Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Das jüdische Klatt <) Posen. Hier fand die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus unter Vorsitz von Abg. Bergrat Gothein statt. Abg. Kanzow erstattete den Bericht, und sodann sprach Generalsekretär Tews über „Trennung oder Vereinigung in Jugenderziehung und Jugendpflege". Anschließend an diesen Vortrag wurde folgende Resolution gefaßt: „Die Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus verurteilt alle parteipolitischen Werbungen um die Jugend und das Hineintragen verhetzerischer und trennender Tendenzen in die Organe der Jugenderziehung und Jugendpflege auf das entschiedenste und fordert alle Gesinnungsgenossen auf, der konfessionellen, sozialen und nationalistischen Trennung und Entfremdung der Jugend,* .insbesondere in den Jugendpflegeorganisationen, mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Die Versammlung hält die Unterrichtsverwaltung für verpflichtet, wirksame Maßnahmen gegen verhetzerische Agitationen in den staatlich unterstützten Jugendpflegeorganisationen zu treffen." Abg. Kanzow teilte mit, daß dem Verein auf seine Eingabe der Kultusminister antwortete, er mißbillige die Ausschreitungen gegen jüdische Schüler, sei aber zu einem Vorgehen gegen die bezeichneten Jugendvereinigungen nicht in der Lage, da in allen Jugendorganisationen die politische und konfessionelle Neutralität streng durchgeführt sei. Einzelne Uebertretungen dieses Grundsatzes würden daher durch die Leitung der genannten Vereinigungen beseitigt werden müssen, die der Schuldisziplin überhaupt nicht unterständen. Die Annahme, daß der „Vaterländische Jugendverband" aus staatlichen Mitteln finanziell unterstützt werde, treffe nicht zu. Abg. Woff-Lissa sprach über „Naturalisation und Aufenthaltserlaubnis in Theorie und Praxis". Er legte eine Statistik vor, aus der zu schließen sei, daß die Juden bei der Naturalisation zurückgesetzt würden. Mit der Aufenthaltserlaubnis sei es noch viel schlimmer, da gebe es überhaupt kein geschriebenes Recht. Die Versammlung faßte eine entsprechende Protestresol u t i o n. Kader». Mannheim. Zum Besten der jüdischen Ferienkolonisten veranstaltete die Caritas, die Frauenvereinigung der Mitglieder der Bne Brith-Loge (August Lamey-Loge) vergangenen Samstag Abend im Festsaale ihres Gebäudes einen Salvatorabend, der in jeder Beziehung glänzend verlief. Unter der Aegide der Frau Jüdel hatten sich eine ganze Anzahl Frauen, junge Mädchen, letztere als Kellnerinnen kostümiert, in den Dienst der guten Sache gestellt und das bürgt schon dafür, daß der Reinerlös dem guten Zwecke günstig war. Nach den Begrüßungsworten der Frau Alice Bensheimer, der Vorsitzenden der Caritas, nahm ein buntes Programm seinen Anfang, das besondere Anziehungskraft durch die Gesangsvorträge unseres auf religiösem Boden stehenden Baritons vom Hoftheater, Herrn Lippmann, fand. Am selben Nachmittag fand erstmals eine Zusammenkunft der unter der „Blau-Weiß-Fahne" stehenden Jugend statt, die unter dem Zeichen einer nachträglichen Pesachfeier stand. Frau Elise Gutmann, die bekannte Schriftstellerin, und der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Otto Simon, hielten Ansprachen, die mit Vorträgen jüdischer Sachen und jüdischen Wanderliedern abwechselten. Auch hier hat der bekannte Beschluß des deutschen Wandervogels dem Blau-Weiß viele neue Mitglieder und Gönner zugeführt. Mannheim. Von allgemeinem Interesse