Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 13 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nc. 13 Das jüdische Klatt. 3 Wahlsieg die Negierung des Landes in die Hände genominen hat, sind wohl jetzt eines Besseren belehrt. Die liberale Partei hat die Aufgabe, die Revision der Verfassung vorzunehmen und Optimisten wie die Leute von der „Union der einheimischen Juden" konnten doch die Hoffnung nicht unterdrücken, daß bei Gelegenheit der Verfassungsänderung auch der infame 8 7 der Verfassung, der die Juden in Rumänien in ihrem eigenen Lande zu Fremden degradiert, auf eine andere Formel gestellt werden würde, die eine Besserung der unhaltbar gewordenen Lage der Juden gestatten würde. Alle diese Hoffnungen müssen jetzt aufgegeben werden. Das Parlament ist von dem König eröffnet worden, die Eröffnungsrede enthielt nicht die leiseste Andeutung auf etwas mehr Gerechtigkeit gegenüber den Juden. Die liberale Partei hat ihr Programm für die Aenderung der Verfassung aufgestellt und begründet, von dem § 7, der die Juden betrifft, ist in all diesen Erklärungen nicht einmal die Rede. Alle Versprechungen, die während des Krieges angesichts des feurigen Patriotismus' der Juden von Regierung und Staatsmännern gemacht worden sind, sind vergessen. Nach wie vor werden etwa 300 000 einheimische Juden in Rumänien Steuern zahlen und Militärdienst verrichten, draußen in der Welt als Rumänen behandelt, in der eigenen Heimat aber als rechtlose Fremde betrachtet und von den elementarsten Menschen- und Bürgerrechten ausgeschlossen werden. Bulgarien. Der Oberrabbiner von Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, hat einen Ruf als Oberrabbiner von Stockholm erhalten und angenommen. Dr. Ehrenpreis hat sich in Bulgarien einer großen Beliebtheit erfreut, kräftig und besonnen hat er während des Balkankrieges die ihm anvertrauten jüdischen Interessen verteidigt und die Achtung der Regierungskreise in hohem Maße genossen. Noch kürzlich hat ihn der König Ferdinand mit dem Kreuz des Kommandeurs des Nationalordens für bürgerliche Verdienste ausgezeichnet. Und der Chef des Privatkabinetts des Königs überbrachte ihm den Orden als einen Beweis seines Wohlwollens und in Anerkennung nützlicher Dienste als Oberrabbiner von Bulgarien und großer Bemühungen um das Wohl des Landes. Türkei. Die Kammerwahlen in der Türkei. Die Wahlen in die Deputiertenkammer sind in der Hauptstadt zu Ende. In der zweiten Wahlkurie wurde der frühere Vertreter von Saloniki, Emanuel Carasso Effendi, fast einstimmig zum Abgeordneten von Konstantinopel gewählt. Nach einem Telegramm aus Smyrna ist dort die Wiederwahl Nissim Mazliach Effendis gesichert. Außer diesen beiden jüdischen Abgeordneten dürfte die neue Kammer nur noch ein jüdisches Mitglied zählen, nämlich einen Vertreter der jüdischen Bevölkerung in Bagdad, dessen Name jedoch noch nicht festsieht. Ursprünglich hatte man angenommen, daß auch Syrien einen jüdischen Vertreter in die Kammer entsenden werde, doch läßt der dort geltende Wahlzensus die Wahl eines jüdischen Kandidaten als sehr zweifelhaft erscheinen. Konespondeitzen. - Glsatz-KothrLuaeu. - Die Tragödie des Judentums. (Vortrag von Dr. S ch e m a r j a L e w i n.) Auf dem „Peter Schlemihl", jenem dem Anschein nach so harmlosen Märchen Chamissos, das wir aus der Kinderzeit kennen, baute Lewiu seinen Vortrag auf. In überaus plastischer Darstellung brachte er den Hörern zunächst die charakteristischsten Monrente des Märchens in Erinnerung. Der Mensch mit dem seltsamen, westöstlichen Doppelnamen Peter Schlemihl, der plötzlich, ohne daß gesagt wird, woher