Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- V (1914)
- Issue
- 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Das jüdische Blatt Nr. 3. Prozeß von Kiew war kein Symbol religiösen Kampfes, er hatte vielmehr einen politischen Hintergrund, das ganze Judentum mit einem Schlage zu vernichten. Las entnervende Progromgespenst lastet noch jetzt auf den Juden wie ein Bleigewicht. Die Aufregung der deutschen Juden beweist unzweideutig, daß auch die Strahlen ihrer Gleichberechtigung durch das Prisma des Golus im dunkeln Zarenreiche gebrochen werden. Mit aller Härte und Schärfe muß man das unwürdige Verhalten der jüdischen Geldfürsten verurteilen, die wohl zum Judentum sich mit freudigem Stolze bekennen, was sie aber keineswegs hindert, das klassische Land der Tyrannei mit Geld nach wie vor zu speisen. Die Zionisten in Berlin protestierten und brandmarkten die ungeheuerliche Beschuldigung des Ritualmordes als Schandfleck unserer Zeit, aber mit dem Protest legten sie auch gegen die russischen Geldgeber ein Feuerchen an, um ihr würdeloses Treiben beim vollsten Lichte zu betrachten. Nur durch den Zionismus, meinte der Referent zum Schluß, könnte die brennende Judenfxage gelöst werden. Stürmischen Beifall zollte das Publikum den fesselnden Ausführungen des Redners. In der lebhaften Diskussion, die sich dem Vortrag anschloß, wurde von Herrn Josef Braun die Frage über das Verhältnis der Religion zum Zionismus angeschnitten. Viele Anwesende konnten sich mit den religiösen Anschauungen des Referenten nicht befreunden. Nach längerer Auseinandersetzung und nach einem gemütlichen Beisammensein trennte sich jeder mit dem Bewußtsein, Zeuge eines interessanten Abends gewesen zu sein. Lingolsheim. Samstag abend, den 17. Januar, spricht Herr Referendar Dr. I. Schneider aus Straßburg im hiesigen Jugendbund über Napoleon und die Juden. Der Herr Referent steht aus dem Vorjahre hier noch in bester Erinnerung. r. Metz. Unsere Gemeinde, die auf allen Gebieten der Nächstenliebe unermüdlich vorbildlich tätig ist, hat wiederum einen Beweis ihrer Nächstenliebe bewiesen. Auf Anregung des Herrn Oberrabbiner Dr. Netter wurde eine größere Sammlung veranstaltet, um den armen jüdischen Kindern warmes Frühstück und Mittagstisch im jüdischen Hospiz zu verabreichen. r. Metz. Den zweiten Teil seiner Feier feierte Sonntag abend die Jeunesse Jsraelite. Der Festsaal war von Mitgliedern, ihren Familien und Bekannten fast gefüllt, da aber das Programm ausschließlich französisch war, waren nur wenige Eingewanderte erschienen. Der langjährige Präsident Herr Hannaux eröffnete den Abend mit einem Vortrag. Darauf gab der Tresorier des Vereins einen Rechenschaftsbericht, aus dem wir entnehmen, daß die Jeunesse Wohltätigkeit ohne Unterschied des Standes und Glaubens übt. Der Festprolog wurde von Frl. Pauline Lion gesprochen, darauf mehrere Konzertstücke, worauf verschiedene junge Damen Gesangspiecen, Monologe usw. in künstlerischer Weise vortrugen. Zu erwähnen sind die Damen Rose Levy, Marguerite Lazard und Blanche Lambert. Besonders starken Beifall fand ein Duo, gesungen von Frl. Hirschberger und Simone Levy. Ein wohl gelungener Ball hielt die Teilnehmer bis in die frühesten Morgenstunden zusammen. Wir wünschen der „Jeunesse Jsraelite" viel Erfolg zu ihrer mühevollen Arbeit. Möge sie in 25 Jahren im Verein mit der ganzen jüdischen Bevölkerung ihr 100jähriges Jubiläum feiern. Der Dank des ganzen Vereins gebührt vor allem unserem verehrten Präsidenten Herrn Hannaux. s. Rappollsweiler. Nach viermonatiger Frist kam letzten Mittwoch vor dem hiesigen Amtsgericht