Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Das jüdische Slatt. 9 Geld zulegen), so entfallen auf jede Kolonistenfamilie zirka 85 000 Francs, eine Summe, von deren Zinsen in Palästina drei Familien leben könnten, und sicher nicht ärmlicher als die jetzigen Kolonisten. Verteilt man die Summe nicht auf die Kolonisten, sondern auf die gesamte Bevölkerung der Kolonien (Handwerker, Händler, Arbeiter, Lehrer usw. einbegriffen), so entfällt auf jeden dieser 7 500 Menschen etwas mehr als 11 000 Frs., und auf die Familie, angesetzt auf fünf Personen, 55 000 Frs., ein Kapital, von dessen Zinsen immerhin zwei Familien dort leben können. Ein tapferer Sabbatianer. Vor dem Kriegsgericht in Chalon f. Marne, hat sich Charles- AiEe Joseph, geboren in Paris, Elektriker und Adventist (Sabbatianer) wegen Gehorsamsverweigerung zu verantworten. Als Angehöriger der christlichen Sekte der Sabbatianer arbeitete er am Samstag nicht und hat aus diesem Grunde schon manche Stelle in Paris verloren. In das 64. Regiment in Epernay eingereiht, ersuchte er um Befreiung vom Dienste am Samstag und erbot sich, dafür am Sonntag Dienst zu verrichten. Vor das Kriegsgericht gestellt, erklärte er auf die Frage des Präsidenten, daß er sich im Kriegsfälle eher töten lassen würde, als den Sabbat zu entweihen. Ueber den menschlichen Gesetzen, erklärte er, steht das göttliche Gesetz, und meine Religion untersagt mir, am Samstag zu arbeiten. Joseph wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Fleisch und Milch. Der Professor an der Fakulto de Lille hat ein Merkchen herausgegeben, „Regime des tuberculeux", das, wie wir den Arch. Jfr. entnehmen, die folgende Beobachtung über die Unzu> träglichkeit des Milchgenusses beim Essen von Fleisch enthält. Der Professor schreibt: Ich muß mich ganz entschieden gegen den Gebrauch aussprechen, als Getränk während der Fleischmahlzeit Milch zu empfehlen. Ich habe aus dem Munde unseres unvergessenen Lehrers, des Professeur Potain, gehört, wie er dieses Verfahren verwarf und sich dabei auf das alte mosaische Gesetz berief, das heutzutage von den Juden selbst mißachtet wird, das ihnen aber untersagt, Milch zu trinken, während'sie Fleisch essen. Die durch die Verkäsung der Milch hervorgerufene satzartige Masse hüllt die übrigen im Magen angesammelten Nahrungsstoffe, besonders das Fleisch, wie ein Gewand ein und verhindert das sofortige Einwirken der Chlorwasserstoffsäure auf den ganzen Mageninhalt. Auf diese Meise wird die Verdauung verlangsamt und dem Magen wird ganz unnötige mühsame Arbeit ausgebürdet. Merkwürdige Verteidiger des Judentums. Während die Echten Russen an der Arbeit sind, eines unserer fundamentalsten Religionsgesetze, die Schechita, zu verhindern, haben die weisen Behörden von Odessa ein neues Mittel gefunden, unsere Religion zu schützen. Pelikan, das Stadtoberhaupt von Odessa und sein Rat, haben beschlossen, von den Einkünften der Schächttaxe, die wie alle Einkünfte der jüdischen Gemeinde unter ihrer Kontrolle stehen, 18 000 Rubel zur Anstellung von drei Predigern zu verwenden, die in den Synagogen beim Gottesdienst und in den Familien bei Abhaltung von Familienfeiern die Juden zur strengen Beobachtung ihrer Religion anhalten sollen. Um seinem Unternehmen größeren Erfolg zu sichern, hat dieser Herr Pelikan den Plan ins Auge gefaßt, die Juden zum Schließen ihrer Geschäfte am Samstag polizeilich zu zwingen. Was für ein zärtliches Herz diese Männer der echtrussischen Tat für die Erhaltung der jüdischen Religion doch auf einmal bei sich entdeckt haben Zwar wird versichert, daß diese wachsame Behörde wahrgenommen hat, daß streng religiöse Juden ein gewisses Widerstreben zeigen, sich