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Das jüdische Blatt · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das Mische Matt Nr. 18 lief) verstummte das Gespräch, die Unterhaltung: Ministerialrat Dr. Schwörer eröffnet im Namen des Großherz. Oberrats die Synode. Wie feierlich war uns allen zu Mut, als dann die ganze Versammlung sich von den Plätzen erhob und begeistert in das dreifache Hoch einstimmte, das der Alterspräsident, Herr Jos. Zimmern, auf unfern Großherzog, Friedrich II., ausbrachte! Für die Budgetfragen, von denen ich nicht viel verstehe, hatte ich kein großes Interesse. Anderen schien es ähnlich zu gehen: Sowie aber der Präsident Goldschmidt dem von den Liberalen so gefürchteten Dr. Simon das Wort erteilte, hörte man im Zuschauerraum allenthalben Aeußerungen: „jetzt wird's spannend, jetzt geht's los." Und es ging los! Mit einer Wärme und Liebe, die nur aus echt jüdischem Herzen strömen kann, mit einer Offenheit, die keine Scheu kennt, redete er zu uns von den inneren Angelegenheiten der Synode, von den religiösen Pflichten, die der Oberrat nicht objektiv genug erfüllt habe. Ob es wohl auch der Frühling war, der so kraftvoll aus ihm sprach? Ja, die Hoffnung durchglühte ihn, daß es doch Frühling werden muß, daß durch die unversieglichen Strahlen unserer n*“]in alles Blendwerk, wie Reichtümer und andere Irrlehren, vernichtet und die Wahrheit zu neuem, ewig jungen Leben geweckt werden muß. Doch die Angriffe, sie blieben nicht unerwidert. Heftig stürmte man auf den redekühnen Orthodoxen ein. Schlag folgte aus Schlag, Rede auf Gegenrede. Die Anklagen gegen den Oberrat suchte Geh. Regierungsrat Dr. Meyer in ironisch gefärbten Ausführungen zu entkräften. Worte tiefster Entrüstung schleuderte Dr. Chone, ein Richtlinienrabbiner, dem Dr. Simon an den Kopf, weil er die „schwer errungene" Ueberzeugung der Liberalen ihnen zum Vorwurf machte. Dem gegenüber zeigten Dr. Simon und Rechtsanwalt Dr. Kassewitz in längeren wirkungsvollen Auseinandersetzungen, wie durch die Richtlinien das ganze Gebäude des Judentums in seinen Grundfesten erschüttert würde, und daß deshalb auch die badische Judenheit vor solch ernsten Gefahren auf der Hut sein müsse. Des langen wurde über dies Thema debattiert, so daß die mit Humor gewürzte Bitte des liberalen Abgeordneten Dr. Oppenheim, auf die Richtlinien nicht noch näher einzugehen, um das „Chomez Batteln" nicht zu versäumen, allgemeine Heiterkeit erregte. Und wenn die Konservativen — Männer wie Dr. Heilbronn, Dr. Pfälzer, Fabrikant Bauer traten gleichfalls für unsre Sache ein — auch nicht alles Gewollte erreichten, ist es nicht schon ein zufrieden stimmendes Ergebnis, daß der Oberrat den Forderungen der Orthodoxen gegenüber weit mehr als früher sich geneigt zeigte? Unter dem Banner des Friedens stand die Synode, die, wie Ministerialrat Schwörer zum Schluß bemerkte, trotz der bestehenden Gegensätze im Judentum bei ihrer Tagung sich von gemeinsamen Interessen hat leiten lassen. Mit den Akkorden der Ouvertüre, mit einem dreimaligen Hoch auf den Landesfürsten, wurde die eindrucksvolle Sitzung geschlossen. Möge der Same, der in diesem Frühling gepflanzt wurde, keimen und sich zu reicher Frucht entfalten, zum Wähle der badischen Juden, zum Wähle aller Juden. Mutter und Sotin. Die Geschichte einer Ehe. — Von Caroline Deutsch-Weiß. Man konnte ihm nichts Nachteiliges nachsagen, aber eben, er war Schammes! In der Anschauung der Leute die unterste Stufe auf der Berufsleiter der Gemeinde, also auch des