der Prozeß des hiesigen Kantors Jakob gegen die israelitische Gemeinde zur Verhandlung. Wie bekannt, hatte die Gemeinde den Kantor I. seiner Stelle ohne vorherige Kündigung entsetzt. Die israelitische Gemeinde wurde verurteilt zu einer Entschädigungssumme von 400 Jl und ollen Kosten. Regisheim. Die Familie Charles Wahl hierist von einem schweren Schlage getroffen worden. Eine tückische Krankheit hat ihnen ihr jüngstes Bübchen im Alter von 3A Jahren entrissen. Möge der Allmächtige das arme Elternherz stark machen. Bayern. Ansbach. In Herrn Heinrich Bernheimer verloren wir ein treffliches Mitglied unsrer Gemeinde. Er war enge mit ihr verwachsen und stellte seine besten Kräfte in den Dienst derselben. Gut und treu — das waren die Grundzüge seines Wesens. rOXlD Ansbach. Ein Todesfall von erschütternder Tragik versetzt uns in tiefe Trauer. Unmittelbar vor der Vollendung seiner Studien warf eine tückische Krankheit Herrn Sali Mahler aufs Krankenbett, von dem er nimmer erstehen sollte. Trotz seiner Jugend von seltener Charakterstärke, war der Verklärte ein Muster der Treue, ernst im Erfassen seiner Aufgabe, groß in der Betätigung seiner Pflicht, groß in der Hingabe an die Seinen. Der Allmächtige friste die Familie des uns allen unvergeßlichen Menschen. i“Q^n München. Und wieder einmal rauscht's im bayrischen Blätterwald. Die Wahrscheinlichkeit, daß bei der bevorstehenden Beratung des Kultusetats die Frage der Revision berührt wird, hat seltsame Kämpen auf den Plan gerufen, zum Teil in so abenteuerlichen Phantasien, daß man jeden Wirklichkeitssinn schmerzlich vermißt. Uns beschäftigt zunächst nur die Orthodoxie, denn wir stehen nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die Revision als ein religiöses Problem zur Debatte steht und daß es in einem religiösen Problem Kompromisse nicht geben kann. Erfaßt man das religiöse Problem in seinem Kernpunkte, so lautet es: Darf die Orthodoxie helfen, eine entgegengesetzte Anschauung als gleichberechtigte Richtung im Judentum festzustellen? Im einzelnen ergeben sich folgende Unterfragen: 1. Mit welchem Rechte kann die Orthodoxie für Proportionalwahl eintreten? 2. Wie kann es die Orthodoxie verantworten, für die „Erstgeburt" der Austrittsmöglichkeit das Linsengericht der Zentralkasse zu geben, welche füglich lediglich als 'Landeskirchensteuer in Erscheinung treten kann? 3. Wie können ernste Juden den Austritt nur erstreben, um damit ein Kompensationsobjekt für Rechte und finanzielle Leistungen in der Hand zu haben? Ist das Autoritätsprinzip ein Prinzip — eh bien, dann kann man es aber nicht durch Proportionalwahl und Zentralkasse negieren. Ist es kein Prinzip, sondern nur ein Ventil, dann — ja dann ist es ein viel zu gefährliches Spiel mit dem Wesen der Gemeinde. Wir halten es ebensowohl für Neologie als für Orthodoxie für wenig schön, daß man es nicht verstanden hat, wirklichen Gewissenskonflikten vorzubeugen. Wie kann ferner die Orthodoxie für die „Rechte der Rabbiner" eintreten? In wirklich orthodoxen Gemeinden ist die Autorität im Religionsgesetz gegeben und andererseits waren ja im letzten Grunde alle Reibungen gerade durch diese Rechte entstanden. Darum gilt unser Wort der Orthodoxie: Mehr Religion und weniger Politik. Lieber gedrückt und verfolgt, als handeln mit Möglichkeiten. Prentzen. Frankfurt. Die Agudas-Jsrael-Jugendgruppe ersucht, zu unserm Bericht über den Jugendtag noch folgendes nachzutragen: Am Freitag setzten die eigentlichen Verhandlungen ein. Auf Antrag Deutschlaender-Berlin wurden Frankent h a l - Frankfurt, Dr. Moses- Berlin, Dr. Mayer- Hamburg