, kein kostbareres Gut als die Z e i t. Die Trägerin unseres Daseins, die Tage und Jahre, die uns beschieden sind, um unseres Lebens Bestimmung zu erreichen. Sind ja die Lebenstage uns mit Spannen zugemessen (Psalm 39) und ist ja die Zeit in rastloser Bewegung. Niemand vermag ihrem dahineilenden Strom, der uns unaufhaltsam mit sich fortreißt, Einhalt zu gebieten. Des 9 Olelos Ephraim, 106. Wassers flüchtige Wellen können in ihrem Laufe zurückgedrängt, zurückgehalten werden; wer vermag aber die Zeit in ihrer Strömung aufzuhalten? — Und um alle Schätze der Welt können wir die Stunde, die bereits der Vergangenheit angehört, nicht mehr zurückkaufen. Wie mancher würde all fein irdisch Gut hergeben, wenn er eine dahingegangene Stunde zurückerlangen könnte, um sie in anderer, besserer Weise zu verwenden! Können wir uns aber dieser Wahrheit nicht verschließen, so sollten wir um so höher das Mittel bewerten und würdigen, das auf die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Daseins und auf den unschätzbaren Wert der Zeit hinweist und uns auffordert, jeden dahinziehenden Augenblick dem uns gesteckten, erhabeneren Lebensziele entsprechend zu nützen. Nimmt ja der Mensch die oberste Stelle in der Stufenleiter der Schöpfung ein und ist es seine Bestimmung, den ihm möglichen höchsten Grad der Vollkommenheit hienieden zu erreichen. Eine solche unwiderlegliche, eindringliche Mahnung, auf den raschen Flug der Zeit zu achten und des Menschen hohen Beruf zu erkennen richtet an uns die göttliche Vorschrift des Omerzählens. Legt ja die s i e b e n w ö ch e n t l i ch e Zählung den ergreifenden Gedanken nahe, wie schnell der Strom der Zeitlichkeit die sieben Jahrzehnte unseres Erdenwallens davonträgt, wie wir mit jedem Tage dem Grabe einen Schritt näher kommen, wie der Erdensohn blühet und verblühet wie die Blume, auftaucht und verschwindet wie die Welle. Und nicht nur derjenige, der im Frühling des Lebens von hinnen ziehen muß, sondern auch derjenige, dem die lange Lebensdauer beschieden war, sieht am Ende angelangt, die durchlebte Vergangenheit wie einen kurzen, flüchtigen Traum an — eine Wahrheit, die so häufig im Taumel des Lebens, vom lärmenden Gewühle des Tages übertönt wird. Gar viele empfinden daher keinerlei Wehmut über die rasende Schnelligkeit der Zeit, geben sich unnützem Zeitvertreib hin und sind einer wahren, idealen Ausfassung des Lebens unzugänglich. Denn nur der ernste Hinblick auf die Kürze des Lebenstages ist der Grund und Boden, auf dem eiu höheres, der Würde des Menschen entsprechendes Streben und Wirken beruht. Diese Erkenntnis führt zu der Überzeugung, daß wir nicht um dieser kurzen Zeitlichkeit willen ins Dasein gerufen sind, daß die Bedeutung des Lebens überdieErdehinaus- * reicht, daß wir daher über das Irdische nicht an das Göttliche vergessen und die Ewigkeit nicht dem flüchtigen Traume der Zeitlichkeit opfern sollen, daß wir vielmehr die uns zugemessene

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.