Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 11 (13.3.1914)
- Date
- 1914-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das jüdische Klatt. Nr. 11 diese gleiche Bewertung der Menschenpersönlichkeit ohne Unterschied der Rangordnung kam im heiligen Tempel zu Jerusalem jeden Tag zum lauten Ausdruck durch das Morgen- und Abendopfer, zu welchem jeder in Israel durch die Schekelspende in gleicher Höhe beigetragen hatte. Die Forderung der Gleichberechtigung aller Menschen, dieser Angelpunkt aller staatlichen und religiösen Ordnung, welche das Altertum nicht anerkannte und die erst vor einem Jahrhundert nach blutigen, welterschütternden Kämpfen ausgesprochen wurde — das Judentum hat sie bereits vor Jahrtausenden vor aller Welt eindringlich verkündet. Und wie ist diese Lehre, die den Menschen nicht nach materiellen Gütern würdigt, so geeignet, Stolz und Eigendünkel, Selbstsucht und Engherzigkeit und sonstige, so oft hervortretende häßliche Begleiterscheinungen des Reichtums nicht aufkommen zu lassen! Siehe, so ruft die Halbschekelpende dem Reichbegüterten zu, niemals kannst du allein ein Ganzes vollbringen. Was du, selbst bei größter Hingebung leistest, ist ja immer nur ein Halbes, nur ein Teil, du bedarfst der Bruderleistung, auf daß es zu einem Ganzen werde, und ohne gleichstrebenden Genossen kannst du niemals ein Ganzes vollführen. Die Leistung des Einzelnen kann ja immer nur ein Bruchteil fein und nur durch das Zusammenwirken der Gesamtheit kann Dauerndes und Großes geschaffen werden. Wie kann daher der mit zeitlichen Gütern reich gesegnete geringschätzig auf den Niedrigstehenden herabsehen und nicht vielmehr eine Ergänzung seiner Selbst in ihm erblicken? Wie sollte er ihm nicht brüderlich die Hand reichen und ihm die Beschwerden des Daseins zu erleichtern suchen?- Tempel und Altar liegen in Trümmern, die Schekelspende findet nicht mehr ihre Anwendung, denn die Herrlichkeit Gottes leuchtet nicht mehr über Zion! Aber noch geht Sabbat Schekalim als erster Herold dem Feste unserer geschichtlichen Entstehung voran und richtet an alle jüdischen Kreise die ernste Mahnung, opferfreudig und in einträchtigem Zusammenwirken für die Sache Gottes und seine Verherrlichung einzustehen und uns zu der Höhe der Bestimmung zu erheben, zu welcher unsere Väter einst berufen wurden, als sie die göttliche Allmacht von der Finsternis der Sklaverei zum Lichte der Freiheit geführt. Rabb. Schüler. Aus aller Welt. Derrlschlarrd. Aus der Agudas-Iisroel-Vewegung. Berlin. Hier erfolgte am Sonntag den 8. März unter äußerst reger Beteiligung die Gründung einer Mädchengruppe. Nach kurzer Begrüßung von seiten des Gründungskomitees, sowie des Vorstandes der hiesigen Ortsgruppe nahm Herr Dr. Segall das Wort zu seinem Referat über die Notwendigkeit der Agudas Jisroel. Nach lebhaftem Beifall trat Herr Dr. Meier Hildesheimer an das Rednerpult. Stürmisch wurde der allverehrte Jugenderzieher nach seiner langen Abwesenheit von der großen Zahl seiner jetzigen und früheren Zöglinge begrüßt. Er setzte die Aufgaben und Ziele der Mädchengruppe auseinander und führte in beredten Worten aus, wie die Jugend es sei, von der man die Renaissance des Judentums erwarte und auf die die ganze Judenheit erwartungsvoll Hinblicke. Den begeisternden Reden folgten einige geschäftliche Mitteilungen: Am Sonntag den 15. d. M. findet das Purimfest der vereinigten Jugendgruppen abends 7 Uhr im Burghotel statt. Die nächste Mitgliederversammlung wurde auf Sonntag den 22. d. M. festgesetzt. Tagesordnung: Vorstandswahl für die Mädchengruppe, Bekanntgebung