Gesellschaftslebens. Der Grund mochte sein, weil einige unangenehme und in den Augen der Leute erniedrigende Aemter mit der Schammesstellung verbunden waren. So war sein Haus auch eine Schnorrerherberge und eine Art Spital für die fremden, armen Leute. Und starb einer, so mußte er bis zur Beerdigung in der Schammeswohnung verbleiben. Für einen Künstler wäre Jäckel Müller ein gesuchtes Modell gewesen: Dieser alte Mann mit der breiten, aufrechten Gestalt, dem großen Kopf, den weißen, starrenden Haaren, dem Patriarchenbart, der lang auf seine Brust herabfiel, und dem frischen, fast runzellosen Gesicht! Seit fünfzig Jahren war Jäckel im Amte, und jeden Tag', morgens und abends, lief er durch die Straßen des Städtchens, im Sommer, wenn das warme Frührot leuchtete, im Winter, wenn das halbdunkle Tagesdämmern auf dem verschneiten, festgefrorenen Boden lag. Er tat seine drei gewaltigen Hammerschläge an die Tür eines jeden Gemeindemitgliedes, und als genüge dies noch nicht, rief er sein: „in Schu-u-e-e-l-l" so durchdringend, so lang aushallend, als sollte der Ton von einem Hause zum anderen reichen. . . . Die Samstage und Feiertage machten eine Ausnahme. Da mußte er den Hammer im Hause lassen: dafür tönte sein Ruf: „in Schul" noch gellender und markerschütternder durch die Straßen. Jäckel hatte schon drei Frauen begraben. Regi war sein einziges Kind aus zweiter Ehe, dessen Geburt der Mutter das Leben gekostet hatte. Des Kindes wegen mußte er notgedrungen wieder heiraten. Als Regi zwölf bis dreizehn Jahre alt war, fing der Zank im Hause an; sie konnte sich immer weniger mit der Stiefmutter stellen. So blieb dem Vater nichts anderes übrig, als sie zu einer Schwester nach Budapest zu geben. Fünf Jahre später starb die Frau, und Regi kehrte zurück, um dem alten Vater die Wirtschaft zu führen. Josef Schlesinger hatte die Regi schon als Kind gekannt — in einem kleinen Ort kennt sich jeder —, aber sie in keiner Weise beachtet. Ein Junge aus solchem Hause, wie das seiner Eltern war, wird sich doch nicht mit dem Kinde eines Schammes abgeben. Als er sie nach ihrer fünfjährigen Abwesenheit zum erstenmal sah, war er überrascht. Er wußte zuerst nicht, wer das schöne, schlankgewachsene Mädchen, dessen rosiges, süßes Gesicht einer Pfirsichblüte glich, war, bis man ihm sagte: „Das ist ja Jäckel Müllers Regi." Er war erstaunt. Was war das für ein schönes Mädchen geworden! Und wie sie sich zu kleiden wußte! Ganz anders als die Mädchen im Orte, die an Werktagen meist vernachlässigt umhergingen und an Feiertagen sich mit überladenem Putz behängten. Regi sah immer adrett, „wie aus dem Ei geschält" aus. Ihr schönes, hellbraunes Haar kräuselte sich gar lieblich auf der weißen Stirn und im Nacken. Sie trug immer ein helles Kleid und ein kokettes, weißes Teeschürzchen. Selbst bei der Arbeit, wenn sie auf dem kleinen Platz hinter dem Hause wusch und scheuerte, oder im Garten die Beete umgrub und jätete, sah sie so propper aus, als könnte an der lieblichen, beweglichen Gestalt kein Stäubchen Schmutz, kein Tröpfchen Wasser haften bleiben. Das alles gefiel Josef Schlesinger vom ersten Augenblick an, und je öfter er sie sah, desto mehr verstärkte sich der Eindruck. Er, der Vielbeschäftigte, der so viel zu leiten und zu beaufsichtigen hatte, machte sich jetzt sehr häufig am Hintergarten zu schaffen, manchmal nur für einen Moment, wie, um wenigstens mit den Blicken ihre Gestalt zu erhaschen. . . . (Fortsetzung folgt.)

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