er kommt, in einer Gesellschaft auftaucht — „wer keine Million hat, ist überhaupt ein Schuft", sind die ersten Worte, die ihm entgegenklingen. Der hagere Mann im grauen Gehrock kauft ihm seinen Schatten ab und gibt ihm dafür den unversieglichen Geldbeutel. Die Frauen auf der Straße bemitleiden ihn, die Gassenjungen bewerfen ihn mit Steinen. Nun erst begibt er sich in ein Hotel — vorher hatte er offenbar keine Wohnstätte. Tagelang beschäftigt er sich nur damit, dem Beutel Gold zu entnehmen; er geht nicht aus, hat Scheu vor Sonne und Mond. Rascal, der Diener, den er gut behandelt und bezahlt, kündet aus, weil er keinem schattenlosen Herrn gehorchen will, der Wirt weist ihn, wiewohl er sehr splendid ist, aus dem Gasthaus. Nun geht er nach „der andern Seite der Berge", wo man ihn nicht kennt, verlobt sich mit einem reizenden Mädchen, aber der Vater kommt dahinter, daß er keinen Schatten hat. Peter Schlemihl fängt an zu lügen: er könne nichts dafür, der Schatten sei ihm erfroren. Er geht zu einem Künstler und will sich von diesem einen Schatten malen lassen: denn er meint, es fei der Zweck der Kunst Künstliches zu schaffen, er verwechselt Schöpfertat mit dem Werk der Technik, und so schickt ihn der Künstler fort. Der graue Mann erscheint wieder: er will Schlemihl den Schatten wiederschaffen, aber dafür soll er nach dem Tod seine Seele hingeben. . . . Dann kommt Peter Schlemihl zu Siebenmeilenstiefeln, bald weilt er in den Tropen, bald am Eismeer; um die Langeweile zu überwinden, beschäftigt er sich mit jener toten Wissenschaft, die Pflanzen in Herbarien preßt.... Er wird krank, kommt in ein Spital; hier zum einzigen Mal gibt Chamisso eine Andeutung, die auf Schlemihls Nation hinweist: er trägt einen langen Bart, der ihm das Aussehen eines Juden gibt. Zuletzt treffen wir ihn an der syrischen Küste; von dort aus gibt er in seiner Autobiographie Chamisso den Rat, seinen Schatten festzuhalten, denn der sei wertvoller als alle Schätze der Welt. ... Seinen Schatten — ist es nicht merkwürdig, fragt Lewin, daß Chamisso gerade im Schatten etwas so Kostbares sieht, der nach dem Begriff des Europäers etwas Belangloses, wenn nicht Schlechtes darstellt? (Man denke z. B. an das Wort „Schattenseite".) Aber im heißen Orient ist das anders: „Gott ist mein Schatten", heißt es im Gebet der Juden; ein Volk „ohne Schatten" ist schutzlos. . . Daß das Märchen einen tieferen Sinn bergen könne, wurde von Chamiffos Zeitgenossen nicht erkannt; einzig Heine hat es herausgefühlt. In seinem Gedicht auf Jehuda Halevi erzählt er, wie er Chamisfa nach dem Ursprung des Wortes „Schlemihl" fragte. Ist es nicht seltsam, daß ihn Chamisfo an Hitzig verwies, jenen Mann, der ursprünglich „Jtzig" hieß und der auch den zweiten Vertrag mit dem Grauen geschlossen hatte? Von diesen kleinen kam Lewin zu den tiefergehenden Beziehungen. Da ist Chamisso selbst, der Franzose, der deutsche Gedichte schrieb, und in dessen Innerstem etwas heimatlos war. Und diese Heimatlosigkeit des Leibes und der Seele, sie war in weit stärkerem Maß das Los der Juden. Als sie — zu Chamissos Zeit — emanzipiert wurden, als sie in die „Gesellschaft" eintreten durften, da eröffnete sich ihnen die Wahrheit des Wortes „Wer keine Million hat . . ." Und es kam der Seelenhändler: Sie wollten angesehen, geachtet sein, und so gaben sie ihren Schatten hin, ihre Sprache, ihr eigenes Leben, um Platz zu schaffen für die neuen Dinge aus der Umwelt. Immer mehr opferten sie von ihrem Eigensten, ihre Geschichte, die hebräische Sprache erklärten sie für tot, für abgestorben - - wie wenn Sprache nicht der tiefste