Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1914-01-30 · 5 (30.1.1914) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
V (1914)
Issue
5 (30.1.1914)
Date
1914-01-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9052070-9097324-9053020--0957-9053022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 Das jüdische glatt Nr. 5. Inhalt. Leitartikel: Diese Mondei Neuerung, sie gehöret Euch. — Das Gewissen Frankreichs. — Quelle est la mission de rhomme sur terre? — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Bücherbesprechung. — Geschäftliche Mitteilungen. — Briefkasten. — Gedaljah. Inserate._ Zu Diese Wonderneuerung, ste gehöret Euch. Ein Bild aus alter Zeit. Ein kleines Dorf im Halbdunkel der eben gewordenen Nacht; der Sabbatabend-Gottesdienst ist eben beendet. Da treten die Männer und Knaben aus der Synagoge auf den freien Platz vor der Synagoge, auf den „Schulhof", jeder ein brennendes, flackerndes Lichtftümpchen in der Linken und in der Rechten ein abgegriffenes Gebetbuch. Ein leises Murmeln und dann sprechen sie mit lauter Stimme das Gebet, das man nennt die Heiligung des Schöpfers angesichts des Neumondes. Plötzlich ein freundliches Nicken und Grüßen, sie haben einander den Frieden geboten; dann gingen sie heim und boten ihren Frauen und ihren Töchtern den Wunsch: Gut Chaudesch.- Die Schulhöfe liegen verödet und der Allgemeincharakter in der Erfüllung dieser religiösen Pflicht. Wie sagt doch der Prophet: „Einer in der Stadt und zwei in der Sippe." Wohl wird sich der eine oder andere noch finden, welcher auch dieses Gebot mit aller Innigkeit erfüllt, allein für viele ist es verloren und mit ihm viel heiliges Innenleben. Denn so, wie unsere alten Weifen diese Pflicht erklären, ist es ein mächtiger Sieg, ein unwiderstehliches Bezwingen der Welt. Liegt die Versuchung nicht nahe und sind ihr nicht schon viele erlegen, gerade in den regelmäßigen Erscheinungen der Natur etwas Starres zu erblicken, das sich selbst seine Gesetze gibt und gegeben hat, das eines Lenkers entraten kann? Darum ist das Gebet in dieser Stunde ein freudiges Bekenntnis, eine Verkündigung des Sieges Gottes über die Welt. Er hat das Gesetz des Wechsels gegeben, er hat es in seiner Hand. So saget der eine der Weisen und deshalb schließe man den Segensspruch mit den Worten: 2HTO, er ist es, der die Monate erneut. Allein, so saget ein zweiter, bange Frage lastet auf der Seele des denkenden Menschen, was soll dieses ewige Werden und Wechseln, dieses ewige Keimen und Welken? Nun, das Bangen löset sich in süßes Hoffen, wenn du erkannt hast, daß all diesem Wechsel, wie auch in deinem Leben, der Wechsel von Streben und Ruhen entspricht, wie dich die einfachste Beobachtung des Naturganzen die harmonische Einfügung der Mondesstrahlen in das Weltganze lehrt, wie segensreich sie wirken. Und deshalb wäre es auch richtig, würde der Segensspruch schließen: □v£Hn er ist es, der auch die wechselnden Monde mit einer Ausgabe betraut hat, ein Gedanke, den wir im Texte unseres Gebetes in den Worten c^p p^-] DMOSin QiETtf wiedergeben: „Sie freuen sich, nach dem Willen ihres Schöpfers zu wirken." Das ist der Sieg über die Stunden der Verzweiflung, des öden Nichts in Deiner Seele. Auch du bist berufen, auch du auserkoren, auch du Sieger des Lebens. Doch nun merk auf, sagt der dritte, merk auf und sei stolz! Nun sollst du über den Tod siegen?) Was wäre alles Schöne, alles Gute, alles Reine in der Natur, wenn es nicht in der Brust der Menschen einen Widerhall fände, nicht dort die Flamme der Treue und des Vertrauens entzündet, wenn es nicht des