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Das jüdische Blatt · 1914-02-20 · 8 (20.2.1914) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
8 (20.2.1914)
Date
1914-02-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Klatt Nr. 8 Inhalt. Leitartikel: An der Grenze. — Rassischer Ministerwechsel. — Frankreich und die russische Pahfrage. — Der neue Ritualmordprozeh. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Vermischtes. — Rätsel-Ecke. — Gedaljah. — Inserate. Zu ctodto D. An der Grenze. In allen Beziehungen, welche im Leben die Berührungen mit andern schaffen, gibt es zwei Wege. Der eine geht auf den Bahnen dessen, was geschehen m u h, das ist der Weg der Pflicht, der andere ist von der Liebe geschaffen; er ist der bessere. Es bedarf nur eines Hinweises auf die Grade des Patriotismus; der eine leistet, was geleistet werden muß an Wehr und Steuer, der andere lebt in dem Gedanken, selbstlos und uninteressiert für das Wohl des Landes zu sinnen und zu handeln. Auch im religiösen Leben und Weben sind diese Grenzgebiete am schwersten zu verteidigen. Wenn eben nur das Muß Herrscher in Erfüllung des religösen Pflichtenlebens ist, und man sich so namenlos ängstlich hütet, das Gebiet des Einflusses religiösen Denkens auf das Bereich freiwilliger Hingabe treuer Liebe zu erweitern, das individuelle Leben bis zum letzten Atemzuge in den Rahmen des Religiösen einzufügen, dann ist ein Wort des Wochenabschnittes nicht beachtet. Es ist ein seltsam Ding. Mischpotim gibt eine Fülle strenger Rechtsabgrenzungen für Ehre und Eigentum, für Freiheit und Unterordnung, für Arbeit und Ruhe, für Geben und Nehmen; die Krönung des Ganzen aber ist die Mahnung (XXIII, 13): In allem, was ich euch sagte, seid sorgfältig. Diese Sorgfalt, diese liebevolle Pflege des Religiösen, kann herrliche Früchte zeitigen, das Außerachtlassen ist ein stetiger Rückzug von der Grenze, verheerend bis tief ins Innere. Es ist nicht zu kühn, wenn man behauptet, daß diese Frage stets und überall das religiöse Leben überhaupt ist. Wird stets verdrossen danach gesucht, wie man die religiöse Forderung auf das denkbar kleinste Mindestmaß herabschrauben kann, wird selbst dieses Mindestmaß nur mit dem bitteren Beigeschmack des Erzwungenen erfüllt, wie ein Kind etwa, das nur ungerne seinen alten Eltern eine zwar pünktlich, aber unwillig geleistete Monatsrente gewährt, dann ist es der Beginn eines Verfalls. Wie sinnig sagen deshalb unsere Weisen s. A., daß in der obigen Mahnung zur Sorgfalt der Allmächtige den Menschen einen Grenzwächter gegeben hat, welcher bei jedem religiösen Gebot steht mnttO iTtfy 5D22 nwyb. Je reicher sich durch eine religöse Vorschrift die Beziehungen zum Schöpfer gestalten, desto heilvoller wirkt sie. Es sind aber da gerade die Verbote, welche oft an das Innenleben mit größerem Ernste herantreten, deren Beachtung eine größere Hingabe erfordert und erzeugt, ein ständiges Aufmerken, eine ständige Unterordnung. Aber gerade dadurch entfaltet sich das Eigenleben aufs Herrlichste. Und so sieht denn ein Erklärer der heiligen Schrift in unserem Verse eine wunderbare Verheißung. In allem und durch alles, was ich euch sagte, werdet ihr gewahrt bleiben, wird euer Selbst zur glanzvollen Betätigung berufen sein. Auf und nieder wallt das religiöse Leben, von vielen Seiten dräuet der Feind, es ruft die Pflicht zum Kampfe, sie wird siegen, wenn sie an die Grenze die Liebe entsendet, die starke, selbstlose opferfreudige Liebe. P. K. •Kufftfdjer Ministerwechsel. Die politischen Machtverhältnisse Rußlands treiben immer mehr einem asiatischen Despotismus zu. Der einzige Europäer im russischen