den radikalen Parteien anzuschließen. Aber dieser Zwang unter dem Rufe: Zurück in die Synagoge! ist bei Leuten dieses Kalibers immerhin befremdlich. Rothschilds Ausgrabungen in Jerusalem. Ueber die bisherigen Ergebnisse der Ausgrabungen, die der Baron von Rothschild auf dem Orphel im Dorfe Siloe südöstlich vom alten Tempel Solomons veranstaltet hat, macht ein aus Jerusalem datierter Bericht des Univers israelito einige interessante Angaben. Der Zweck der Arbeiten gilt dem Versuche, die Gräberstätten der jüdischen Könige wieder auszufinden und man stützt sich bei der Verfolgung dieses Zieles auf die Hypothese, die auf Grund des Laufes des sogenanten Kanals des Hislia Clermont-Ganneau ausgearbeitet hat. Die Ausgrabungen haben bisher recht interessante Erfolge zu verzeichnen. Man entdeckte einen Kanal, der noch vor dem Kanal des Hiskia entstanden sein muß und auch ein anderes Niveau zeigt. Diese Entdeckung ist vor allem für. unser Wissen um die Wasserversorgung des alten Jerusalems von besonderem Werte. Daneben fand man einen Stein mit einer griechischen Inschrift, die älter ist als die Zerstörung des Tempels durch Titus und aus vorhadrianischer Zeit stammt. Die Inschrift entfällt somit auf jenen Zeitpunkt in der Geschichte der jüdischen Kolonie Jerusalems, aus der wir die wenigsten beglaubigten Angaben besitzen; aus der Zeit des politischen Niederbruchs des israelitischen Volkes in Palästina. Dieser erste Fund läßt voraussehen, daß die Fortführung der Ausgrabungen aller Wahrscheinlichkeit nach wichtiges Material zutage fördern wird, mit dessen Hilfe die Möglichkeit ersteht, gewisse Lücken und Ungewißheiten unserer Kenntnisse von jenen Geschichtsepochen zu beseitigen. Die Jerusalem-Rente. Die „New-Pork Times" weiß von einem eigenartigen Versichcrungsgeschäfte zu erzählen, welches einzelne amerikanische Versicherungsgesellschaften seit einiger Zeit eingeführt haben. Diese Versicherungsgesellschaften verpflichten sich gegen Bezahlung einer Prämie, die nicht allzu hoch bemessen ist, Juden, welche das 65. Lebensjahr überschritten haben und den Wunsch haben, ihren Lebensabend in Jerusalem zu verleben und nach ihrem Tode dort begraben zu werden, mit Kost und Wohnung bis an ihr Lebensende zu versehen und für ihr Begräbnis in Jerusalem Sorge zu tragen. Wie nun der amerikanische Konsul in Palästina berichtet, gibt es in Jerusalem dermalen über 1300 Juden, welche solche Versicherungen eingegangen sind, und auf Kosten der betreffenden Versicherungsgesellschaft leben und ihrem Tode in der heiligen Stadt entgegensetzen. Der Konsul fügt diesem Berichte noch hinzu, daß die Gesellschaft im großen und ganzen ein schlechtes Geschäft macht, wenn sie damit rechnet, daß der Jude, der den Wunsch äußert, in Palästina zu sterben, wirklich seinem Tode nahe sei; denn viele von ihnen genießen die sogenannte Jerusalemrente viel länger, als es der Gesellschaft lieb ist. Aeberlritl russischer Bauern zum Judentum. In der russischen Stadt Grosno erlebte die dortige Stadtbehörde vor einigen Tagen eine recht merkwürdige Ueberraschung. Es meldete sich eine Anzahl Bauern aus der Umgebung, welche um einen Auslandspaß ansuchten, um nach Amerika auszuwandern. Als nun der Beamte in die Dokumente dieser Bauern Einsicht nahm, gewahrte er zu seiner Überraschung, daß diese ritv zum Judentum übergetreten waren. Auf eine Frage des Beamten erklärten sie, daß sie nach reiflicher Ueberlegung zur Ueberzeugung gekommen seien, daß nur der jüdische Glaube den Menschen seelische Beruhigung zu bieten vermöge. Sie erzählten auch, daß in den umliegenden Ortschaften die Zahl dieser Bauern, die das Judentum angenommen haben, eine sehr große sei. Nach