Menschen ') Dibr srnp mix px mix crnpo bxnsr px dx. Auge das Schauen lehrt, das Schauen des Ewigen, des Bleibenden in der Erscheinungen Flucht? Und dies die Welt zu lehren, hat der Ewige dich berufen, Israel; sollst die Menschheit lehren, zu siegen über zeitliche Enge und räumliche Beschränkung. Deshalb magst du am Schlüsse des Segensspruches auch sagen EHpQ, er ist es, der Israel seinen Beruf, seinen Zweck, sein Ziel gegeben hat. Und darum sagen wir: „Siehe da, es nahet die Stimme meines Freundes." Eine alte, seltsame Kunde sagt, wer dieses Gebot erfüllt hat, kann im Laufe dieses Monats nicht sterben. Oder meinst du etwa, der Tod ist ein Sterben, wenn du dein Leben dem Strahl ewiger Unsterblichkeit so nahe gebracht hast in Erfüllung deines Daseinszweckes? Und darum grüße deinen Bruder und biete ihm den Frieden, und darum verkünde die Unsterblichkeit deines Volkes im Wechsel der Zeiten. Das ist die „Mondesweihe" Israels. I\ K. Das Gewissen Srankreichs. Es gab eine Zeit, da hieß es, Picquart sei eine Unehre für die französische Armee, jetzt sagte in der Kammer der Kriegsminister Noulens von ihm: General Picquart war in einer schweren Stunde das Gewissen Frankreichs. Fünfmal wurde Picquart ins Gefängnis geworfen, alle Mittel wurden versucht, ihn einzuschüchtern und ihn von dem Bekenntnis der Wahrheit abzubringen. Aber als Chef des Nachrichtendienstes hatte er das Geheimnis von der Unschuld des nach der Teufelsinsel verurteilten Kapitäns Dreyfus und von der Schuld Estherhazys und der übrigen Komplottführer des Henry und des Paty de Clam entdeckt. Er wurde nach dem Hinterland Tunesiens verschickt. Auf den Steppen Tunesiens sagte er seinem Vorgesetzten das bekenntnismutige Wort: Dies Geheimnis nehme ich nicht mit ins Grab. Er war ein tapferer Soldat, aber er opferte den Geist militärischer Kameradschaft der Majestät des Rechts. Er verzichtete auf seine zukunftsreiche militärische Laufbahn und war der einzige Militär, der für die Unschuld Dreyfus' in allen Prozessen Zeugnis ablegte. Sein feines Gewissen gestattete ihm nicht, anders zu handeln; Picquart wurde in jener Stunde zum Symbol für das Gewissen Frankreichs. Was doch die Idee der Gerechtigkeit für eine Gewalt über gesittete Menschen haben kann. Da fanden sich in der Zeit der Dreyfus-Affäre eine Anzahl Männer, die bereit waren, ihre Existenz, ihr Leben, die Achtung ihrer Mitbürger zu opfern, nur um der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Die Scheurer Kestner, Zola, Picquart und Pressensv — Pressens6 ist ebenfalls in diesen Tagen gestorben — sind prächtige Heldengestalten, die ihrem Vaterlande, der ganzen Menschheit zum Ruhme gereichen. Ein Land, das solche Männer hervorbringt, hat die großen Prinzipien der französischen Revolution nicht umsonst durchgekämpft. Denn, was diese Männer gekämpft und erduldet haben, haben sie nicht Menschen oder Parteien zuliebe getan, vielleicht nicht einmal in letzter Instanz ihrem Vaterland zulieb, sondern allein der Wahrheit und der Gerechtigkeit wollten sie in selbstloser Aufopferung dienen. Der Gefolterte war ja ein Jude, und damals beherrschte der Antisemitismus die Verwaltung und die Straße. Der unschuldig Verurteilte war der Kapitän Dreyfus, der nur Wenigen Sympathien einflöhte. In anderen Ländern hätte man es vielleicht mit der heimtückischen Verletzung der Wahrheit nicht so tragisch genommen (vergleiche Oesterreich und Hilsner), der Verurteilte war ja nur ein Jude. Was lag aber diesen Männern, die es mit einer irrgeführten Volksmasse aufnahmen, an der Rasse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.