Ministerium war noch Kokowzow. Er hat zwar den Druck, den Stolypin auf die nichtorthodoxen Völker Rußlands ausübte, nicht im geringsten erleichtert. Er hat die Nationalisten gewähren lassen, als sie in skruplellosem Haß die Juden bedrückten und die Vertreibung von Juden systematisch ins Werk setzten. Er hat keine von den grausamen gegen die Juden angewandten Drangsalierungen verhindert. Aber er hat diese haßerfüllte Verfolgungspolitik auch nicht gefördert, er hat den blutdürstigen Wünschen der „Echtrussischen Leute" keinen Vorschub geleistet; er hat sich deshalb das Mißfallen dieser einflußreichen Politiker und der mächtigen Kreise des Hofes, die den Zaren beherrschen, zugezogen und ist ihnen schließlich zum Opfer gefallen. Obgleich er reaktionär bis auf die Knochen ist, ein Feind der parlamentarischen Konstitution, war er doch darin Europäer, daß er für den Ruf Rußlands in Westeuropa besorgt war, daß er deshalb die Progrome verhinderte, die unter seinem Vorgänger Rußlands Namen mit unschuldig vergossenem Blut bespritzten. Uebrigens muhte er für die Aufbringung einer sehr großen Anleihe in Europa aufkommen und schon aus diesem Grunde darauf bedacht sein, Westeuropa bei Stimmung zu erhalten. Vielleicht hätte er infolge seiner milderen Gesinnung auch den Kiewer Prozeß verhindern wollen, aber er war wie in früheren Fällen so auch in diesem,. machtlos gegen den Justizminister Tscheglonitow, der mit verblendeter Beharrlichkeit daran hielt, den Kiewer Prozeß in Szene zu setzen. Er hat die im reaktionären Sumpf steckende russische Regierungsmaschine nicht um einen Schritt vorwärts gebracht. Aber bei der trostlosen Lage aller freiheitlichen Bestrebungen in Rußland ist es immer noch ein Verdienst, den Regierungswagen nicht mit Mutwillen rückwärts in asiatische Verwilderung zu drücken. Nun hat Kokowzow das Feld räumen müssen, Tscheglonitow aber bleibt der Herr der Situation. Und an Kokowzows Stelle kommt als Ministerpräsident Goremykin,*) die Hoffnung der Reaktionäre. Goremykin war schon einmal Ministerpräsident nach Entlassung des Grafen Witte, gleichzeitig mit dem Zusammentritt der ersten Duma. Schon damls hat er der Duma Trotz und Hohn entgegengebracht. Heute ist der Boden für ihn geradezu vorbereitet, für ihn, den Mann der schärfsten Reaktion. Unter ihm wird es für die Bedrückung und Verfolgung der Juden keine Hemmnis mehr geben. Wie bedrohlich dadurch die Lage der 6 Millionen Juden in Rußland wird, welche Schrecken uns unter einem derartigen Regiment bevorstehen, ist gar nicht abzusehen. Nach den Geiseln die Skorpionen! Es ist ein fürcherlicher Gedanke, daß so echte Russen am Ruder sind in einer Zeit, wo ein neuer Ritualmordprozeß mit teuflischer Bosheit wie eine Giftbrut gezüchtet wird und ein Schächtverbot für ganz Rußland im Ministerkabinett zur Beratung steht, ein Verbot, das von Tscheglonitow, dem mächtigen Justizminister, dem Inszenator des Beilisprozesfes, betrieben wird. So hoffnungslos die Lage der Juden gewesen ist, sie kann leider noch viel schlimmer werden. Sollten es die jüdischen Bankhäuser und Kapitalisten unter solchen Verhältnissen mit ihrem Gewissen vereinigen können, durch Zeichnung auf die bevorstehende russische Anleihe eine Regierung zu stärken, die mit asiatischer Grausamkeit sich anschickt, mit ihrem Schächtverbot die Juden bis in ihre Gewissen zu verfolgen und sie zugleich zu Mördern von Religions wegen zu stempeln. *) Goremykin soll, wie angenommen wird, der Platzhalter für den augenblicklich erkrankten Landwirtschaftsminister Kriwoschein sein. Das ändert an der Lage gar nichts.

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