und nicht zum mindesten von hiesigem Interesse ist der Beschluß auf der diesmonatlichen Tagung der badischen Synode, wonach fürderhin jeder Rabbiner in Baden trauen darf; dieser Antrag des Vereins zur Wahrung der Interessen des gesetzestreuen Judentums hat für hier eine sehr einschneidende Bedeutung. Bislang durfte hier nur der liberale Rabbiner, Stadt-Konferenzrabbiner Dr. Steckelmacher, oder ein von ihm ernannter Stellvertreter trauen, dagegen erlaubte er dem orthodoxen Rabbiner Dr. Unna niemals, die Trauung eines ortdodoxen Paares hier vorzunehmen. Bestand man auf Dr. Unna, mußte man nach auswärts. Dagegen durften auswärtige orthodoxe Rabbiner trauen, wenn der Stadtrabbiner seine Genehmigung gab und seine Taxe erhielt. Wie man in eingeweihten Kreisen erzählt, soll diesem Antrag und Beschluß ein sehr scharfer Briefwechsel vorangegangen sein und Herr Dr. Steckelmacher sein Mandat als Konferenzrabbiner niedergelegt haben. Aehnlich geht es mit der Funktion der Beerdigung. Auch diese darf der orthodoxe Rabbiner nicht vornehmen, sondern nur der Stadtrabbiner. Da dies Sache der Kommune und Herr Dr. Steckelmacher dies Recht in seinem lebenslänglichen Vertrag hat, dürfte hier nichts zu ändern sein. Württemberg. Jugendfürsorge. Stuttgart. Der württ. Frauenverein für hilfsbedürftige Kinder hat den achtjährigen Moritz Scher von hier in seine Fürsorge genommen. Seine spezielle Fürsorgerin ist Frau Bankdirektor Gunz. Der Knabe wurde im Herbst 1913 vorerst in die Erziehungsanstalt zu Göppingen ausgenommen. Diese Anstalt, welche über sein Betragen ganz befriedigende. Zeugnisse abgegeben hat, kann aber den Knaben nicht behalten, da Platzmangel da ist und da sie satzungsgemäß nur evangelische Kinder aufzunehmen hat. Die Israelitische Wilhelmspflege kann ihn aber zur Zeit ihrer Satzung wegen nicht aufnehmen, da Scher ein Ausländer ist. Deshalb bemüht sich der Württ. Frauenverein in Verbindung mit dem Landesverband für Jugendfürsorge in Württemberg, den Knaben bei einer israel. Familie unterzubringen. Es stehen dazu zurzeit nur 150 di jährlich zu Gebote. Der Verein hat sich an mich um Vermittelung gewandt. Deshalb wende ich mich an das ehrw. Rabbinat mit der Bitte um baldige Auskunft, ob in seinem Bezirke eine Familie bereit ist, den Knaben aufzunehmen, mit der Zahlung von 150 di einverstanden und vertrauenswürdig für die Erziehungsaufgabe ist. Wir haben zu der in dem oben abgedruckten Briefe zutage tretenden Engherzigkeit und partikularistischen Beschränktheit des Vereins für Erziehung israelitischer Waisen in Württemberg nur folgendes zu bemerken: 1. Er hat vor 34 Jahre ein neues palastähnliches Haus bezogen, das noch lange nicht voll besetzt ist, und besitzt Stiftungskapital in ganz beträchtlicher Höhe. 2. Wir wünschen, daß auch die „Satzungen des Israelitischen Religionsgesetzes" in diesem neuen Prachtbau „Wilhelmspflege" mit derselben Unentwegtheit und Gewissenhaftigkeit eingehalten werden mögen, wie die Vereinssatzungen. 3. Alles andere überlassen wir der jüdischen und christlichen Oeffentlichkeit. 4. Der württembergische Frauenverein und der Landesverband für Jugendfürsorge in Württemberg sind allgemeine (also keine jüdischen) Vereine. ' Schmede». Stockholm. Ein Richtlinienrabbiner als Vorbild. In Stockholm ist vor einigen Tagen Rabbiner Professor Dr. Gottlieb Klein nach langen Leiden g e st o r b e n. In Ungarn geboren, hat er nach Besuch von Jeschiwaus bei Dr. Hildes-