Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9097324-9053122--1066-9053131- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11. Das jüdische Matt 9 Bewohner als Gefangene mit sich führend. Der Fürst hatte wirklich die Absicht, einen kleinen jüdischen Staat in Amon zu gründen, über welchen er als Statthalter herrschen wollte. Der König, dem er sehr viele Dienste geleistet, hatte ihm einen kleinen Strich Landes angewiesen und auch endlich nach dem letzten Siege seinem Zureden nachgegeben und ihn mit bewaffneter Macht nach seinem Heimatlande ziehen lassen. In Mizpa, wie überhaupt auf palästinischem Boden, schien Ismael das Spiel zu gewagt; er hatte allen Grund, den Syrer zu fürchten. Noch ein anderer Grund war es, der Ismael veranlaßte, die Wanderung langsam fortzusetzen, die Wunde am Beine. Der Biß hatte ein Geschwulst erzeugt, die das ganze Bein bis nach den Schenkeln zu umziehen drohte und ihm höllische Schmerzen verursachte, die immer mehr Zunahmen, bis sie sich zu einer unerträglichen Höhe steigerten. Es mußte Halt gemacht werden und Ismael das Pferd verlassen. Mit einer Energie und einer Geistesstärke, die, wenn sie einer würdigen Sache gewidmet, ihn zum bewunderungswürdigen Helden erhoben, hatte er während dieser Tage die entsetzlichen Schmerzen überwunden, um nur das Ziel zu erreichen. Am Fuße des bewaldeten Hügels saß neben der gefesselten Fürstin Ismael unter einer Palme, während ein wenig weiter die gefangenen Bewohner lagerten, bewacht von den Reitern. Seit drei Tagen war es Ismael nicht gelungen, eine Silbe den geschlossenen Lippen Zipporas zu entreißen. Still und bleich hatte sie vor ihm auf dem Pferde gesessen, jede Nahrung und Erquickung zurückweisend, so daß man sie ihr mit Gewalt einflößen mußte, still und bleich saß sie jetzt neben ihm unter dem Palmbaum, als wäre sie zu Stein geworden und jedes Gefühl in ihr erstorben. Ismael sah in ihr bleiches, müdes Gesicht, in die tief eingefallenen Augen, auf die feinen, weißen Hände, die tiefe Spuren von den eingedrückten Fesseln zeigten, und auf die die Sonne jetzt lindernd ihre warmen Strahlen goß. Was nicht die tiefergreifendsten Worte, was Zorn und Empörung nicht vermochte, vermochte diese stumme Sprache. Mit einem plötzlichen Schnitt seines Messers lösten sich die Banden und fielen zur Erde, und seine Lippen preßten sich heiß auf die Wunden, als wollten sie sie mit dem Hauche des Mundes verwischen. — Das junge Weib zuckte auf, wie von einer Natter gebissen, bald aber legte sich die alte Unbeweglichkeit über ihr Gesicht. „Sieh mich an und sprich wenigstens ein Wort zu mir," sagte der Fürst, seine rauhe Stimme hatte einen weicheren Klang.. Sie sah nicht auf, unbeweglich blieb ihr Antlitz, und geschlossen der Mund. „Warum willst Du mich reizen, Zippora, Du tust nicht gut daran. Bei Gott, Du tust nicht gut daran," versetzte er. „Du weißt, daß mich Trotz, Widerstand zur Raserei bringen kann. Und meine Seele ist jetzt weich, wie die eines Weibes, sie sehnt sich, wie noch nie, nach dem sanften Wort der Liebe." Dasselbe Schweigen. „Hartnäckiges Weib, ich kann Dich töten lassen," schrie er mit der ganzen ausbrechenden Heftigkeit seines Wesens. „Tue es, denn das wäre die einzige menschliche Tat, die Du vielleicht je begangen." Ismael sah sie an,.die ganze Wildheit seiner Natur, vermehrt durch die Heftigkeit des physischen Schmerzes, spiegelte sich in seinen Blicken, er