der Schiurim, sowie etwaige Neueinrichtungen, Vortrag des Herrn kand. phil. Leo Deutschländer über „Samson Raphael Hirsch und seine Bedeutung für das Judentum der Gegenwart". Auf Wunsch der in den westlichen Vororten wohnenden Mitglieder ist im jüdischen Studentenheim Charlottenburg ein allsabbatlich von halb 5 bis halb 6 Uhr stattfindender Dinim-Kursus eingerichtet worden. Anschließend findet ebendort ein gemütliches Beisammensein bei Tee und Gebäck statt. Die Leitung liegt in den Händen des Herrn stud. phil. Harry Levy. — Die Agudas-Jisroel-Ortsgruppe Berlin veranstaltet am Montag den 16. März, abends 8 Uhr, in der Ressource, Oranienburgerstraße 18, eine öffentliche Versamlw lung, in der Herr Dr. Meier Hildesheimer über das Thema „Für die Agudas Jisroel in Amerika" sprechen wird. Breslau. Wie wenig gewisse Regierungspräsidenten es mit der Gewissensfreiheit der Juden genau nehmen, zeigt die Verfügung des Regierungspräsidenten von Schwerin in Oppeln, betreffend die Einschränkung des Schächtens in öffentlichen Schlachthäusern, von der wir in letzter Nummer berichteten. Sie hat folgenden Wortlaut: „Das Schächten ist seit einer Reihe von Jahren von dm verschiedensten Seiten, namentlich von Tierschutzvereinen, als Quälerei bekämpft worden. Ich lasse die Frage offen, ob mit dem Schächtschnitt selbst eine Quälerei verbunden ist, obwohl die Schlachthoftierärzte, die als die erfahrensten Sachverständigen in dieser Hinsicht gelten können, fast durchweg auf diesem Standpunkte stehen. Unzweifelhaft ist jedenfalls, daß wenigstens die dem Schächten vorangehenden Vorbereitungen mit weit mehr Quälerei und Beängstigungen der Schlachttiere verbunden find, als die gebräuchlichen Verfahren zur Betäubung, und daß deshalb im Interesse des Tierschutzes, sowie auch aus anderen Gründen die Tötung nach vorangegangener Betäubung dem Schächten unter allen Umständen vorzuziehen ist. Diese Erwägung läßt es angezeigt erscheinen, darauf hinzuwirken, daß das Schächten auf das für den jüdischen Bedarf wirklich notwendige Maß eingeschränkt wird, und z. B. nicht auch an Tieren zur Ausführung gelangt, von denen vielleicht nur Teile oder einzelne Stücke für den jüdischem Bedarf abgegeben werden sollen. Zur Erreichung dieses Zieles hat man in verschiedenen Schlachthausgemeinden mit gutem Erfolge erhöhte und zwar doppelte oder dreifache Schlachtgebühren für das Schächten festgesetzt. Diese Maßnahme ist unbedenklich und sachlich berechtigt, da das Schächten die Beschaffung und dauernde Instandhaltung von besonderen Einrichtungen erforderlich macht, mehr Zeit in Anspruch nimmt und in der Regel auch eines größeren Platzes im Schlachthause benötigt. Aus denselben Gründen erscheint es gerechtfertigt, den jüdischen Gemeinden die Beschaffung und Unterhaltung der Schächtmsttel aufzuerlegen, sowie das Schächten auf besondere Tage oder Tageszeiten zu beschränken. Ich ersuche, diese Fragen einer eingehenden Prüfung zu unterziehen und mir nach Jahresfrist zu berichten, was dort zur Einschränkung des Schächtens veranlaßt worden ist, gegebenenfalls, welche Erfolge dabei zu verzeichnen waren." Man sieht: Der ehrenwerte Herr Regierungspräsident hat nicht die Macht, das Schächten zu verbieten. Aber entgegen dem Urteil höchster Vertreter der Wissenschaft vertritt er die Meinung, es fei Tierquälerei und hält sich deshalb für berechtigt, durch Empfehlung schikanöser ortspolizeilicher Bestimmungen das Schächten zu erschweren oder einzuschränken. Die Reoierung, die die Religion zu stärken wünscht, sollte solche Eingriffe in die Religionsfreiheit verhindern.