Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 5 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 5. Da» jüdische Blatt. 13 du es erlaubst, so will ich vorangehen und ihn dir zeigen," versetzte Gedaljah, ohne die Augen zu dem hohen, bleichen Frauenbild zu erheben. Er ging und die Frauen folgten, außer Dinah, in ehrerbietiger Entfernung hinter ihnen zurückbleibend, so daß die drei fast allein waren. Der Regen hatte vor wenigen Tagen'aufgehört, und der Boden begann sich mit jungem, glänzendem Grün zu bedecken; auch die Sträuche und Stauden schlugen ihre hellgrünen Keime aus, während die Feigen und Oelbäume in ihrem ewig dunkeln Schmucke dastanden. Mit unermüdlicher Sorgfalt entfernte der Fürst das unscheinbarste Hindernis auf ihrem Wege, aber aufgeblickt hatte er noch nicht, auch nicht die Lippen gereat zu einem Worte. Endlich unterbrach Zippora, schon naheHihren Wohnung, das Schweigen. „StaWalter von Mizpa, wie ich vernommen, ist mein Los in deinen Händen, und wenn du dein Recht über mich geltend machen willst, so muß ich." „Rein, nein," unterbrach er fast heftig, ehe sie noch ganz ausgesprochen, und jetzt stand er ihr gerade gegenüber und sah ihr ins Gesicht mit einem festen, edlen Blick. „Rein, die Tochter meines Königs ist Herrin über ihr Geschick, und kein Mann auf dieser Erde hat Macht über ihren freien Willen. Wohl hat mir der König von Babylon also befohlen," fuhr er fort, und wieder bedeckte ein dunkles Rot seine Wangen, „aber nie werde ich von diesem Recht Gebrauch machen. Und nicht nur das," setzte er nach einer Pause hinzu, „damit nicht einmal ein Schatten dieses Bewußtseins mehr deine Ruhe störe, so entsage ich ihm in deiner und Gottes Gegenwart für immer." — „Du bist ein edler Mann, Fürst Gedaljah," sprach die Prinzessin, bewegt von der edlen Sprache und der Gesinnung des jungen Mannes. „Habe Dank für deinen Edelmut." „Und du für deine Wor-te, sie sind mir Lohnes genug. Doch noch eins. Wenn ich auch diesem Rechte entsage, einem andern nicht," fuhr der Fürst fort. Ihre Anerkennung hatte ihm Mut gemacht und die zuvor gebannte Zunge löste sich. „Jochanan bat mich, Dich und seine Schwester zu schützen und euch brüderlich beizustehen in allen Lagen des Lebens; es war sein letztes Wort an mich, das bitte ich Dich eingedenk zu sein, hohe Fürstin, und Du auch, Schwester meines Freundes." Bei diesen Worten wendete er sich im Abgehen zum erstenmal an das junge Mädchen und wurde betroffen, von der Lieblichkeit und Kindlichkeit dieses Antlitzes, aber noch mehr von dem seelenvollen Ausdruck, der aus den tränenfeuchten Augen sprach. EinAuferstandener. . Gedaljah kam von einer Wanderung zurück, er hatte die nahegelegenen Dörfer und Höfe besucht, um sich von den Fortschritten und dem Gedeihen derselben zu überzeugen. Und volle Befriedigung füllte seine Seele; Frieden und Tätigkeit herrschte überall. Die junge Saat sproßte auf den Feldern, und in den Häusern fing sich an, die Sitte und der reine Familiensinn heimisch zu machen, und das Vertrauen und die Liebe zu Gott, Wurzel zu schlagen. Als der junge Fürst die olivenbegränzte Anhöhe betrat, die zur Statthalterei führte, kam von oben ein Mann herunter, bei dessen Anblick Gedaljah plötzlich unbeweglich und wie festgewurzelt stehen blieb ... Es war eine hohe kriegerische Männergestalt in babylonischer Tracht, aber dies Gesicht .... dieses Gesicht konnte doch nur einem Menschen