ballte die Faust, als wollte er sie zerschmettern, aber sie löste sich wieder, der Ausdruck des Gesichts ging in einen kalt höhnischen über, als er erwiderte: „Tue es nicht, weil es Dein Wunsch. Du sollst leben für mich, mit mir leben; dann will ich schon die große Rechnung mit Dir ausgleichen." „Du sollst nicht das Weib Deines Nächsten begehren, kennst Du nicht dies Gebot Deines Gottes." „Ich kenne nur die Stimme meines Herzens," versetzte er, „Du warst mein Eigentum, und ich habe es mir nur zurückgenommen." „Ich, Dein Eigentum? Hab ich nicht immer Dein Werben mit Abscheu von mir gewiesen?" „Weh, daß Du es tatst, und wehe, daß Du mich jetzt daran erinnerst." „Und ich tue es nochmals und wieder," rief das junge Weib außer sich. „Ich hasse Dich, ich haßte und verabscheute Dich schon als Kind, ein Greuel warst Du meinen Augen, solange ich denken und fühlen kann. „Denn Quälen und anderen Böses zufügen war die Wonne Deines Herzens." „Wenn Du anders zu mir gewesen wärest, wenn Du mich nicht immer geleizt und den bösen Geist in mir geweckt, die Wildheit meines Wesens hätte sich nicht so entwickelt," sagte Ismael. „Lade nicht die gräßliche Last Deiner Seele auf mich," sprach die Fürstin. „Verantwortlich ist der Mensch allein für seine Taten; denn Gott hat ihm die Erkenntnis gegeben, zu unterscheiden zwischen gut und böse, und den Willen als sittlichen Halt. Als Knabe rissest Du den Vögeln die Flügel aus, um sie au ihrem Flug zu hindern, warfst Du lebende Käfer ins siedende Wasser, um Dich an ihren Sprüngen zu ergötzen, und was für Dich Tiere in Deinen Knabenjahren, das wurden für Dich die Menschen in Deinem spätem Alter. Verderben und Vernichtung bezeichnen Deine Schritte. Der Untergang meines Hauses, der Tod meiner Brüder, das frischvergossene Blut Gedaljahs schreien um Rache zu Gott empor, zittre Mörder und verhülle Dein Angesicht, wenn 'der Ewige im Gericht erscheint." Ismael erbleichte unwillkürlich, und ein Schauer ging durch seinen Körper. Doch nein! es war nicht der Schmerzensschrei des erwachenden Gewissens, der sich zwischen seinen Lippen hervordrängte, es war der Schmerz seiner Wunde, der sich durch die Aufregung bis zum Unerträglichen steigerte. Floß glühendes Blei, schossen wilde Flammen von seinem Fuße bis ins innerste Herz? Er stöhnte und riß in dumpfem Zorne das Gras aus dem Boden, indem er in gräßlichen Worten die Zauberin verfluchte, die ihm das getan. „Das ist nur ein äußerlicher Schmerz, Ismael. Bedenke, wenn das Gewissen in Dir erwacht, wenn Dich das ganze schaudernde Bewußtsein überkömmt, was Du bist, was Du getan, wenn die Dir von Gott verliehene und von Dir zu Boden getretene Seele aus dem Todesschlaf erwacht und laut und pochend an ihr doppelt verlorenes Dasein mahnt? wehe Dir, wenn das geschieht; es wäre besser, Du wärest nie geboren." (F. f.) Jetzt wendete sie ihm plötzlich ihr Gesicht zu, und sagte hastig: Gesucht ein aufgeweckter Junge, Sohn achtbarer Eltern, als Lehrling in mein an Schabbos und Jomtof streng geschlossenes Kurzwaren- Engrosgeschäft. Achilles Loiy Straßburg I. Tiergartenstr. 17. Col:m.a,rer IMZöToel-IEHla^s - Max Wallenstein, Colmar Kopfliausstrasse 29. Komplette Wohnungs-Einrichtungen und einzelne Möbel. Eigene Stilreiner- und Tapciicrenverkstiitte. 2L7 Auskünfte besorgt prompt und zuverlässig auf alle Plätze des lnu. Auslandes Auskunftei Burgel UIFiTZ Ca. 300 Geschäftsstellen — la. Referenzen