angehören . . . Gedaljah riß sich los und einen Schrei ausstoßend, stürmte er die Anhöhe hinauf. Aber auch der Mann hatte ihn erblickt, und eilte mit ausgebreiteten Armen ihm entgegen. In der Mitte des Weges trafen sie sich, und stürzten einander in die Arme, und umschlangen sich in stummer, wortloser Bewegung. Minuten vergingen, ehe sie sprechen, ehe sie nur ein Wort in ihrer freudigen Erschütterung finden konnten. Sie sahen sich in die Augen, die von Tränen feucht waren, lange, lange . . . endlich sagte Gedaljah, indem er nochmals den Arm um den Nacken schlang: „Jochanan, sag mir, daß es kein Traum ist, daß meine Sinne nicht verwirrt sind! Du, Du bist uns zurückgegeben?! Wo warst Du? woher kommst Du?" „Aus Babyloniens weiten Gefilden, mein teurer Freund. Doch viel sind der Worte, die ich zu erzählen habe." „Das sollst Du nicht, bevor Du Dich erquickt hast, komm, komm! O Gott, wie groß und barmherzig ist Dein Name!" Arm in Arm schritten sie die Anhöhe hinauf zwischen den dunklen Oelbäumen hindurch, und als sie oben den kleinen freien Platz vor dem Hause erreichten, blieben sie einen Moment stehen, überwältigt von dem friedlich schönen Landschaftsbild. Unwillkürlich fiel der erste Blick des jungen Fürsten auf das Palmenhaus im Tale, und ein tief, unbekanntes Weh durchzitterte seine Seele, und mischte sich unbewußt sekundenlang mit einem plötzlich aufsteigenden Gefühle des Bedauerns, aber nur sekundenlang. Die Freundschaft war stärker, als alles, und drängte jedes egoistische Gefühl zurück. „Weißt Du, wer da unten wohnt?" fragte er, und seine Hand deutete nach dem Tale. Hastig wendete ihm Jochanan das volle Antlitz zu . . „S i e, j a s i e und Deine Schwester. O die Freude! Du gibst ihnen Leben und Gesundheit wieder." Schon wollte Jochanan den Berghang herunterstürmen: doch Gedaljah hielt ihn fest und ihm in das, vor Bewegung zuckende Gesicht blickend, sagte er: Halt, mein Freund! Dein plötzlicher Anblick könnte sie töten. Ich will sie erst auf diese Freude vorbereiten. Dort zwischen den Bäumen erscheint Jeremia, begrüße unterdes den Propheten, ich hole Dich bald." Es war ein schöner Abend, der diesem Tage folgte. Unten im Tale, vor dem Palmenhause saßen sie alle: Jeremia, Jochanan und Gedalja. Zippora mit ihren Frauen und auch vieles Volk aus Mizpa, das gekommen war, den Auferstandenen zu sehen und den wunderbaren Bericht seiner Lebensrettung zu hören. Zipporas Angesicht war rosig angehaucht, ihre Augen strahlten in wunderbarem Glanze, erst im Strahle des Blickes offenbarte sich ganz ihre großartige Schönheit. Auch Dinas Augen leuchteten, so oft sie in das Angesicht des geliebten Bruders sah, obwohl sich oft ein still sinnender Zug über ihr sanftes Gesicht breitete. Jochanan erzählte: „Wie ich in jener Nacht mit den Jünglingen auszog, wißt ihr, und auch wie wir zurückkehrten. An den Mauern erwarteten wir den betrogenen Feind und stürzten uns dann in die heranstürmenden Reihen. Es war ein grausiger Kampf. Ich sah einen nach dem andern der Gefährten fallen; im Getümmel mußte ich an den Rand eines Abhanges gedrängt worden sein, denn plötzlich traf auch mich ein Keulenschlag an die Stirne, und ich fühlte, daß ich wankte und eine steile, tiefe Böschung hinunterrollte! Dann verlor ich das Bewußtsein. Wie lange ich in diesem Zustande gelegen, weiß ich nicht: ich weiß nur, daß ich erwachte, daß mir der Kops wie glühendes Feuer brannte, und daß mir